Zum 200. Geburtstag

Karl Marx (1818-1883) Die Chinesen haben der Stadt Trier ein Geschenk gemacht – manche meinen auch ein „Danaer-Geschenk" - eine Karl-Marx-Statue.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Zum 200. Geburtstag
500 mal Karl Marx. Schon 2013 war die Geburtsstadt des Politikers Austragungsort für eine Installation

Bild: Thomas Wieck/AFP/Getty Images

Die schöne große Karl Marx Statue soll zum 200. Geburtstag des Philosophen im nächsten Jahr aufgerichtet werden.

Die Stadtoberen zeigen dabei wahre Größe. Der Deutschlandfunk zitiert einen CDU-Vertreter: „Ich bin eine schwarze Seele, durch und durch", sagt Andreas Ludwig von der CDU und freut sich dennoch, dass der Stadtrat für die Annahme der Marx-Statue gestimmt hat. Das gibt ihm als Baudezernenten das Mandat, mit den Chinesen zu verhandeln: über die Ausführung, den genauen Standort und die Kosten des XL-Bronze-Denkmals. Denn gratis wird dieses Geschenk nicht sein.“ Super. Da verbünden sich auf beste Weise öffentliches und persönliches Interesse. Die Stadt pflegt die ihr auferlegte Tradition mit Würde.

Im Vorfeld des Jubiläumsjahres verdichtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit. Und man kann fragen: Ist es nicht sowieso wieder Zeit, sich diesem Giganten des Denkens und Handelns zuzuwenden? Er ist aktuell wie eh und je.

Eingebetteter Medieninhalt

"Der junge Karl Marx"

Wir jedenfalls sahen uns im Pankower Kino „Blauer Stern“ Der junge Karl Marx an.

Regisseur Raoul Peck, über dessen James Baldwin-Film I Am Not Your Negro die Medien bereits berichteten, hat eine hervorragende Schauspieler-Besetzung zusammengebracht. August Diehl als arroganter, geistig und sinnlich immer erregter junger Marx im Exil und Stefan Konarske als Friedrich Engels, sein Kampfgenosse, Sekundant und Helfer. Die Frauen – wie immer – die Gefährtinnen ihrer kämpferischen Männer: Vicky Krieps als Jenny von Westphalen und Hannah Steele als Mary Burns.

Immer mit am Küchentisch in London und anderswo: "Lenchen" - Helene Demuth, die schweigende, praktische, für alle so hilfreiche Hausangestellte, die später einen Jungen namens Frederick Kind zur Welt bringt, dessen Vater "unbekannt" ist:

Kritische Würdigungen

Es wird ein bisschen gemosert über den Film, er sei „museal“, er sei ein bebilderter Wikipedia-Eintrag. Andere wieder sind durchaus beeindruckt.

So ging es auch uns. Mich durchfuhr es – und sei es auch nur aus nostalgischen Gründen - als die berühmten Aussprüche fielen. Die Philosophen haben die Welt bisher nur interpretiert, es geht aber darum, sie zu verändern“ oder (aus: „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“)

„... allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift“.

Hinterzimmer, Intrigen und Kampfabstimmungen

Dass revolutionäres Tun sich oft in Hinterzimmern und Abstimmungskämpfen, oft auch auch Intrigen äußerte, wurde deutlich. Karl Marx gegen Josef Proudhon mit seinem „Schüler“ Grün,der überall zugange ist, um die Hegemonie seines Meisters zu sichern. Karl Marx, der die Prodhounsche „Philosophie des Elends“ mit „Das Elend der Philosophie“ beantwortete. So allerlei gibt es da erneut nachzusehen und in Erinnerung zu rufen. Von daher war es gut, dass der Film keine allzu avantgardistischen Experimente machte, sondern einfach erzählte.

Begleitmaterial für die Schulbildung

Übrigens waren viele junge Leute – Schüler wie uns schien – im Film. Ich vermutete schon, dass sie Aufgabe hatten, den Film zu analysieren und die gesehenen Inhalte zu deuten. Im Netz wird dafür hilfreiches Begleitmaterial zur Verfügung gestellt.

Zitiert werden natürlich auch die ersten wuchtigen Sätze des "Kommunistischen Manifests, die den bewegenden Schluss des Filmes bilden": Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus“. Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ und „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, aneinander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat“.

Das bereitgestellte Lehrmaterial erklärt dazu:

„In dieser Schlusssequenz wird schließlich auch der Bogen zu gegenwärtigen Entwicklungen geschlagen, als vor den negativen Folgen der Erschließung neuer Märkte, der Globalisierung und der Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche (vor)gewarnt wird. Somit erscheint Marx‘ Kritik am Kapitalismus aktueller denn je. Milliarden Menschen haben das neben der Bibel sicher bekannteste Buch gelesen. Vor dem Hintergrund neuer Prekarisierungstendenzen und den immer mehr sichtbar werdenden negativen Auswirkungen der immer schneller und immer weiter voranschreitenden Globalisierung drängt sich dem Zuschauer die Frage auf, warum diesen Fehlentwicklungen nicht entschiedener entgegengesteuert wird. Hier erkennt man, dass das Werk Marx‘ nichts an Aktualität eingebüßt hat.

„Like a rolling stone“ von Bob Dylan begleitet die Schlussbilder, die dokumentarische Aufnahmen revolutionärer Erhebungen und revolutionärere Persönlichkeiten zeigen.

Mir wäre „Times they are changing“ lieber gewesen. Das hätte auch gut gepasst.

Denn es gibt ja auch einen älteren Karl Marx. Und der schreibt später - trotz aller Eheprobleme der damaligen Zeit - an seine in Trier weilende Frau:

Meine Liebe zu Dir, sobald Du entfernt bist, erscheint als was sie ist, als ein Riese, in die sich alle Energie meines Geistes und aller Charakter meines Herzens zusammendrängt... Die Liebe ... nicht zum Proletariat, sondern die Liebe zum Liebchen und namentlich zu Dir, macht den Mann wieder zum Mann.

Pankow - wenn es in Richtung Niederschönhausen geht - ist ein Ort, der sich sehr mischt. Es ziehen viele junge Leute zu, einige neue Kneipen werden eröffnet und erweitern das bisher doch recht recht spärliche gastronomische Angebot.

Aber, dort wohnen noch viele Menschen, die in der DDR eine Chance gesehen haben, die - bei aller Enttäuschung und allem Gram über den Dogmatismus und die Abwesenheit jedes demokratischen Diskurses - noch heute Partei ergreifen für das, was an Hoffnung war. Und deshalb war es nicht verwunderlich, dass – neben jungen Leuten – auch eine ganze Reihe älterer Kinobesucher dort war und Beifall klatschte.

Dass Karl Marx aktuell ist, zeigt auch der Rückgriff, den vor kurzem Deutschlandradio Kultur auf ihn tat. Da beschäftigte man sich mit der Frage, wie er die geschichtliche Dimension des Machtwechsels in den USA bewerten würde

Eine Woche zuvor hatten wir uns im gleichen Kino "Lion" angesehen. Die Geschichte eines indischen Jungen, der mit vier Jahren seinem Bruder verloren geht, nach Tausenden Kilometern in Kalkutta landet, dort durch die Slums der Stadt irrt, bis er von einem neuseeländischen Ehepaar adoptiert wird. Dies war neben der persönlichen Geschichte über die Suche nach den eigenen Wurzeln, auch ein Blick auf die Erniedrigten und Ausgebeuteten der Gegenwart.

09:58 17.03.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Immer mal wieder, aber so wenig wie möglich
Magda

Kommentare 21