Die Gauck-Schmonzette findet quälend ihr Ende – Zeit wurde es!

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Ein schönes Sommertheater für das Volk, ein gelungenes Rührstück und fast so spannend wie ein Weltmeisterschaftsfußballspiel (Paraguay – Japan, Achtelfinale). Ein guter Tag für die Demokratie? Na, mal abwarten.

Wulff ist gewählt und der ziemlich unerträgliche Medienhype um Gauck ist nun hoffentlich bald vorbei. Natürlich wird sich jetzt noch medial eine Weile über den „Denkzettel“ echauffiert bzw. der LINKEN – wie immer sie sich auch verhalten hätte – Regierungsunfähigkeit und überhaupt unlautere Motive bescheinigt werden.

Es ist nun, unerwartet quälend, jemand Bundespräsident geworden, welcher angesichts der relativen Bedeutungslosigkeit dieses Amtes wahrlich angemessen ist. Es bestand nie ein wirklicher Zweifel daran, wer es am Ende wird. Einige Medienvertreter meinten einen faktisch chancenlosen Kandidaten derart nach oben pushen zu müssen, dass man dachte es gäbe kein Morgen mehr – oder eben keinen Zweifel daran, dass nur Gauck es werden könne. Trotz der launigen Verzögerungen des heutigen Tages stand die Schwarz-Gelbe Mehrheit und somit Wulff als Sieger fest. Was hörten wir aber nicht alles für Hymnen auf den großen Freiheitskämpfer Gauck, den Menschenfreund der zu nichts anderem geboren schien, als „die Menschen zusammenzuführen“ und überhaupt das ganze geschundene Land in eine schönere, bessere Zukunft zu geleiten. Print, TV und Hörfunk schossen unaufhörlich, unausweichlich und gnadenlos ihre Botschaften in das Land: Gauck ist der Bundespräsident der Herzen, der Deutschen liebstes Kind. Alles Humbug, alles Hype, alles wie immer. Vorbei. Was Gauck wirklich ist und war: Ein parteipolitischer Schachzug gegen die Regierung, ein konservativer (!) Spaltpilz im sogenannten bürgerlichen Lager. Treiben wir also die nächste Sau durchs Städtchen!

Gauck selbst wird es gefallen haben. Es schmeichelte seiner Eitelkeit und hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass sich seine Bücher gegenwärtig und künftig besser und vor allem zahlreicher absetzen lassen werden. Dies alles war ja nicht zuletzt tolle PR für den Kriegsbefürworter, den sozial unterkühlten Freiheitsapostel, den Zählkandidaten von Rot-Grün. Anderes war Gauck von Beginn an nicht, was ihm bewusst war und schon deshalb kann er nicht der Antipolitiker, der Überdemokrat sein, zu dem man ihn gern stilisieren möchte. Schade nur, dass auch die LINKE eine chancenlose Zählkandidatin aufstellen ließ. Auch wenn diese, im Unterschied zu Gauck, Wulff, nicht zu vergessen Köhler, wenigstens die besseren Inhalte in ihre wirkungslosen Sonntagsreden gepackt hätte. Die LINKE wäre besser beraten gewesen, keine Kandidatin zu präsentieren und stattdessen Gauck herzhaft abzulehnen – Wulff desgleichen.

Und was ist jetzt mit Merkel bzw. ihrer Klienteltruppe bestehend aus sozialen Brandstiftern, Lobbyisten und Inkompetenten, die sie Regierung nennt? Nichts, rein gar nichts. Alles wie gehabt. Der Sozialabbau wird weiter forciert. Die Habenichtse aus der Transferecke werden weiter enteignet, den Wohlhabenden auf der Sonnenseite der Republik hingegen das gütig genommene dann selbstverständlich zugeeignet. Was wird Wulff dagegen tun? Nichts. Was kann Wulff dagegen tun? Nichts. Was will Wulff dagegen tun? Nichts. Und Gauck – kein großes Geheimnis – täte ebenso nichts dagegen. Weil das bekanntlich jene Freiheit ist, die er immer meint, wenn er predigt.

Ohne großes Zutun Gaucks hatte sich die DDR in die Jagdgründe der Geschichte verabschiedet und Gauck, welcher vergleichsweise wenig auszustehen hatte, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nicht alle in der ehemaligen DDR hatten nach dem Zusammenbruch des kleinen Landes so viel Glück mit ihrer Berufswahl. Viele hatten plötzlich gar keine Wahl mehr, vor allem beruflich. Ach ja, die freie, gleiche und geheime Wahl hatten sie natürlich bekommen. Gauck und seine Freunde gehen bis heute davon aus, dass das verdammt nochmal zu reichen hat. Basta!

Während manche 1989-90 noch von Revolution träumten, schickten sich andere auf dem Gebiet der sterbenden DDR an, den Kapitalismus zu restaurieren. Diejenigen, welche unter Gefahr und unter Einsatz ihrer Freiheit bzw. Gesundheit, jedenfalls unter erheblichen Risiken, dieses Land reformieren wollten, sahen sich schnell auf dem Abstellgleis der Geschichte in Richtung Vergessen fahren. Diejenigen, welche sich mit den neuen Macht- und Wirtschaftsstrukturen kritiklos arrangierten, durften weiter mitspielen. Förderer des Dritten Weges, Streiter für eine erneuerte Gesellschaft jenseits der kapitalistischen Verwertungslogik waren schnell marginalisiert. Kohl und seine Mannen hatten das Heft des Handelns schnell in die Hand genommen und die Partie dann clever zu Ende gespielt. Revolution sieht sicher anders aus.

Die sogenannte Regierung Merkel ist angezählt, desolat meinetwegen, lächerlich und für die kleinen und unteren Einkommensbezieher sogar existenzbedrohend. Aber sie ist längst nicht am Ende. Daran hätte auch ein virtuell ins Amt phantasierter Joachim Gauck nichts geändert. Das war vielleicht die vage Annahme einiger Unentwegter und Träumer. Realistisch war diese Hoffnung nie. Da ist wohl so mancher auf ein paar Großjournalisten und deren Kampagnen hereingefallen. Es bleibt zu hoffen, dieser politische Sekundenschlaf ist nun vorbei und die echten Gegner dieser Regierung besinnen sich, formieren sich und kämpfen zukünftig mit wirksameren Mitteln. Knallharte Opposition wäre eine Option und dabei ist es beinahe zweitrangig ob diese aus dem Parlament kommt oder von außen. Beides wäre zwingend notwendig.

21:19 30.06.2010
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Geschrieben von

mahung

Ende der 80er Jahre aus Halle-Neustadt zugereister Dresdner mit starker Affinität zur schönen Stadt Leipzig. Aber nunmehr in Berlin ...
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