Zwischen Rilke und ungemachten Betten

Berlin Isses nicht so - die unglaublichsten Geschichten sind meisten wirklich wahr.
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Kürzlich bin ich mal wieder zwischen der S-Bahn-Station Gesundbrunnen im Wedding und dem Prenzlauer Berg gewandert. Das ist – noch immer – Grenzgebiet – reinweg vom Milieu her.

Zwischen den beiden Stadtteilen gibt es Brücken und Unterführungen, die früher alle im Grenzgebiet lagen, weshalb sie so merkwürdig unpassend - entweder lauthals neu oder dumpfig alt wie der Gleimtunnel - scheinen.

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Dort also bin ich lang, weil ich den Schienenersatzverkehr, der einen Bus durch die Gegend schleichen ließ, nicht benutzen wollte, sondern lieber neben dem Bus herlief, über die Behmbrücke, die sehr neu und weitläufig ist.

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Und als ich rüber war über die Behmbrücke, bin ich die gleichnamige Straße weiter in Richtung Schönhauser. Das ist dann schon Prenzlauer Berg, nicht mehr Wedding.

Man geht an Häusern mit sehr niedrigem Parterre vorbei. Das Auge fällt gewissermaßen unwillkürlich durch die offenen Fenster, es kann gar nicht anders und mindestens dreimal fiel mein Auge auf ungemachte Betten. Alle so aufgeschlagen, als sei der Wohnungsmieter oder die Wohnungsmieterin in Windeseile rausgesprungen und kommt gleich wieder. Kam aber nicht.

Die Schrift am Fenster

Und wie ich noch dachte, dass die alle ja nichts für können, dass es so niedrig da ist und man ja auch mal das Fenster aufmachen muss und mir Gedanken machte, wer da wohl wohnen mag, wurde mein Blick abgelenkt von einer Schrift an einem diesmal geschlossenen Fenster. Und das war nun gewissermaßen eine Levitation, eine Erhebung aus der Horizontalen ins Aufstrebende.

Ein Rilke Gedicht – zumindest der erste Vers

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge zieh'n.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ein Lebensmotto also. Eine Botschaft an die Welt da draußen. Das hat doch was Rührendes. Da hat jemand nun geistig die Lagerstadt verlassen und verkündet das den Vorübergehenden.

Der Rest des Gedichts geht so – nur der Vollständigkeit halber.

19:43 21.07.2016
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Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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