Todesstrafe für Kinderschänder?

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Würden Sie jemandem Ihr Kind anvertrauen, dessen Fahrzeug die Aufschrift „Todesstrafe für Kinderschänder“ trägt?

In meiner Wohngegend kann man immer häufiger Aufkleber an ordnungsgemäß abgestellten Autos mit der oben genannten Forderung finden. Das Viertel in dem ich lebe, ist ein nicht allzu gut beleumundeter Ortsteil im Westen der Stadt, ohne jedoch ein inzwischen noch viel schlechter beleumundetes Plattenbaugebiet am Hang zu sein. Man kann sagen, ein Gründerzeitgebiet, mit einer in den letzten Jahren rasant gestiegenen Kampfhundpopulation. Übergewichtige, Kinderwagen schiebende und dabei entweder rauchende oder mobil telefonierende Mütter, mit pink, rosa oder roten Strähnchen in den schlecht blondierten Haaren, bereichern die Szenerie des Weiteren. Womit die wichtigsten Klischees beisammen wären.

Was für Menschen stecken hinter einer solchen, mittels Aufkleber öffentlich gemachten, persönlichen Einstellung? Es gelang mir bisher nicht, einen dieser Fahrzeughalter in Benutzung desselben zu erspähen. Während mir bei einem anderen Fahrzeug, einem richtigen Familienvan, ein groß in Fraktur über die Heckscheibe geschriebenes „Odin statt Jesus“, sofort klar werden lässt, dass hier bekennende Nazis am Werk sind - die, nebenbei bemerkt, nicht zu wissen scheinen, dass die Original-Nazis die Frakturschrift 1941 offiziell als unerwünscht erklärt hatten und NSDAP-treue Zeitungen und Verlage seit dem zum Gebrauch der lateinischen Schrift übergegangen waren - bin ich mir bei den öffentlich Todesstrafe Fordernden nicht so sicher, wessen Geistes Kind sie sind.

Andererseits, wie man einem der letzten NPD-Periodika, welche mir regelmäßig und ungefragt in den Briefkasten geworfen werden, entnehmen kann, sind die Nationalsozialisten durchaus aktive Propagandisten in dieser Sache. So ist allgemein bekannt, dass, sobald ein Missbrauchsfall am Kinde die Öffentlichkeit erreicht, der nationale Mob diesem Thema beispringt und den leider nicht nur durch Boulevardmedien induzierten Volkszorn ausnutzt. Die Nazis machen dass, was erwartbar ist. Menschen dort mitnehmen, wo Emotion gegen Kopf siegt. Wo Fakten hinter „gesundem Volksempfinden“ und Rachephantasien verschwimmen.

Nach stundenlangen Recherchen auf einschlägigen Webseiten bzw. in Netzforen denke ich, dass ein rechtsextremer Hintergrund nicht die einzige Erklärung für solcherlei Einstellungen sein kann. Freilich erreichte die hitleristische NPD bei der Landtagswahl 2004 hier im Wahlkreis Dresden 4 mit 8,5 % der Stimmen den traurigen städtischen Spitzenwert, während beispielsweise die Sozialdemokraten lediglich 7,8 % erreichten. Ich denke, an diesen Zahlen wird sich auch nichts Wesentliches geändert haben. Vermutlich werden die Rechtsextremen dieses Jahr eher noch ein paar Prozente zulegen. Jedenfalls hier im Viertel.

Mir ist keine aktuelle Umfrage zum Thema Todesstrafe in Deutschland bekannt, denke aber, dass knapp die Hälfte sie grundsätzlich befürwortet – im Zusammenhang mit der sog. Kinderschändung sicher mehr. Wahrscheinlich reichen solche Einstellungen tief in die Mitte der Gesellschaft. Wer erinnert sich nicht noch an Gerhard Schröders populistische Forderung in der BILD-Zeitung, die Täter für immer wegzuschließen, weil sie nicht therapierbar wären. Das war zwar keineswegs eine Forderung nach Todesstrafe. Dennoch trug solch undifferenziertes Stammtischeln eines damals immerhin amtierenden Bundeskanzlers, sicher nicht gerade zur Versachlichung bei.

Aber was ist eigentlich die Todesstrafe rechtfertigende Kinderschändung? Reicht exhibitionistisch motiviertes Entblößen am Spielplatz oder im Park schon aus? Ist ein einschlägig vorbestrafter Thüringer Rechtsradikaler, der Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen hatte, auch ein zum Tode zu verurteilender Kinderschänder? Ist nicht der in der Türkei wegen angeblichem oder tatsächlichem Sex mit einer Minderjährigen inhaftiert gewesene Marco, nicht streng genommen auch ein Kinderschänder?

Man stelle sich nur vor, wie innerhalb deutscher Familien – wo immerhin und freilich meist öffentlich unbemerkt die große Mehrzahl der Missbrauchsfälle (95 %) stattfinden - die Rachegelüste des Volkes um sich griffen und Väter, Großväter, Onkels etc. quer durch die Mitte unserer Gesellschaft, massakriert würden. Dies gäbe ein veritables Gemetzel in der „Keimzelle der Gesellschaft“.

