Weltverdopplungsstrategien - eine Leserrezension

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mehr durch Zufall bin ich auf eine neue Publikation gestoßen. Es handelt sich um die „Zeitschrift für Weltverdopplungsstrategien“ mit dem schönen Namen „Ausgabe 1“.

Was auf den ersten Blick ein wenig nach Spaßpublikation klingt, stellt sich bei näherem Hinsehen als ernstzunehmendes journalistisches Unternehmen heraus. Man darf den Ansatz der Herausgeber mit Fug und Recht als wissenschaftlich bezeichnen. Die Herausgeber selbst schreiben lieber, dass sie mit ihrem „Kultur- und Gesellschaftsmagazin“ in unregelmäßigen Abständen, gesellschaftliche Hintergründe und Zusammenhänge mittels verschiedenster Genres erörtern und kommentieren möchten. Im Vorwort der „Ausgabe 1“ wird denn auch der Begriff „Weltverdopplungsstrategie“ hinreichend plausibel erläutert.

Das Leitthema dieser ersten „Ausgabe 1“ ist nichts weniger als Die Stadt. Unterschiedliche Autorinnen und Autoren beleuchten diesen Gegenstand aus verschiedendlichsten Perspektiven. So geht die publizistische Reise unter anderem vom chinesischen Peking, in die geschlossene Stadt Seweromorsk in Russland bis nach Kairo. Aber auch vor der eigenen Haustür wird nicht Halt gemacht und so ist denn auch die Stadt Dresden in dieser Ausgabe relativ prominent vertreten. Der einstigen Residenz widmet sich ein größerer Teil in mehreren Beiträgen. Es geht z.B. um den Mythos Dresden – Anmerkungen zur Anatomie einer Stadt welchen der Autor und gebürtige Dresdner Marcel Raabe ausführlich zu ergründen sucht. Korrespondiert von der Autorin Mandy Fischer, welche in ihrem Beitrag am Beispiel Dresdens der noch immer – teils aus Unwissenheit, teils aus ideologischen Vorbehalten heraus oder beiden gemeinsam – zu Unrecht schlecht beleumdeten Ostmoderne, also der Nachkriegsarchitektur, kenntnisreich auf den Zahn fühlt. Das dringende Notwendigkeit zur Aufklärung besteht, beweisen viele Beispiele innerhalb Dresdens, wo selbst mit den architektonisch wertvollen Hinterlassenschaften der DDR-Zeit wenig pfleglich, sogar banausenhaft umgegangen wurde und wird. Vor nicht allzu langer Zeit rückte man dem sog. „Centrum Warenhaus“ und seiner einzigartigen Wabenfassade mit der Abrissbirne zu Leibe. Nunmehr steht an dessen Stelle bereits der neue Konsumtempel kurz vor der Eröffnung.

Die Arbeitsgemeinschaft Centrum Warenhaus, welche sich seinerzeit mit Anderen vergeblich gegen den Abriss stemmte und diesen dann immerhin filmisch begleitet hat, führte für „Ausgabe 1“ ein Interview mit dem Dresdner Architekten Peter Kulka, welcher den Auftrag für den Warenhausneubau erhalten hatte. Dieses Gespräch gibt u.a. beredten Einblick in aktuelle Dresdner Befindlichkeiten, nicht nur im Bereich architekturästhetischer Problematiken.

Ein weiterer Teil des Heftes widmet sich interessant gegensätzlichen Entwicklungen, die aus eher globaler Sicht beleuchtet werden. Während wir einerseits in den westlichen Industriestaaten, vor allem demographisch determinierten Stadtschrumpfungsprozessen ausgesetzt sind, welche teilweise in atemberaubender Geschwindigkeit vor sich gehen, verläuft quasi gleichzeitig in der sog. dritten Welt oder den Schwellenländern diametral Entgegengesetztes, in ebensolcher Geschwindigkeit. Die Städte dieser Hemisphäre explodieren förmlich und entwickeln sich zu Megastädten. Die Artikel über Kairo und Peking von Marcel Raabe bzw. Sören Urbansky beschäftigen sich mit den damit zusammenhängenden Phänomenen bzw. Konsequenzen. Stadtsoziologisch, das heißt theoretisch unterfüttert wird das ganze durch Ralph Richter in seinem Beitrag Vom Wachsen und Schrumpfen der Städte.

Eingerahmt werden die Essays, wissenschaftlichen Texte, Reportagen, Interviews und literarischen Beiträge, von denen hier nicht vollständig die Rede war, durch zwei bildkünstlerische Beigaben. Die „Ausgabe 1“ wird mit urbanen Zeichnungen des Schweizer Künstlers Ingo Giezendaner bildnerisch eingeleitet. Am Schluss des Heftes findet sich eine „Graphic Novel“ mit dem Namen Ente à l‘Orange des Künstlers Max Baitinger, ein Genre, das wie im Vorwort betont wird, in Deutschland bisher unterschätzt geblieben ist, welches ich allerdings spontan eher als intellektuelles Avantgardecomic bezeichnet hätte. Diese Zusammenstellung ist gemessen an dem was man sonst so kennt recht ungewöhnlich, entfaltet aber im Kontext mit dem gesamten Heftinhalt seinen tieferen Sinn und unterstreicht ihn somit in bildlicher Form.

Schließlich kann man konstatieren, dass die Lektüre dieser neuen Zeitschrift nicht nur interessant und kurzweilig, sondern gleichsam lehrreich und erhellend ist. Da die Macherinnen und Macher den Anspruch haben, von einer den Marktgesetzen gehorchenden Publizistik unabhängig zu bleiben, kommt die Zeitschrift weitgehend ohne Werbung aus. Dadurch, so die Herausgeber, hofft man dem Zwang zur Massentauglichkeit und damit einhergehender publizistischer Oberflächlichkeit aus dem Weg zu gehen. Möge es ihnen gelingen, so dass weitere Ausgaben dieser Zeitschrift, wenn auch unregelmäßig, das Licht der Welt erblicken können.

Ausgabe 1 – Zeitschrift für Weltverdopplungsstrategien

Erste Ausgabe „Die Stadt“, Frühjahr 2009

6 Euro (Solidaritätspreis 10 Euro)

www.ausgabe1.de

00:29 03.09.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mahung

Ende der 80er Jahre aus Halle-Neustadt zugereister Dresdner mit starker Affinität zur schönen Stadt Leipzig. Aber nunmehr in Berlin ...
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 6