„Lust auf Eis ist voll okay“

Im Gespräch Die Bloggerin Anke Gröner versuchte jahrelang, mit Diäten abzunehmen. Dann lernte sie, das Essen zu genießen – und schrieb ein Buch darüber: "Nudeldicke Deern"

Mithilfe einer befreundeten Ernährungsberaterin wollte Bloggerin Anke Gröner ein „normales Essverhalten“ lernen. Es hat geklappt. Sie ließ die Diät-Zwänge hinter sich und machte sich nach Jahren voller Selbsthass frei von der gängigen Idee, dünn sein zu müssen. Über den Weg dorthin hat sie nun ein Buch geschrieben.

Der Freitag: Anke, dein Buch ist sehr persönlich. Damit setzt du dich auch möglicher Kritik ganz unmittelbar aus.

Anke Gröner:

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich das Buch schreiben soll, denn es schafft eine völlig andere Art von Öffentlichkeit als mein Blog. Mit negativen Rezensionen komme ich zurecht, aber ich weiß, dass bald in einigen anderen Blogs auch stehen wird: 'Die fette Kuh will einfach nur weiter fett bleiben.' Wo ich dann sage: 'Ja, genau. Wo ist das Problem?' Ein Freund riet mir dann aber: 'Tu es trotzdem für die Frauen!'

Was meinte er damit genau?

Ich kenne viele Frauen, die fantastisch aussehen, aber fast jede fühlt sich nicht wohl mit sich und ihrem Körper. Da ist doch etwas nicht in Ordnung! Schön ist aber: Seit ich Blog-Beiträge übers Essen schreibe und darüber, dass es in Ordnung ist, dick zu sein, erhalte ich viele Mails von Frauen, die sagen: 'Ich habe mich ver­ändert, ich finde mich zum ersten Mal okay. Ich weiß, dass ich nie wie ein Model aussehen werde, aber das ist okay.'

Du wirbst dafür, Essen immer selbst zuzubereiten und richtig zu genießen. Für viele Frauen, gerade wenn sie allein leben, lohnt sich aber der Aufwand zu kochen meist nicht so richtig.

Manche Frauen nehmen ein Bad, machen es sich mit Kerzen gemütlich und entspannen so. Für mich ist das Kochen die Entspannung. Ich komme von der Arbeit, konzentriere mich auf ein Rezept und genieße das Essen, selbst wenn es nur fünf Minuten sind. Und selbst wenn es nur ein Käsebrot ist, das ich esse. Ich hoffe nicht, dass es sich so anhört, als würde ich immer ein Feuerwerk der Kochkunst abfackeln.

Dicke Männer fühlen sich oft auch nicht wohl, aber sie scheinen wegen ihres Gewichts nicht diesen Selbsthass zu haben, von dem dicke Frauen oft berichten.

Ich denke, dass sie nicht so einen Druck haben. Allerdings frage ich mich auch, warum das so ist. Es gibt ja auch Männer-Zeitschriften wie Men’s Health, wo die Männer aussehen wie gemeißelt. Frauenzeitschriften haben sicher eine Menge damit zu tun, dass viele Frauen ihren eigenen Körper hassen. Wir sehen in der Werbung ja – bis auf die Ausnahme der Dove-Werbung – nicht einmal durchschnittliche Frauen. Das Perfide ist dabei auch, dass man nie schlank genug sein kann. Die Frau, die eine 40 trägt, hätte gerne eine 38, die 38 gerne eine 36.

Frauen werden immer noch vor allem nach der Optik beurteilt?

Ja, selbst wenn du Bundeskanzlerin wirst, musst du dich danach bewerten lassen, wie deine Mundwinkel und deine Frisur aussehen. Der einzige Kanzler, bei dem das ähnlich war, war Gerhard Schröder bei der Affäre um die gefärbten Haare. Es gibt natürlich auch die Theorie, dass Frauen sich den Druck gegen­seitig machen. Dass sie, wenn sie in einen Raum kommen, erst mal die Konkurrenz abchecken.

Du schreibst, dass du früher auf Partys selbst immer geschaut hast, ob noch eine Frau da ist, die 'fetter' ist als du.