Aber diese Tätergruppe hat die Zahn-um-Zahn-Öffentlichkeit wohl eher weniger im Auge. Wahrscheinlich weil das ganz banale und alltägliche Grauen in durchschnittlichen deutschen Haushalten einfach zu nahe liegt. Die Empörungs- und Betroffenheitsmaschinerie kommt erst dann richtig in Gang, wenn die „Sex-Monster“, „Sex-Bestien“ eben die Mederakes dieser Welt in Erscheinung treten. Was zwar sehr selten vorkommt, aber umso mehr Aufmerksamkeit erregt. Somit verfestigt sich das Gefühl, wonach solche Taten sich häufen. Was gleichwohl falsch ist. Es gibt sogar, laut dem ARD-Politmagazin Report Mainz Menschen, die aus dem „Geschäft mit der Angst“ Profit schlagen.

In Deutschland passieren ca. 20 Sexualmorde im Jahr. Insgesamt und über alle Altersgruppen verteilt; also nicht nur im Zusammenhang mit Kindern. Deutschland ist sogar ein Land, wo vergleichsweise wenige Sexualmorde begangen werden. Dahingegen gab es z.B. im Jahre 2007 111 Kinder unter 15 Jahren, die im Straßenverkehr getötet wurden. Kein Aufschrei nirgends. Im Gegenteil. Es erntet eher derjenige Empörung und Gegenwehr, welcher in diesem Zusammenhang beispielsweise mehr Tempo-30-Zonen fordert oder dieses Geschwindigkeitsniveau generell in Wohngebieten bzw. im städtischen Straßennebennetz haben möchte.

Ist also ein durch rücksichtsloses Autofahren getötetes Kind weniger wert? Sind die Angehörigen, die Eltern solcher Opfer weniger betroffen von dem Verlust ihres Kindes, weniger am Boden zerstört, nur weil deren Tod alltäglicher daherkommt? Vielleicht ist es am Ende nur leichter, sich in die Rolle solcher Täter einzufühlen. Schon deshalb, weil zu schnelles und potenziell gemeingefährliches Benutzen des Automobiles, wenn überhaupt, als Kavaliersdelikt gilt. Viele könnten so theoretisch selbst schnell zu Schuldigen werden, auch und insbesondere gegenüber Kindern, den schwächsten Akteuren im Straßenverkehr. Die Identifikation fällt leichter und die moralische Kategorie ist eine Andere. Aber an der schrecklichen Tatsache, dass ein Kind getötet oder schwer verletzt wurde, ändert sich dadurch nichts.

Das fahrlässige Töten von Kindern im Straßenverkehr hat kein vergleichbares Empörungspotenzial. So dürfen solche Täter selbstverständlich nach einiger Zeit wieder als Motorisierte am Straßenverkehr teilnehmen. In Dresden überfuhr ein junger Mann vor Jahren in einer Tempo-30-Zone ein 7 jähriges Mädchen, welches er schwer verletzte. Den Führerschein durfte er behalten. Nur kurze Zeit später starb eine Radfahrerin und Mutter durch denselben jungen Mann, der sich ein Ampelrennen lieferte. Ein Rückfalltäter. Nicht therapierbar. Den Schein zum Führen eines Fahrzeuges bekam er nach einem Jahr dennoch wieder und erhielt eine 15-monatige Bewährungsstrafe und 1000 € Geldbuße (UBA-Bericht, S. 68). Vermutlich fährt er inzwischen wieder. Eine potenzielle Gefahr. Keiner kann wissen, ob er es wieder tut oder geheilt ist. Wie wäre es also in diesem Kontext mit der Forderung nach einer „Todesstrafe für Kinderüberfahrer“ oder wenigstens nach einem lebenslangen Wegsperren, einem immer währenden Fahrverbot für solche Täter?

Aber im Ernst. Der vorangegangene Vergleich ist natürlich ein wenig gewagt, dadurch aber bewusst provokant. Tatsächlich drängt er sich mir hin und wieder auf, angesichts solcher Forderungen nach Todesstrafe für eine bestimmte Tätergruppe. Für mich persönlich ist die Todesstrafe grundsätzlich und erst recht im Zusammenhang mit einer speziellen Verbrechensart absolut undiskutabel. Trotzdem gibt es Mitbürgerinnen und Mitbürger, sicher nicht nur in meiner Nachtbarschaft, die Strafe sagen, aber Rache meinen und das ist nicht gut. Dabei ist es fast schon wieder zweitrangig, ob diese Einstellung in erster Linie rechtsextrem motiviert ist oder mehrheitlich aus der Mitte der Gesellschaft, nämlich vom Durchschnittsbürger stammt.

23:21 07.04.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mahung

Ende der 80er Jahre aus Halle-Neustadt zugereister Dresdner mit starker Affinität zur schönen Stadt Leipzig. Aber nunmehr in Berlin ...
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