Die nachhaltige Stadt in Zeiten des Klimawandels

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„Die nachhaltige Stadt in Zeiten des Klimawandels“ nannte sich ein wissenschaftliches Symposium welches am 24.11.2009 in Dresden stattfand. Eingeladen hatte das Leibnitz-Institut für ökologische Raumentwicklung Dresden (IÖR). Die Veranstaltung teilte sich in zwei Blöcke. Während im ersten Block mehr die wissenschaftlichen Theoretiker auftraten, war der zweite Block für die Praktiker vorgesehen. So hörte das Publikum im ersten Teil u. a. die Ansichten von Prof.-Dr. Mancebo, einem Geografen der Universität Grenoble im Südosten Frankreichs. Mancebo zeigte sich dem Veranstaltungsgegenstand gegenüber kritisch und fragte etwas provokativ, ob es überhaupt möglich sei, nachhaltige Städte zu entwickeln. Interessant vor allem der Hinweis darauf, dass die bisherige Entwicklung im Sinne einer ökologisch-nachhaltigen Stadtplanung wenig erfolgreich war, da die meisten Projekte dieser Art nur punktuell in Stadtteilen oder in Form von Einzelgebäuden erfolgten. Oftmals erzeugen solche isolierten Projekte Effekte, die alt bekannt sind und mit den Begriffen Gentrifizierung bzw. Segregation schon hinreichend beschrieben worden sind. Solche Viertel werden durch ihre Umformung attraktiv für eine finanziell gut ausgestattete, gebildete Klientel. Der Markt reagiert, die Mieten steigen und am Ende hat sich eine Wohnbevölkerung beinahe komplett ausgetauscht (Prenzlauer-Berg-Effekt). Die so Verdrängten sind nun gezwungen, in den unattraktiveren Wohngegenden zu siedeln, in welche dann aber nicht genügend investiert wird. Auch deshalb nicht, weil diese Bevölkerungsteile weniger Mitsprache haben bzw. diese Mitsprache nicht einfordern. Vergleichbare Investitionen erfolgen dort dann weder durch die öffentliche Hand und schon gar nicht durch die Privatwirtschaft. Das Schaffen klimawandelangepasster nachhaltiger Städte kann also ohne einen grundsätzlichen Strategiewechsel nicht gelingen. Dazu bräuchte es einen ganzheitlichen und integrierten Ansatz, so der Professor.

Verdichtung versus Entdichtung

Ein weiterer Diskussionsstrang folgte der Frage, ob zur besseren Anpassung die Städte eher verdichtet oder entdichtet werden sollten. Mancebo vertrat dies betreffend eine Entweder-Oder-Meinung. Wenn als Priorität Verdichten gewählt wird, kann nicht gleichzeitig entdichtet werden und umgekehrt. Was das jeweils praktikablere Konzept sei, könne nur am Einzelfall, nicht jedoch generalisiert oder idealtypisch entschieden werden. Demgegenüber wurde aus dem Podium heraus die durchaus einleuchtende Gegenposition vertreten, dass Verdichten und Entdichten als gleichzeitige Strategien in ein und derselben Stadt oder Stadtregion durchaus möglich und praktikabel sind. Das bedeutet u. a. der weiteren Zersiedelung und Ausfransung der Städte zu begegnen, was ökologisch aber auch ökonomisch sinnvoll wäre. Man denke nur an die entfallenden Autofahrten oder die durch neue Infrastruktur (Wasser, Abwasser, Strom, Straßenbau etc.) nicht mehr auflaufenden gesellschaftlichen Kosten, welche ja weitgehend nicht individuell abgerechnet werden, sondern der Kommune, etwa als Erschließungskosten für neue Wohn- und Gewerbegebiete, allgemein zu Lasten fallen (würden diese Kosten nach dem Verursacherprinzip abgerechnet, wäre das individuelle Siedeln auf der sog. „grünen Wiese“ ohnehin schlagartig unattraktiv). Dazu müssen natürlich in verdichtender Weise verstärkt innerstädtische Bereiche für den Wohnungsbau ausgewiesen werden. Des Weiteren muss Wohnen auch im Stadtzentrum einer Stadt möglich bleiben. In Dresden hat man sich die dafür notwendigen stadtplanerischen Gestaltungsmöglichkeiten und Mitspracherechte in einem Akt von gesellschaftlich-sozialer Kurzsichtigkeit, nämlich dem Komplettverkauf der städtischen Wohnungsbaugesellschaft an einen privaten Finanzinvestor, bereits stark beschnitten.

