Zum Reformationstag:Kirchenbücher

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Die größte Sammlung von Kirchenbüchern aus den ehemaligen ostdeutschen Gebieten ist im Zentralarchiv der evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg am Bethaniendamm zu finden. Auch die aus Pommern, auch die aus Stettin. Man muss sich lange vorher anmelden, fast zwei Monate.

Für Stettin und Umland sind mindestens zehn Kirchenbücher zu prüfen. Man sieht im Katalog nach Anlässen und Jahrgängen und findet das Zugehörige unter der entsprechenden Signatur. Die Kirchenbücher sind auf Mikrofiches verfilmt. Die legt man in das große Lesegerät und blickt auf die Botschaften der Vergangenheit.

Man muss immer daran glauben, dass man wirklich etwas findet, man darf nicht daran denken, dass viel verloren gegangen ist, dass man überhaupt keine Ahnung hat, welche Kirche gewählt wurde, sonst stellt sich der Erfolg nicht ein. Dann fängt man an nachzulassen, die Gedanken schweifen ab.

Nach vier Stunden aber fand ich den gesuchten Eintrag: Am 15. Juli 1906 erschien eine junge Frau in der Stettiner Lutherkirche, um ihr Kind -ein Mädchen - taufen zu lassen. Geboren war es schon mehr als zwei Monate vorher - ein Siebenmonatskind, ziemlich schwächlich.

Der Vater ist nicht angegeben. Ich weiß aber, wer er ist. Er war 23 Jahre alt und als Leutnant auf Kommando in Stettin. Die Mutter hat als Vornamen einen ihrer vielen Künstlernamen verwendet. Sehr verrückt für die damalige Zeit „Laura“. Später nennt sie sich Sonja. Sie heißt aber Helene. Der Familienname ist auch der meine. Als Beruf - selten an dieser Stelle – ist „Schauspielerin“ angegeben. Ich weiß aber, dass sie Sängerin war. Sie hat sich wegen der Affäre mit dem preußischen Leutnant von ihrer Familie getrennt. Ihre Leidenschaft gilt dem Theater. Die wird sie bald mit ihrem Kind aus der Stadt in die Welt treiben.

Taufpaten sind der Inspizient eines Stettiner Theaters mit einem französischen Namen, dessen Frau und noch eine weitere Person. Wahrscheinlich waren sie auch die einzigen Anwesenden bei der Taufe.


Das Kind hat die mir bekannten drei schönen alten Vornamen und ist meine Mutter. Sein Vater wird bald zu anderen Standorten weiterziehen. Wenn ich Glück habe, erfahre ich auch darüber Genaues. Das aber nur, wenn es kein Arrangement gab, das die Vaterschaft geheim hielt gegen die Abrede, dass er für das Kind sorgt. Das hat er getan. Viel mehr nicht. Aber seine Liebe zum Theater hat er behalten.

Ich erfahre so nach der Wende, dass meine Mutter eigentlich evangelisch getauft wurde. Ich kenne sie nur fromm-katholisch. Sie hat mir das nie erzählt. Aber ich erinnere mich an die vielen Spottverse über Martin Luther, die sie kannte.

15:03 31.10.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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