Ja, aber glücklicherweise kann man sich das ganz leicht abgewöhnen. Wenn man wirklich anfängt, darauf zu gucken, was das Tolle ist an einem Menschen, dann ist der Rest egal. Seit ich das Gefühl habe, ich bin es wert, dass ich mir etwas Schönes anziehe, gucke ich bei Frauen, ob sie Sachen tragen, die mir gefallen, und frage sie, woher sie diese haben. Und ich mache ihnen ein Kompliment. Sobald man merkt, dass alle völlig normal aussehen, lebt es sich deutlich entspannter. Ich kann nur nicht allgemein sagen, wie man da hinkommt. Bei mir war es der Weg über das Essen. Ich fand mich 25 Jahre lang scheiße. Das böse Essen und die mangelnde Selbstdisziplin standen meiner schlanken Figur und meinem „wahren Ich“ immer im Weg. Dann auf einmal war Essen toll! Damit war auch ich toll, weil ich mich um mich gekümmert habe, weil ich mich lecker bekocht habe.

Du hast zusammen mit einer Ernährungsberaterin viele Lebensmittel ausprobiert und dir eine große Auswahl an Gewürzen und Zutaten in der Küche zugelegt. Ganz schön teuer.

Ich bin mir sicher, dass auch Leute mit kleinem Geldbeutel ihre Essgewohnheiten umstellen können. Es reicht, sich vom Junkfood freizumachen – das kostet ja irre viel Geld. Ich glaube, dass man den Bauch auch mit günstigen Lebensmitteln zufriedenstellen kann.

Und jetzt hast du für immer mit Diäten abgeschlossen?

Wenn man eine Diät macht und darauf achtet, was man isst, und dann einen Ausrutscher hat und an einem Abend mal zwei Croissants isst, denkt man: 'Jetzt ist alles vorbei.' Und sofort isst man nur noch Schrott. Wenn man in diesem Diätdenken drin ist, ist es ja sogar logisch, dass man dann meint, wieder normal zu essen. Wobei man das Normale dann als totales Versagen und als etwas ganz Schlimmes empfindet.

Was es nicht ist ...

Nein, wenn man normal – ich benutze das Wort mit Vorsicht – isst, also wenn man Hunger hat und etwas isst, auf das man Appetit hat, ist es völlig okay zu sagen: 'Ich habe jetzt mal Lust auf ein großes Eis.' Das ist in Ordnung, schlanke Menschen machen das schließlich auch. Ich kann inzwischen mein eigenes Diätdenken kaum noch nachvollziehen. Ich habe damals Tagebuch geführt. Wenn ich das heute lese, merke ich, was für eine Gehirnwäsche das ist. Klar gibt es Leute, die abnehmen. Wenn das für sie okay ist: Bitte, aber verlangt das nicht von mir. Essen nach Plan und Sport nach Plan, damit ich einen Körper nach Plan habe, ist nichts für mich.

Nicht bei allen kommt deine Botschaft richtig an ...

Ich habe leider schon viele Blogs gesehen, die meines als Diät-Blog hinstellen. Da heißt es: 'Anke Gröner nimmt dadurch ab, dass sie nur noch isst, was sie will!' Da wird überhaupt nicht wahrgenommen, dass ich das Gegenteil schreibe und Diäten bescheuert finde. Bloß weil ich einmal geschrieben habe: 'Huch, ich habe ja abgenommen.' Das letzte Kapitel heißt bei mir extra: Dies ist kein Diätbuch!

Du schreibst aber auch, dass du gerne Größe 42 hättest, wenn du es dir aussuchen könntest.

Als normalgewichtiger Mensch muss man niemanden davon überzeugen, dass man kein undisziplinierter Volltrottel ist. Es hat sich eingebürgert, Dicke als blöd und krank hinzustellen, die durch die Kosten der gesundheitlichen Folgen auch noch den Sozialstaat ruinieren. Als dicker Mensch musst du immer da­gegen ankämpfen, wie du aussiehst: Im Zug hat mich etwa mal eine Frau als 'fette Sau' beschimpft. Wenn schlanke Menschen Rückenschmerzen haben, ist es meist Überanstrengung. Wenn ich Rückenschmerzen habe, dann angeblich, weil ich dick bin. Deswegen meine ich, es wäre einfacher, schlank zu sein.

Anke Gröner, geboren 1969, ist Werbetexterin in Hamburg und bloggt seit 2002 auf ankegroener.de. In ihrem nun erscheinenden Buch Nudeldicke Deern Free your mind and your fat ass will follow (Wunderlich Verlag) beschreibt sie, wie schön das Leben sein kann, wenn die Kleidergröße nicht das Maß aller Dinge ist

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12:50 16.09.2011
Geschrieben von

Ausgabe 38/2020

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