Tag 6

Berlinale-Tagebuch ..
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http://24.media.tumblr.com/tumblr_lzfo99ryTO1qc4abzo1_500.jpgEs geht ja frühmorgens nicht nur darum, rechtzeitig um neun in der Vorstellung im Berlinale Palast zu sitzen, sondern vorher am Presseschalter seine Tickets für die Vorstellungen des kommenden Tages zu holen. Für die Pressevorführungen brauchtt man ausschließlich sein Badge, aber für die Vorführungen, die auch für's Publikum zugelassen sind, benötigt man zusätzlich Karten, die natürlich nicht unerschöpflich verfügbar sind. Je früher man also da ist, desto größer ist die Chance, alle Tickets für sein persönliches Programm zu bekommen, das man sich vorher mühevoll zusammengestellt hat. Auf rosa Zetteln stehen alle Filme samt Barcodes, es ist ein wenig wie im Paradies, wenn man rechtzeitig da ist.

Mittlerweile ist im Berlinale Palast irgendein Platz in der ersten Reihe oben auf der Galerie für mich zum geliebten Standard geworden. Ich will eigentlich nur noch von dort oben alle Filme dieser Welt gucken! In Christian Schmids Was bleibt besucht der in Berlin lebende Schriftsteller Marko gemeinsam mit seinem Sohn die Eltern, welche in der Nähe von Bonn auf dem Land in einem großen, sehr modern eingerichteten Haus leben. Sein Bruder ist dort geblieben und betreibt – subventioniert von den Eltern – eine schlecht gehende Zahnarztpraxis. Was als schönes Wochenende gedacht war, wird allmählich zu einem Desaster, nachdem die Mutter verkündet hat, dass sie, die nun bereits seit 30 Jahren manisch-depressiv ist, bereits vor drei Monaten ihre Medikamente abgesetzt hat und von nun an lieber auf Akupunktur und andere Naturheilverfahren vertraut. Nach und nach kommt heraus, dass sich alle schon seit Jahren gegenseitig etwas vormachen, nur um diese Familie irgendwie aufrecht zu erhalten.

'Hurra!' Denke ich, als ich das Kino später wieder verlasse. Das war ein deutscher Problemfilm, wie ich ihn mag! Im Gegensatz zu dem artifiziellen Barbara von Petzold, bei dem ich mir ständig dachte, dass sich so doch niemand verhält und man eigentlich gar nicht so recht glauben und verstehen mag, dass sich die Figuren überhaupt aufeinander einlassen, waren die Charaktere in Was bleibt realistisch und jeder auf seine Art nachvollziehbar und -empfindbar.

Lars Eidinger, der den Max spielt, mag ich ohnehin sehr – aber ein wenig eigenartig war es schon mit ihm, denn es ist noch nicht einmal zwei Wochen her, dass ich Eidinger an der Schaubühne als Erde fressenden, blutbespritzten Hamlet erlebt habe. Mit weitaus weniger Haupthaar als im Film, der also schon vor einer Weile gedreht worden sein muss.

Das ist ja ohnehin etwas, an das man nie denkt, wenn man einfach nur so ins Kino geht: wie lange das alles dauert von der Idee bis zum Drehbuch bis zum Drehen bis zum Schnitt bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Film ins Kino kommt. Ich habe drei Jahre als Produktionsassistentin gearbeitet und weiß mittlerweile, dass sich meine Ungeduld nicht mit dem Tempo des Filmemachens verträgt. Ich bewundere die Beharrlichkeit und die Ausdauer der Filme machenden Menschen.

