Anleitung zum richtigen Gucken

Berlinale Besonders zwei Veranstaltungen des Filmfests zeigen: Richtig Filmeschauen bedeutet genau hinsehen und an jedem Menschen einen verborgenen Zauber entdecken
Ausgabe 07/2014

Der Mann, der sich im Kino müde mit einer Hand über die Stirn fährt, während er einen Krautsalat isst. Die verzweifelt dreinblickende Frau, die ihren Festival-Ausweis verloren hat. Der Mann hinter dem Schalter, der lächelnd „Jackpot!“ sagt, weil für alle gewünschten Filme noch Karten erhältlich sind. Die Frau, die Tränen in den Augen hat, weil sie sich über den tosenden Applaus für den gerade gesehenen Film freut. Der Mann, der hilflos den Kopf schüttelt, weil er „the famous Herbert Grönemeyer“ nicht kennt, mit dessen Bild der Fotograf neben ihm angibt. Die bekannte Schauspielerin, die nicht wie alle anderen in eine Limousine steigt, sondern festlich gekleidet zum Taxistand spaziert.

Es gibt eine Übung gegen schlechte Laune. Versuchen Sie einmal, an allen Menschen, die Ihnen begegnen, etwas Schönes, oder noch besser: einen Zauber zu entdecken. Dazu muss man genau hingucken und über die eigenen Vorurteile hinweg. Wenn das gelingt, biegen sich recht schnell die garstig gekrümmten Mundwinkel nach oben. Die Autorin dieser Zeilen hat diese Übung kürzlich erfunden, weil sie jeden Tag weite Strecken mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen muss, und wendet sie seither erfolgreich an.

Zwei Ereignisse auf der diesjährigen Berlinale ermutigen zu dieser Betrachtungsweise: Das Screening einer Dokumentation über die Fotografin Vivian Maier und die Pressekonferenz zum Spielfilm American Hustle,bei dem David O. Russell Regie führte. Christian Bale und Bradley Cooper werden darin angeblich durch äußere Attribute verunstaltet. Schon tauchen die Fragen auf, wieso Russell so etwas mache und wie sich das für die Darsteller denn wohl angefühlt habe.

Luxus der negativen Haltung

Anstatt ebensolche Plattitüden zu äußern, breiten Russel, Bale und Cooper eine kuschelige Pathos-Decke über den Anwesenden aus. Der Regisseur offenbart persönliche Dinge, spricht von den damit verbundenen Schwierigkeiten, sich dennoch dem Leben zu stellen, und kommt zu dem Schluss, dass Menschen, die einmal umgefallen und wieder aufgestanden sind, es sich gar nicht leisten können, zynisch zu sein. Eine negative Haltung einzunehmen sei ein Luxus – den er sich offenbar nicht gönnt: Russell sei nur an der menschlichen Qualität und am Herzen einer Person interessiert, sagt Bale. Und der Regisseur erklärt, dass es ihm nicht ums Bloßstellen gehe, sondern darum, die Menschen so darzustellen, wie Menschen eben sind, und zu zeigen, wofür sie leben und was sie lieben.

Der Dokumentarfilm Finding Vivian Maier versucht, jene introvertierte Frau zu begreifen, die ihr ganzes Leben lang unfassbar viele wundervolle Fotos von fremden Menschen auf der Straße gemacht hat. Sie wären niemals an die Öffentlichkeit gelangt, wenn der Student John Maloof nicht im Rahmen einer Nachlass-Versteigerung eine Kiste mit Negativen erstanden hätte.

Die Geschichte ist fast genauso außergewöhnlich wie Vivian Maiers Bilder selbst. Sie fotografierte die Menschen nicht gestellt, sondern so, wie sie wirklich sind: fröhlich, betrübt, lächelnd, verletzt, in Gedanken versunken, direkt in die Kamera blickend. Dank Maier tragen alle Fotografierten eine Schönheit in sich, die eilige Passanten niemals erkennen würden. Und genau so kann man es beim Filmeschauen handhaben: richtig hinsehen, sich in Gesichtern verlieren und in Gesten, sich in Figuren verlieben und etwas erkennen, das jenen verborgen bleibt, die ein Luxusleben führen.

Maike Hank bloggt auf freitag.de über Berlinale-Eindrücke. Sonst auf kleinerdrei.org


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Geschrieben von

Maike Hank

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