Zwischen Bibliothek und Trödelmarkt

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...oder vom gerechten Alphabet

Die Straßenbahn hält fast vor dem Eingang. Nur einige Meter noch, dann steht man vor einem mächtigen Bau aus der Gründerzeit. Er hat etwas „Anstaltsartiges“. Es könnte ein Krankenhaus, eine Schule oder Besserungsanstalt sein. Zur DDR-Zeit hatten verschiedene Botschaften hier ihre Residenz. Sie schmückten sich gern mit der Würde und Strenge der Vergangenheit.

Es ist dies aber das einstige II. Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Seit einiger Zeit dient es auch als Heimstatt von Büchern und wenn ich eine genügende Liste mit Sachen, die ich lesen muss oder will, zusammen habe, dann gehe ich zielstrebig in diese schöne neue Bibliothek in der Berliner Straße in Pankow und kann dann in den hohen und mächtigen Räumen von Regal zu Regal wandern und Bücher entnehmen.

In dieser einst geteilten Stadt, die sich jetzt zusammenfindet, hat es auch die Bücher zusammengetrieben und darum findet man hier Werke der gegensätzlichsten Art in einem vom Alphabet verordneten Nebeneinander. Der sowjetische Pädagoge Makarenko, dessen menschenfreundliche An- und Einsichten in der DDR ständig zitiert wurden, steht zum Beispiel in einem Regal mit der auf ihre Weise durchaus erbaulichen, manchmal unterschätzten, durchaus aufklärerischen Eugenie Marlitt.


Seltsamerweise überfällt mich oft nach der Beendigung der ordentlichen Suche eine wilde Lust auf Unordnung. Nach Katalog und Alphabet wünsche ich mir Anarchie, ein Chaos, das aufräumt mit Ideologien, Erkenntnishierarchien, Wissens- und Definitionsmächten und anderen Zwängen, die einreden wollen, es sei alles kontrollierbar und habe einen Anfang und ein Ende.


Dann muss ich zum Trödelmarkt in der gleichen Straße einen Kilometer weiter.

Alle Waren dort sind in schäbigen Schuppen untergebracht oder stehen ganz im Freien auf rostenden Regalen. In den Porzellanschüsseln und Tassen hat sich das Wasser vergangenerRegen- oder Schneefälle gesammelt. Krückstöcke hängen an Balken wie bewegliche Chiffren der Vergänglichkeit. Auch dort zieht es mich zu den Büchern. Dem Wetter ausgesetzt, feucht und stockig aus allen Richtungen der Stadthierher geraten, stehen sie in den Regalen in absurder Konvergenz. Wahrscheinlich wurden sie aus Wohnungen Verstorbener mitgenommen und sind bis auf weiteres der nächsten Recycling-Stufe entkommen.


Zwei Bücher – ein neuer Gedankenstrom

Wenn Bücher rein zufällig nebeneinander stehen, deren Titel gemeinsam einen neuen Gedankenstrom in mir auslösen, dann freue ich mich. Dann ist mir, als ob in diesem Chaos die Illusion einer rein zufälligen und darum originellen Ordnung erscheint. So ist Boris Polewois "Der wahre Mensch" neben einem Werk zu finden, das den Titel"Jeder kann sein Leben meistern" trägt. Es ist aber Polewois Held einer, der schwer verwundet, dennoch weiter Kampfflugzeuge gegen den verhassten Feind fliegen will. Ein Lebensbewältiger der allerbewundernswertesten Art. Von daher steht es neben einem passenden Titel.

So eine Heldensage baut zwar auf, aber man ist doch froh, dass in den heutigen Zeiten nicht gleich das ganze Übermenschen-Reservoir in Anwendung gebracht werden muss. Allgemeine Trostsprüche reichen aus. Meist hilft schon ein guter Rentenberater.

Durch ihren Gleichklang fielen mir zwei weitere Buchtitel auf, die nebeneinander stehend, aus zwei Epochen stammen: „Imperialismus heute“ und „Unser Recht heute“.
Daraus könnte man gleich einen neuen Titel für die Gegenwart basteln mit allerlei Fragen..

Schlacht unterwegs“ – ein absurd reales Buch

Das Buch „Schlacht unterwegs“ von Galina Nikolajewa fand ich schon auf vielen Trödel- und Buchmärkten. Es steht auch bei mir zu Hause. Hier fand ich es in nicht weiter origineller Umgebung vor. Vor Jahren habe ich es von Anfang bis Ende gelesen und weiß, dass der Kampf um die Lieferung der richtigen Ausgleichsgewichte für einen Traktorenmotor die wichtigste Rolle spielt. Wer den real existierenden Sozialismus kennt, weiß, dass dieser absurde Stoff die Verhältnisse durchaus real beschreibt.
„Schlacht unterwegs“ war ein „Tauwetterroman“. Ach ja, „Tauwetter“ von Ilja Ehrenburg - eine ganze Ära in der Sowjetunion bekam von diesem Buch seinen Namen. Daneben könnte gut ein Buch über „Klimaschutz“ stehen, was aber nicht der Fall ist. Das ist ein Wunsch, keine Wirklichkeit des Zufalls.

Hart wie Stahl von Jünger und Ostrowski

Am liebsten fände ich einmal Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ neben Nikolai Ostrowskis „Wie der Stahl gehärtet wurde“. Diese Bücher sind sich - wie viele extreme Gegensätze - sehr nahe durch einen gemeinsamen Geist. Es ist der Geist der Härte und Männlichkeit im Dienste eines gewaltigen Über-Ichs. Die Versuchung ist groß: Ich könnte ja behaupten, es sei so. Sie stünden wirklich nebeneinander.

Keine Sünde wider das Chao

Der Versuchung, eine eigene Ordnung zu schaffen, darf ich nicht nachgeben. Ich begänne Einfluss zu nehmen, auf dass etwas entstünde, was "mein" ist. Das wäre eine Sünde wider das Chaos, das hier herrscht, das wäre unredlich. Das dürfen nur das Schicksal oder Gottvater selbst..

Denn, wenn die Menschen Ordnung schaffen wollen, dann tun sie dies, weil sie Macht ausüben wollen. Übrigens tun sie es gern nach dem Alphabet. Das scheint so gnadenlos und gerecht, wie es der Tod für die Menschen ist. Es gibt kein Entkommen, es gibt eine Reihenfolge, die einzuhalten ist. So wie in der Bibliothek. Werden aber Dinge ausgesondert, wie es auf dem Trödelmarkt ist, dann verliert das Alphabet seine Ordnungsmacht. Und das ist hin und wieder ganz gut so.

Und oftmals wenn Menschen, die Barbarei und Grausamkeit, mit der sie andere Menschen selektieren, und vernichten, verschleiern wollen, dann nutzen sie das Alphabet, damit sie später sagen können, es habe alles seine Ordnung gehabt.

17:03 25.07.2009
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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