Old Shatterhand und Ich

Orient des Traums Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin führt durch die Phantasiewelten von Karl May

In der wohl bekanntesten Fotografie, die es von ihm gibt - 1896 aufgenommen von Alois Schießer -, posiert Karl May mit breitkrempigem Hut, Indianer-Kluft und einem riesigen Bärentöter als Figur seiner eigenen Werke. "Ja, ich bin Kara Ben Nemsi" und "Old Shatterhand, das bin ich" gab er seinen Verehrern auf Wunsch zu Protokoll. Der Anspruch, die Abenteuer, die er beschrieb, selbst durchlebt zu haben, trug zu Mays Faszination, aber auch zu seiner Diskriminierung als Hochstapler und Betrüger bei. Exemplarisch hat Bernhard Hermann Cardauns, Chefredakteur der Kölnischen Volkszeitung, 1899 in einer berühmten Polemik alle Ressentiments gegen den von seinen Anhängern als Prophet verehrten Autor zusammengefasst: Er habe mit der Behauptung, die Orte seiner Erzählungen zu kennen, sein Publikum aus Profitgier an der Nase herumgeführt und beweise seine moralische Verkommenheit, indem er gleichzeitig Beiträge zu katholischen Zeitschriften und "unsittliche Schund- und Hintertreppenromane" verfasse.

Die Ausstellung über Leben, Werk und Rezeption des 1842 bei Chemnitz geborenen Kultautors, Lehrers, Diebes und Hobby-Philosophen, die noch bis Januar im Deutschen Historischen Museum zu sehen ist und Mays widersprüchliche Physiognomie in allen Facetten entfaltet, wäre ohne die ästhetische Rehabilitierung des Autors, die seit Jahren von einer ungewöhnlich originellen Karl-May-Forschung betrieben wird, kaum möglich geworden. Während andere Kolportage-Autoren des Kaiserreichs wie Eugenie Marlitt oder Ludwig Ganghofer von der Literaturwissenschaft noch heute allenfalls als fachdidaktische Beispiele für "schlechte Kunst" in den Blick genommen werden, ist Karl Mays Werk in seiner Formsprache, seinen kulturgeschichtlichen Voraussetzungen und seiner Wirkung hervorragend aufgearbeitet. Der Stand der Forschung wird von der Berliner Ausstellung ebenso dokumentiert wie der Abstand dieser Art Unterhaltungslektüre zur gegenwärtigen Massenkultur.

In vieler Hinsicht sind Mays Romane heute inopportun: Nicht wegen ihrer von Zeitgenossen noch beklagten Unsittlichkeit, sondern wegen ihrer Mischung aus Rassismus und Deutschtümelei, ihrer outrierten Verblasenheit, nicht zuletzt wegen ihrer Langeweile. Was Karl-May-Kritikern als gesundheitsgefährdende Häufung von Abenteuern, Nervenkitzel und "Sensationen" galt, wirkt auf heutige Leser oft anstrengend: Da gibt es mäandernde Dialoge, vulgärphilosophische Raisonnements und Landschaftsbeschreibungen, die es an dröger Ausführlichkeit mit Stifters Nachsommer aufnehmen können. Auch die Wahrnehmung von Erzähltempo, Spannungsdramaturgie und Abwechslungsreichtum hat eben ihre eigene Geschichte. Dass gerade die intelligenteren Zeitgenossen Mays Originalität bemerkt haben, wird an den Äußerungen Erich Mühsams deutlich, der 1912, im Jahr von Mays Tod, auf einen wichtigen Widerspruch hingewiesen hat: "Als wir ›Wilhelm Tell‹ lasen, wurde uns als besonderer Verdienst Schillers gepriesen, dass er nie in der Schweiz war und nur aus der Phantasie seine Kulissen-Landschaft schuf. Schreibt aber heute jemand eine Unterhaltungsgeschichte, deren Helden Sudanesen sind, so hat er vor strengen Richtern zu erweisen, dass er wirklich selber im Sudan gelebt hat." Was beim kanonisierten Nationaldichter als Zeugnis ästhetischer Autonomie gilt, wird beim Unterhaltungsautor zum Beweis für Dilettantismus.