Andere Gegenden derselben Stadt könnten hingegen entdichtet werden. Die Deindustrialisierung der ehemaligen DDR nach dem Beitritt zur Bundesrepublik, hat in den ostdeutschen Städten viele Flächen hinterlassen, welche nun brach liegen. Hier besteht die Chance, z. B. Grünräume zu entwickeln. Räume, die gerade auch im Hinblick auf ein erträgliches Stadtklima, bei zukünftig trockener und heißer werdenden Sommern, notwendiger denn je werden.

Der zweite Vortrag des ersten Blocks wurde von einem Vertreter des veranstaltenden Instituts bestritten. Hier jedoch ging es weniger um die Aufstellung diskursfördernder Thesen, vielmehr sollte das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt REGKLAM (Regionales Klimaanpassungsprogramm Modellregion Dresden) vorgestellt werden. Im Ergebnis dieses „Verbundvorhabens“ hofft man, der Region Dresden konkrete Vorschläge zur Anpassung an den Klimawandel unterbreiten zu können. Man erfuhr etwas über den Projektzeitraum (2008 – 2013) und über die üppige Fördersumme von 11 Millionen Euro. Es wird wärmer und trockener, mehr oder weniger sind alle öffentlichen und privaten Akteure betroffen und weil der Klimawandel bereits stattfindet, wird hauptsächlich mittels Anpassung an die Gegebenheiten zu reagieren versucht. Das ist unbestritten richtig und wichtig, doch hätte man an dieser Stelle gern ein wenig mehr darüber gehört, inwieweit dem Klimawandel nicht lediglich reagierend, sondern auch vermeidend gegenüber getreten werden kann.

Entsprechend der etwas ermüdenden Projektvorstellung wollte am Ende des ersten Veranstaltungsblocks auch keine rechte Diskussion aufkommen. Lediglich zwei interessante Tatsachen wurden durch eine Wortmeldung vom Podium aus bekannt: Drei Viertel der in Deutschland vorhandenen Gebäude sind Einfamilienhäuser und fünfzig Prozent der Deutschen leben in Eigenheimen. Was den Wortmelder zu der nicht ganz ernst gemeinten Frage veranlasste, ob denn die Bundesrepublik nicht lediglich ein großes Los Angeles sei. Publikum und Podium verabschiedeten sich in die Pause.

Der Klimawandel kommt oder ist schon da und wir müssen uns anpassen

Im zweiten Block der Veranstaltung sollten nun die Praktiker zu Wort kommen. Zuerst referierte ein Vertreter des Sächsischen Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL). Auch hier wenig Erhellendes oder Neuigkeiten. Es erfolgten lediglich die Vorstellung des offiziellen Regierungsprogramms im entsprechenden Ressort und Werbung für den Sächsischen Aktionsplan Klima und Energie, der im Übrigen auch im Internet abrufbar sei. Das wenig überraschende Fazit dieses Beitrages: Der Klimawandel kommt oder ist schon da und wir müssen uns anpassen.

Interessanter war da schon der Vortrag des Soziologen Johannes Schmidt von der TU-Dresden. Dieser stellte das Modellprojekt eines „nachhaltigen“ Stadtviertels (Bonne) in der Stadt Grenoble vor, wo ein 8,5 ha großes innerstädtisches altes Kasernengelände unter ökologischen Gesichtspunkten entwickelt wurde bzw. wird. Um die oben erwähnten Segregationseffekte auszuschließen, wurden von Beginn an 40 % Sozialwohnungen eingeplant. Weiterhin wurden Studentenwohnheime, ein Altenpflegeheim, eine Grundschule, ein Kino und ein Einkaufszentrum integriert. Das gesamte Viertel ist komplett barrierefrei. Ziel war es, einen Bevölkerungsmix zu erhalten und das Zusammenleben verschiedener Generationen zu befördern. Die Gebäude selbst sind nach den neuesten öko-energetisch technologischen Standards entstanden. Die Mobilität soll möglichst autofrei erfolgen. Zu diesem Zweck wurde das Viertel durch eine neue Straßenbahnlinie angebunden und die Straßenräume derart gestaltet, dass sie für den Durchgangsverkehr unattraktiv werden. Es wurden verkehrsberuhigte Bereiche angelegt. Freilich hielt man das Konzept nicht konsequent durch. Auf Druck der Bürger wurden beispielsweise viel mehr Parkplätze gebaut als vorgesehen und somit ein wesentliches Charakteristikum des „nachhaltigen“ Stadtviertels, nämlich seine Autofreiheit, aufgegeben. Inkonsequenz bescheinigte der Referent auch hinsichtlich eines anderen wesentlichen Aspekts, nämlich der Schaffung teurer Luxuswohnungen im attraktiven Kernbereich des Stadtteiles, wo stattdessen öffentlich zugängliche gesellschaftliche Einrichtungen für alle Bewohner hätten geschaffen werden können. Wenngleich im Bezug auf die Parkplätze die Einwohner gehört worden sind, funktionierte die Bürgerbeteiligung ansonsten mehr schlecht als recht, wie der Referent in seinem Vortrag außerdem bemängelte. Ein Manko, welches Prof. Mancebo schon in seinem Vortrag ansprach. Die Bevölkerung wird – dass ist ein grundsätzliches Problem – nicht einbezogen sondern lediglich informiert, bestenfalls befragt.

