Kritik der TITANIC-Kritik

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zur hier kürzlich erschienen TITANIC-Kritik und der daraus folgenden interessanten Diskussion, noch einige Gedanken.

Ich möchte grundsätzlich widersprechen, denn die Kritik erscheint mir undifferenziert und ich wehre mich vor allem dagegen, wenn ein Zusammenhang – sei er auch noch so lose – zwischen Mario Barth und Harald Schmidt resp. Raab konstruiert wird, der freilich kaum besteht. Beinahe infam finde ich es, wenn in diesem Zusammenhang gleich noch die TITANIC mit ab gefrühstückt wird. Nun mag es ja durchaus sein, dass ich aufgrund meines Alters nicht so genau weiß, was früher war und früher war ja bekanntlich alles besser. Nicht wahr? Allerdings kann ich mich nach beinahe sieben Jahren TITANIC-Abo und der Tatsache, dass ich seither jede Ausgabe von der ersten bis zur letzten Seite wirklich gelesen habe beim besten Willen nicht damit abfinden, wie hier z.T. pauschalisiert wurde. Da wird die Keule heraus geholt und Mainstream gebrüllt. Oder es wird bezichtigt, dass dort Witze auf Kosten anderer gemacht würden. Na was denn sonst? Satire greift an, Satire verletzt – dass ist wohl eine ihrer fundamentalen Grundlagen, wenn auch nicht die einzige. Und Witze? Lehrer-Witze, Manta-Witze, Politiker-Witze, Behinderten-Witze, Schwulen-Witze, Ostfriesen-Witze etc.

Natürlich finden Witze fast immer auf Kosten von irgendwem anders statt. Eine Minderheit, eine gesellschaftliche Gruppe wird aufs Korn genommen und wenn man so will, ausgelacht. Was ist daran so besonders? Es gibt eben gute und schlechte Witze, gute und schlechte Satire und beispielsweise gute und schlechte Politikerparodien. Was aber gut oder schlecht ist, entscheidet sicher nicht die Kulturredaktion des Freitag, welche zufällig einmal eine TITANIC-Ausgabe in die Hand bekam und andere Zeitgenossen, die vielleicht meinen, TITANIC müsste in jeder Ausgabe zum gewaltsamen Sturz der Regierung aufrufen, um nicht zum Mainstream zu gehören. Wie ich schon mehrfach an anderer Stelle erwähnt habe: Über Humor lässt sich streiten. Über was ich lache oder nicht, entspringt allein meiner Wahrnehmung, meinem Verständnis von Humor. Bei der Gelegenheit Herr Angele, wie Humorkritik geht, können Sie jeden Monat „auf der“ TITANIC in der gleichnamigen Rubrik nachlesen.

Ein Wort zu Raab

Raab ist über „Vivasion“ – also zu Zeiten, als es in Deutschland noch Musikfernsehen gab – populär geworden. Diese Sendung war über weite Strecken
gut und Raab verstand es mit seiner Gitarre oder anderweitig A, B, und C-Prominente auf die Schippe zu nehmen und machte auch vor Politikern nicht
halt (Merkel wurde nicht zuletzt durch Ihn zur „Angie“). Der Humor-Absturz Raabs begann aus meiner Sicht mit dem Format „TV-Total“, was ja eigentlich das Ziel haben sollte, den zunehmenden TV-Schwachsinn zu entlarven. Was Oliver Kalkofe recht gut gelang, mutierte bei Raab schnell zur reinen Nachverwertung. Raab wurde nur ein weiteres Glied der Verwertungskette im Privatfernsehen. Mittags und nachmittags wurde die Unterschicht zum Vergnügen Dritter aufeinander gehetzt und bei Raab durfte dann nochmal über die größten "Dummheiten“ der Dummen, über die Oberdeppen der Nation „abgelacht“ werden. Das Prinzip Raab ist tatsächlich: Die noch nicht ganz abgestürzte Mittelschicht „beölt“ sich über diejenigen, die schon ganz unten angekommen sind. Ich persönlich fand das nicht mehr lustig und ließ seither die Finger von Raab und seinen Dauerwerbesendungen. Hier sehe ich auch den Punkt erreicht, an dem sich ein Stefan Raab fundamental von einem Harald Schmidt unterscheidet. Raab schlägt hauptsächlich auf diejenigen ein, die sich nicht wehren können und holt sich billige Lacher ab. Das hat Schmidt nie getan. Seine „Opfer“ wurden veräppelt, verarscht, manchmal auch verhöhnt, aber nie in menschenverachtender Manier und nicht nur dem Selbstzweck dienend: Hauptsache ein Lacher für die Quote. „Fetti und die Unterschichtenbande“ war so ein Beispiel. Hier ging es nicht darum, Angehörige der Unterschicht wegen ihrer Mangels Geld und Bildung schlechten Ernährungsweise zu verhöhnen, sondern vor allem darum, auf ein gesellschaftliches Problem hinzuweisen, für das die sog. Unterschicht selbst am wenigsten kann. So habe ich das damals jedenfalls verstanden.

Ein Wort zu Schmidt

Ich beurteile Schmidt nicht nur nach seinen „Taten“ bei Sat 1 oder danach, was bei Schmidt & Pocher so an langweiligem geboten wurde. Ich besitze alte Kabarettprogramme auf CD, ich weiß, dass Schmidt mit Thomas Freitag und anderen Urgesteinen des politischen Kabaretts auf Tour war und zum Ensemble des Kom(m)ödchens Düsseldorf gehörte. Schmidt genoss eine solide Schauspielausbildung, versuchte dem verschnarchten Samstagabend in der ARD
als Moderator von „Verstehen Sie Spaß“ etwas mehr Schwung zu geben (freilich ohne Erfolg) und nicht zuletzt muss für eine Beurteilung Schmids ebenfalls die Sendung „Schmidteinander“ im WDR herangezogen werden. Freilich eingedenk der Tatsache, dass der eigentliche Mastermind dieser Sendung Herbert Feuerstein war und die Late-Night-Shows ohne eine Schaar von Autoren im Hintergrund nicht funktionieren könnten. Schmidt präsentiert zum Teil dass, was sich andere ausdenken, aber er präsentiert es eben routiniert, was ich manchmal witzig fand, manchmal aber auch nicht. Ich hatte auch die Möglichkeit Harald Schmidt live mit eigenem Programm zu erleben. Das hatte für mich Qualität. Wer also in Bezug auf Schmidt aussagt, dass dieser nie lustig gewesen sei, geht entweder zum Lachen in den sprichwörtlichen Keller oder ist an einer differenzierten Betrachtung nicht interessiert.

Das Letzte: Mario Barth

Barth kann nur zwei Gesichtsausdrücke, kennt nur einen Witz, den er freilich tausende Male leicht variiert und ist insgesamt gesehen, weniger intelligent als andere Protagonisten seines Metiers. Ich finde diesen Mann nicht lustig. Schon bei „NightWash“ war er der Ein-Thema-Komiker, der er heute noch ist, freilich füllt er inzwischen Stadien und darf Filme drehen (lassen). Das sagt aber weniger über Mario Barth aus als vielmehr über die Humoransprüche seines Publikums, denke ich. Allerdings bin ich nicht die Humorpolizei und jeder soll lachen, worüber er halt lachen kann. Denn wie gesagt:

Über Humor lässt sich streiten.

16:55 31.05.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mahung

Ende der 80er Jahre aus Halle-Neustadt zugereister Dresdner mit starker Affinität zur schönen Stadt Leipzig. Aber nunmehr in Berlin ...
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 19

Avatar
chrisamar | Community
Avatar
Avatar
chrisamar | Community