Zu Recht widmet die Ausstellung dem "Nachleben" Karl Mays und seiner "Selbstdarstellung" eigene Räume mit vielfältigem Dokumentationsmaterial. An der Gegenüberstellung der bundesdeutschen Karl-May-Verfilmungen und den DDR-Filmen mit Gojko Mitic wird deutlich, dass gerade der anfangs sehr Winnetou-feindliche DDR-Sozialismus die kritischen Potentiale von Mays Figuren herauszuarbeiten vermochte. Die Rezeption Mays im "Dritten Reich" - Hitler war ein begeisterter, wenn auch selektiver May-Leser - erhellt, wie die kolonialistischen und rassistischen Vorstellungen vom "Wilden" aus dem 19. Jahrhundert in der völkischen Ideologie der Nazis, die für "urwüchsige" Fremde durchaus schwärmten, fortleben konnten. Besonders erkenntnisreich sind die Dokumente über die Vorgeschichte von Mays Orient- und Wildwest-Phantasien in der Alltagskultur der Bismarck-Ära. Ausführlich wird nachgezeichnet, wie der Imperialismus, das Aufkommen des Massentourismus und die über Romane, Postkarten und Fotografien verbreiteten Wunsch- und Fluchtphantasien der frühen Kulturindustrie erst die Basis für die Popularität von Mays Figuren geschaffen haben. Gerade darin berührt sich May mit einer exponierten Vertreterin der Moderne wie Else Lasker-Schüler, die ihre Ich-Figurationen "Tino von Bagdad" und "Prinz Jussuf" aus dem selben Motivrepertoire speiste und ebenfalls als Figur ihres Werks, als ihre eigene Erfindung, wahrgenommen werden wollte.

Deutlich wird schließlich auch, dass May sich den Mechanismen der Kulturindustrie selbst virtuos bedient hat, um die Grenze zwischen sich und seinen Figuren zu verwischen und ein künstliches Bild von "Authentizität" zu schaffen, mit dem er Handwerker und Adlige, Kinder und Erwachsene begeistern konnte. Dass all dies ein Mann geschafft hat, der eine ordentliche Ausbildung als Volkschullehrer absolvieren konnte, bevor er wegen kleinerer Diebstähle und Betrügereien den Lehrberuf aufgeben musste, haben ihm zeitgenössische Volkspädagogen offenbar besonders übel genommen. Gerade in der Schöpfung einer eigenen Wirklichkeit, die als authentische Erfahrung ausgegeben wird, berührt sich Karl May indes mit den Vertretern der damaligen und heutigen Avantgarden. Heinrich Mann, Hermann Bahr und Egon Erwin Kisch waren fasziniert von ihm, und ohne die umstrittenen, aber unvergleichlich phantasienvollen Arbeiten von Arno Schmidt, in deren Anschluss Hans Wollschläger seine May-Studie geschrieben hat, gäbe es die umfangreiche Forschung nicht, wie sie inzwischen auch in einem von Gerd Ueding herausgegebenen Karl-May-Handbuch dokumentiert ist. Ueding ist ein Schüler Ernst Blochs, der May geradezu als Kronzeugen für seinen Begriff des "antizipierenden Bewusstseins" in Anspruch nahm und in Mays "Orient des Traums" allen ideologischen Überformungen zum Trotz den utopisch-revolutionären Wunsch nach glückseliger Fremde ausgesprochen sah. Dass diese Linie der May-Rezeption nicht weiterverfolgt wird, ist eine der wenigen Schwachstellen der Schau, die das Interesse an dem ehemaligen Erfolgsautor über alle Harry-Potter-Begeisterung hinweg hoffentlich nachhaltig befördern wird.

Noch bis 6. Januar 2008, täglich 10 bis 18 Uhr. Das Begleitheft kostet 7, der Katalog 25 Euro. Vom 16. bis 18. November findet im DHM mit Unterstützung der Karl-May-Gesellschaft ein Symposion über Karl May statt.


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