Leipzig brannte nicht – Ein Abend mit 1000 Robota

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Es ist kurz vor neun. Vor dem Haupteingang des Studentenclubs Moritzbastei stehen einige Menschen. Aha, es wird also schon angestanden um die 1000 Robota rocken zu sehen – ein gutes Zeichen. Weit gefehlt. Der Menschenauflauf vor dem Haupteingang war konsequenterweise eine Semester-Beginn-Party einer Fakultät unbekannter Herkunft. Auf das Konzert hingegen kein Hinweis. Nun, die Moritzbastei ist riesig und verwinkelt und zeitgleich stattfindende Veranstaltungen sind hierzuclubbe wohl eher die Regel, denn die Ausnahme. Der Haupteingang wurde also bewacht von einer netten Studentin, welche nicht an sich vorbei ließ, aber immerhin den richtigen Weg wusste und der führte jedenfalls nicht durch den Haupteingang. Die Beschilderungs- und Informationspolitik der Moritzbastei ist zumindest bemerkenswert.

Drinnen dann ein weiterer Offizieller, am Offiziellentisch freundlich Auskunft gebend. Geradeaus geht’s zur Lesung, rechts zur Garderobe und links durch, weiter nach hinten zum Fußball bzw. dem Konzert. Fußball? Ach ja, Bayern gegen Bremen. Egal, heute ist Live-Musik.

Der Saal war erschreckend leer und die Vorband offensichtlich schon durch. Einer spontanen Zählung zu Folge waren wir ca. 35 Personen geneigtes Publikum. Das ist wenig. Kennt man in Leipzig die Robotas nicht so oder stimmt was generell über Konzerte in der Moritzbastei gesagt wird? In einem Blogbeitrag soll die Band durch einen Fan eindringlich vor dem Veranstaltungsort gewarnt worden sein. Hörensagen. Die Band scheint es nicht zu stören, vor kleinem Publikum zu spielen. Denn diese war ja aus dem gleichen Grund da wie die ZuhörerInnen auch, nämlich der Ermöglichung von Amüsement durch Erzeugen infernalischen Kraches.






Das mit dem Krach ist so eine Sache. Es war gestern einfach zu viel, was wohl weniger am Willen der Band und den Technikern lag, sondern an den technisch-akustischen Bedingungen dieses Gewölbekellers, welcher innerhalb der Moritzbastei als Tonne bezeichnet wird. Jedenfalls entschuldigte sich der Gitarrist und Sänger Anton Spielmann schon nach dem zweiten Lied für die Lautstärke und erklärte es mit seinem Gitarrenröhrenverstärker, der schließlich schon minimal aufgedreht sei, gerade so viel, das die Gitarren auch zerren können. Ach so!?

Entschuldigungen hatte man eigentlich weniger erwartet, zumal sich diese wirklich noch sehr junge Band schon einen veritablen Ruf als Publikumsbeschimpfungsspezialisten und Arrogante Interviewpartner redlich erworben hat. Fast wie die Großen eben. Beim BerlinFestival 2009 machten sie diesem Ruf alle Ehre und es war herrlich mit anzuschauen. Freilich standen der Band dort mehrere tausend Zuhörer gegenüber, welche in einem impulsiven Brodelvorgang aus Pogo, Crowdsurfing und allgemeiner Durchdreherei gefangen zu sein schienen. Vielleicht hängt die Lust zur Publikumsbeschimpfung direkt mit der zahlenmäßigen Stärke desselben zusammen. Denn hier in Leipzig, in einer eher familiären Konzertsituation, gab es nur Ansagen ausgesprochen höflicher Art. Die anderen beiden Protagonisten, Sebastian Muxfeldt am Bass und Jonas Hinnerkort am Schlagzeug bzw. Mikrofon, sagen ohnehin nichts zwischen den einzelnen Liedern. Das Spiel des Schlagzeugers ist sehr dicht, sehr intensiv, sehr gut. Überhaupt die Aufstellung. Alle drei sind nebeneinander und vorn am Bühnenrand. Während die beiden Sänger im Chor ihre sloganhaften Texte weniger singen als schreien, liefert ein sehr gut angezogener und frisierter Bassspieler, verträumt bis abwesend dreinblickend, ein herzerfrischend knalliges Basswerk. Anton Spielmann springt und windet sich, während er seine wechselnden Gitarren ordnungsgemäß malträtiert. Ihren bisher größten Hit „Hamburg brennt“ von der gleichnamigen EP (erschienen 2008) lieferten sie ausgerechnet in einer langsamen „Schmuseversion“, was ein wenig enttäuschte, andererseits auch wieder konsequent ist (es gab auch keine Zugaben), zwischen popularmusikalischer Erwartbarkeit und deren demonstrativer Nicht-Erfüllung. Denn das die Jungs in ihrer vergleichsweise jungen Karriere von den Songs ihrer ersten EP bzw. des ebenfalls 2008 erschienen Albums „Du nicht er nicht sie nicht“ schon selbst so genervt sind, will man dann irgendwie doch nicht ganz glauben. Es wurde also hauptsächlich Material aus dem aktuellen Album „Ufo“ gespielt und das war auch ganz gut so. Während dem verklingen des letzten Liedes „Alter Mann“ ging eine den ganzen Song unterliegende Soundcollage in den alten Phudys-Hit „Wenn ein Mensch lebt“ über. Es durfte dann ein wenig gerätselt werden, ob dieser speziell für das Leipzig-Konzert ausgesucht wurde oder auf der ganzen Tour den Gig ausleitet und wenn ja, warum. Wissende mögen berichten.

Wie verschiedentlich nachzulesen war, changiert die Musik von 1000 Robota irgendwo zwischen Krautrock und Post-Punk. Schublade auf, Band rein, Schublade zu. Der Autor macht es sich noch leichter: Klingt irgendwie nach Fehlfarben und einem Hauch von Joy Division. Wie auch immer. Mögen sich die Berufskritiker ihre professionellen Ohren darüber zerbrechen. Eigentlich gibt es wichtigeres und es ist ja nur Popmusik, die es live anzuhören lohnt. Vielleicht sollte man allerdings, nur vorsichtshalber versteht sich, ein paar Ohrenstöpsel mit sich führen.

Leipzig brannte also nicht, Hamburg, wie erwähnt, auch nicht so richtig, aber alles in allem – den Matschsound im Basteigewölbe hier mal ignorierend - ein gelungener Abend. Noch ein kleiner Wermutstropfen: Bayern – Bremen 2 : 1. Morgen besuchen schon wieder ein paar Hamburger Leipzig. Tocotronic geben sich bereits das zweite Mal in diesem Jahr die Ehre. Das ist aber eine andere Geschichte und wird sicher auch ein anderes Konzert.

17:26 27.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mahung

Ende der 80er Jahre aus Halle-Neustadt zugereister Dresdner mit starker Affinität zur schönen Stadt Leipzig. Aber nunmehr in Berlin ...
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