Dem Klimawandel kann nicht nur mit Technologie und Anpassung begegnet werden

Den interessantesten und engagiertesten Beitrag zur Veranstaltung steuerte ein Vertreter der Landeshauptstadt Dresden, Herr Socher vom Umweltamt bei. Was den ganzen Nachmittag bereits im Raum stand, worauf man gewartet hatte, was aber nicht kam, übernahm nun der Verantwortliche für den städtischen Klimaschutz. Nämlich den Hinweis darauf, dass es nicht nur darum gehen kann, sich anzupassen und neue Technologien zu entwickeln, sondern uns vor allem bewusst werden muss, dass es wie bisher nicht weitergehen kann. It´s the lifestyle, stupid!

Dresden hat manches erreicht, vieles aber auch nicht. Indirekt sprach er über die Fehler der Verkehrspolitik, die Vernichtung von Stadtgrün (z. B. durch massive Baumfällungen) im Zuge von Baumaßnahmen, Flächenversiegelungen, Eingriffe in Schutzgebiete und stadtklimatisch unverzichtbare bzw. dem Hochwasserschutz dienende Grünbereiche wie z. B. den Dresdner Elbwiesen. Von den vereinzelt anwesenden Stadtpolitikern verlangte er mehr Weitsicht und weniger Investorenhörigkeit. Ein Verdrängen der anstehenden Probleme in die Zukunft und ein dementsprechendes Nichthandeln in der Gegenwart schmälert die Erfolgschancen und vervielfacht vor allem die Kosten. Noch eines schrieb er der Politik ins Stammbuch, nämlich den falschen Umgang mit Unsicherheiten. Damit war die Trägheit gemeint, Entscheidungen zu treffen. Politiker verlangen von der Wissenschaft hundertprozentig abgesicherte Entscheidungsgrundlagen. Da diese aber nicht leistbar sind, wird lieber nicht entschieden ergo nicht gehandelt. Die Probleme verschärfen sich und der ohnehin beschränkte Handlungsspielraum verengt sich weiter. Auf Politiker schimpfen ist natürlich einfach und darüber hinaus recht populär. Glücklicherweise unterließ es Socher auch nicht, die eigentlich Hauptverantwortlichen anzusprechen, nämlich uns Bürger. Wenn wir uns nicht bewegen, warum sollen es dann die anderen tun. Der Lebensstil des Einzelnen ergibt in Summe die Probleme. Also muss dort auch angesetzt werden. Dies bleibt aber solange utopische Forderung, wie die Bürger in ihrer Mehrheit weder Wissen noch Interesse über bzw. an den Problemen haben. Um dies zu ändern, bräuchte es massive Beteiligung und Information der Bürgerinnen und Bürger. Dazu, sagte der Amtmann dann fast resigniert, fehlen allerdings die personellen und finanziellen Mittel.

Am Ende seines Redebeitrages gab es den stärksten Applaus des gesamten Abends und endlich auch eine kleine engagierte Diskussion, welche freilich aufgrund des nahenden Veranstaltungsendes sehr kurz bleiben musste. Eigentlich ein Novum, dass während des gesamten Symposiums eine für dieses Thema wesentliche Frage weitgehend ausgespart blieb, nämlich jene nach den vorherrschenden Prinzipien des Wirtschaftens und dessen Folgen. Wer von Klimawandel, Klimaschutz oder nachhaltigen Anpassungsstrategien redet, darf vom vorherrschenden Wirtschaftsystem und der dazugehörigen Wachstumsideologie nicht schweigen. Das dieser nicht gerade unwesentliche Aspekt zum Schluss doch noch ein wenig zu seinem Recht kam, war denn auch alleiniger Verdienst des an diesem Nachmittag anwesenden Publikums.

11:59 26.11.2009
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Geschrieben von

mahung

Ende der 80er Jahre aus Halle-Neustadt zugereister Dresdner mit starker Affinität zur schönen Stadt Leipzig. Aber nunmehr in Berlin ...
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