Hamburger Bildungsbürger

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Sagt mal Hamburger, was ist denn in euch gefahren? Da beschließen eure Regierenden ein wenigstens in Ansätzen modernes Schulgesetz, längeres gemeinsames Lernen nämlich, da kommt ihr und veranstaltet ein Volksbegehren, was auch noch zum Bürgerentscheid führen wird und macht alles wieder rückgängig? Eure GAL kann sich dann wohl auch gleich aus der Koalition verabschieden.

Als nicht in Hamburger Provinzpolitik involvierter Außenstehender jedenfalls bekam man mit, dass „grünes“ Profil bei den Koalitionsverhandlungen wohl nur noch im fortschrittlicheren Bildungspolitikansatz innerhalb der schwarz-grünen Ehe erkennbar geblieben ist. Immerhin! Welcher verflixten Klientel nun mag das wiederum nicht in den Kram passen. Kann es sein, dass die tief „verbürgerlichte“ Wählerklientel von schwarz-grün plötzlich Angst bekommen hat? Davor, dass ihre qua Geburt für Höheres bestimmten Kinder nun neben Reit-, Klavier- und Chinesischunterricht auch noch dem zusätzlichen Stress ausgesetzt sind, einige Jahre länger mit Kevin, Jamal oder Sibel die Schulbank zu drücken. Was ist so schrecklich daran, Kinder länger gemeinsam zu unterrichten? Gut, vielleicht optimiert man damit nicht weiter die ohnehin schon viel höheren Startchancen der Mittelschichtkinder im Bildungssystem (die Oberschicht ist nicht auf ein staatliches Schulsystem angewiesen), aber man täte doch etwas für die bildungsmäßig ohnehin schon weit abgehängten Kinder der Unterschicht – sofern sich Mittel- und Unterschicht überhaupt noch im Hamburger Alltag „begegnen.“

Ich bin nur ein einsamer Blogger und schon gar kein Bildungsexperte aber mich beschleicht bei diesem Thema immer das ungute Gefühl, dass es bei all den Diskussionen um die selektiven deutschen Schulsysteme weniger darum geht, wie Kinder als solche zu besserer Bildung kommen, sondern eher darum, welche Kinder höhere Bildung haben dürfen und welche doch besser nicht. Gibt es vielleicht interessierte Kreise, die sich wünschten, dass Teile der Gesellschaft dumm, damit arm und also politisch hilflos, sprich ungefährlich würden? Man muss natürlich aufpassen, dass man es sich mit einer die Komplexität allzu stark reduzierenden Verschwörungstheorie nicht zu bequem macht, dennoch stellt sich die Frage manchmal.

Was, liebe Eltern, Bildungspolitiker und sonstige Betroffene oder Berufene, spricht gegen gemeinsames Lernen von acht oder meinetwegen auch sechs Jahren und einer gymnasialen weiterführenden Stufe bis zur Klasse zwölf? Ich selbst habe zehn Jahre gemeinschaftlich die Schulbank gedrückt und dann zwei Jahre auf der Erweiterten Oberschule Abitur gemacht. Geschadet hat es mir nicht. Nun kann man vom Schulsystem der ehemaligen DDR halten was man will, fest steht, dass es zur Bildung, vornehmlich im Sinne einer breiten Allgemeinbildung, großer Teile der Bevölkerung, beigetragen hat. Nun nützte es wenig, Systeme von zu recht untergegangenen Staaten zu restaurieren, schlecht wäre es aber nicht, angesichts einer Jahrzehnte andauernden bildungs- und schulpolitischen Misere in der BRD, alte Pfade zu verlassen und über den Tellerrand der alten Kulturkämpfe hinauszublicken. In Hamburg, so hat man das Gefühl, beginnen sie die längst geschlagenen Schlachten erneut zu schlagen. Und das ist nicht gut so!

16:14 21.11.2009
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Geschrieben von

mahung

Ende der 80er Jahre aus Halle-Neustadt zugereister Dresdner mit starker Affinität zur schönen Stadt Leipzig. Aber nunmehr in Berlin ...
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