Eure Liebe tötet mich – Schall & Wahn in Leipzig

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mit dem Eingangssong „Eure Liebe tötet mich“ des jüngsten Albums „Schall & Wahn“ begann der lang herbeigesehnte Tocotronic-Abend im Leipziger Conne Island am vergangenen Karfreitag. Trotz unsinnigen und vor allem für Nichtchristen bevormundenden Feier- und Tanzverbot wurde natürlich mit Hilfe eines kleinen Kniffs trotzdem gefeiert und getanzt. Schließlich handelte es sich um kein Konzert, sondern um einen nicht öffentlichen „Vereinsabend“; die Eintrittskarten waren natürlich „persönliche Einladungen“. Ganz klar! Jan Müller, seines Zeichens Bassist der Band, forderte denn auch Konsequenterweise dazu auf, sich über das karfreitägliche Feierverbot hinwegzusetzen und nach Leibeskräften zu tanzen und zu feiern. Dieser Aufforderung hätte es freilich nicht bedurft, zumal wahrscheinlich 99 % der Anwesenden nichts von der Existenz eines solchen Gesetzes wissen dürften – und das ist auch gut so!

„Öffentliche Tanzveranstaltungen und andere Vergnügungen, die dem ernsten Charakter dieses Tages widersprechen, sind nach dem Sächsischen Sonn- und Feiertagsgesetz (Sächs.GVBl. vom 20. November 1992) nicht erlaubt“.

Noch viel besser ist es, trotz Wissen um das Gesetz, dieses einfach zu ignorieren (Publikum & Band) bzw. einfach zu umgehen (Veranstalter).






Offensichtlich ist das Verhältnis zwischen Club und Band von großer gegenseitiger Sympathie geprägt. An der Wand hinter dem Mischpult stand in großen weißen Lettern, also deutlich lesbar vor allem für die Akteure auf der Bühne: „Ihr seid ganz sicher schon einmal hier gewesen“, was auf den Song „Ich bin ganz sicher schon einmal hier gewesen“ (Album: Wir kommen um uns zu beschweren) anspielt. Frontmann Dirk von Lowtzow ließ auch keinen Zweifel daran, dass sich die Band ehrlich freute wieder in diesem verhältnismäßig kleinen Club zu gastieren, in welchem sie seit Beginn ihrer Bandgeschichte immer wieder spielten und das oft, wie von Lowtzow betonte. Wenn man bedenkt, dass die Tocos inzwischen ohne Probleme die größeren Hallen des Landes zu füllen in der Lage sind, liegt der Gedanke nahe, dass die einst unbekannte Trainingsjackentruppe aus Hamburg dem Leipziger Publikum, speziell aber dem Club selbst eine besondere Referenz erweisen wollte. Das ist wahrlich gelungen. Dirk von Lowtzow, eine Symbiose aus Pathet und Sympath, der gefühlt nach jedem Song seine Gitarre stimmen musste, zeichnete sich durch ungebremste Spielfreude aus und seine Kollegen taten es ihm gleich. Die lautstark aus dem Publikum geäußerten Befürchtungen, dass die „Gitarrenstimmorgien“ des von Lowtzow „von der Zeit abgehen könnten“, konterte ein etwas schüchterner Rick McPhail – seit 2004 festes Mitglied der Band und ein musikalisch-qualitativer Gewinn obendrein – mit dem Hinweis, dass, wie beim Fußball, alle Unterbrechungen später nachgespielt werden. Daran hielten sich die vier Herren und spielten schön lange (was im Rock- und Popbereich keine Selbstverständlichkeit mehr ist).

Natürlich brachten Tocotronic viele der Songs aus dem neuen Album, vergaßen selbstredend auch nicht die Fans der ersten Stunde und wussten dementsprechend durch älteres Material zu entzücken – was nicht nur die reiferen Häsinnen und Hasen der Gemeinde freudig erregt goutierten. Ich persönlich freute mich ganz besonders über einen Song des frühen Tocotronic-Albums „Digital ist besser“ von 1995 mit dem wundervollen Namen „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“.

„Geh doch mal zum Bahnhof
in der sogenannten Frühlingszeit
sag Hallo zu einem Fremden
der dem Zug entsteigt
lad ihn ein zur Cola
im Imbiss gegenüber
vielleicht hat er Probleme
und möchte reden drüber

Wahrscheinlich hat er gar keine Zeit, die Idee ist gut doch die Welt noch nicht bereit …“

Die Band ließ sich, neben den ritualhaft vorgeschriebenen üblichen Zugaben, vom fanatisierten Publikum zu weiteren überreden und hörte schließlich im gegenseitigen Einverständnis auf zu spielen. Aber erst als beide Seiten, Band und Publikum, ordentlich „durch“ waren. Auch wenn aufgrund des vergleichsweise kleinen Rahmens eine etwas beengte und drängelnde Atmosphäre vorherrschte, war dieser doch recht intime Charakter des Konzerts ein großer Gewinn, da Band und Publikum sich sehr nahe waren und die Funken anders bzw. besser überspringen konnten als bei jedem Hallen-Konzert.

Zur Vorband Dillon, welche über die gesamte Tour hinweg im Vorprogramm von Tocotronic zu finden ist, kann ich meinerseits fairerweise weniger substantielles sagen, da ich zwei Drittel des Vorprogramms nicht sehen konnte. Allerdings erinnerte mich das was ich noch sah sehr stark an Kate Nash bzw. deren inzwischen zahlreich vorhandenen Epigoninnen - bis hin zum optischen Eindruck. Dennoch bekamen Dillon den durchaus verdienten freundlichen Applaus, bevor es dann endlich tocotronisch wurde.

16:26 06.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mahung

Ende der 80er Jahre aus Halle-Neustadt zugereister Dresdner mit starker Affinität zur schönen Stadt Leipzig. Aber nunmehr in Berlin ...
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 3