Nachmittags gucke ich The Iron Lady und langweile mich zu Tode. Eine demente Maggie Thatcher halluziniert Gespräche mit ihrem längst verstorbenen Mann und bleibt beim Ausmisten seiner Sachen an Gegenständen hängen, die unter anderem Auslöser für Rückblenden in die Vergangenheit sind. (Oh, die olle Thatcher guckt auf eine Soldatenstatue, dann jetzt rasch zu den Falklands!)
Es ist nicht wirklich nachvollziehbar, warum Thatcher wann wie agiert. Schnell habe ich eine Weichzeichner-Aversion, immer wenn ich mich gerade ein wenig eingefunden habe, wird in der Zeit hin und her gesprungen und bis zum Schluss finde ich keinen Zugang zu jener Figur, deren Leben da doch erzählt wird und um die sich immerhin der ganze Film dreht. Am Ende weiß ich weder Interessantes über Frau Thatcher, noch habe ich etwas über die Politik erfahren, die sie gemacht hat und ich weiß auch nicht mehr über England als zuvor.

Ich stürme sofort aus dem Kino, um immerhin drüben im Hyatt in der Pressekonferenz einen Blick auf Meryl Streep zu werfen. Ich will endlich mein Hollywooderlebnis! Vorhin habe ich mich deshalb bereits kurz in die Konferenz von Young Adult gesetzt, wo der kleine Dicke aus King Of Queens saß, der nicht Dough ist, aber das löste leider nichts in mir aus. Und es kam bereits eine Mail von der Special-Sektion, dass ich leider keine Akkreditierung für die morgige Veranstaltung mit Keanu Reeves(!!) in HAU bekommen habe. (Die Schweine!) So kehre ich nicht zurück, als ich im Treppenhaus bemerke, dass ich meinen Schal im Kino vergessen habe. 'Den werden sie schon finden und einem Kästlein mit anderen verloren gegangenen Sachen aufbewahren.' denke ich, denn schließlich werden die Kinos nach jeder Vorführung aufgeräumt.

Vor dem Konferenzsaal wird bereits ordentlich gedrängelt, denn sie lassen erst einmal niemanden mehr hinein. Journalisten fangen an, ihre Presse-Badges hochzuhalten, als seien sie etwas Besonderes und vergessen, dass wir alle hier in der Traube solch einen Ausweis um den Hals tragen, denn sonst wären wir gar nicht vor Ort. Die Stimmung ist gereizt, schon fangen die ersten Journalisten an, die Ordner zu beschimpfen. Das ist wirklich unerträglich und ich verlasse umgehend den Pressebereich. Auf dem Weg zum nächsten Film beschließe ich, einfach noch ein wenig am Nebeneingang des Hyatss, wo bereits die Limousinen bereitstehen, auf Meryl Streep zu warten. Die Pressekonferenz wird ja nicht lange dauern und auf den Leinwänden vom Berlinale Palast sehe ich, dass bereits mit dem Photo Call begonnen wurde.

http://28.media.tumblr.com/tumblr_lzeg6cGPsy1qc4abzo1_500.jpgEs ist kalt, es schneeregnet, ich habe nicht einmal einen Schal um und da ich bereits vor Tagen einen meiner Handschuhe verloren habe – als wäre der Potsdamer Platz eine große Analogie zum Socken-Waschmaschinen-Mysterium liegen hier ständig einzelne Handschuhe auf den Gehwegen herum und meiner ist gewiss auch dort irgendwo – kann ich bereits nach kurzer Zeit meine Finger nicht mehr bewegen. Ich setze mir ein Zeitlimit: 'Wenn sie bis voll nicht da ist, gehe ich.'
Als es fünf nach sechs ist, beschließe ich, zu gehen, wenn sie bis viertel nach nicht da ist. Um zwanzig nach bin ich unfassbar wütend auf Meryl Streep, aber nun kann es ja wirklich nicht mehr lange dauern, und wo ich jetzt schon so lange gewartet habe, wäre es doch völlig sinnlos, wenn ich jetzt ginge und dann käme sie genau in dem Moment, wenn ich dem Ganzen den Rücken zugedreht hätte. Die Fans sprechen sich mittlerweile lautstark ab, ob sie Mamma Mia singen sollen, wenn sie heraus kommt. Und als sich endlich die Türe öffnet, geht Meryl Streep winkend zum Auto, steigt ein und das war's. Aha.

Ich bin sehr, sehr froh, dass ich kein wirklicher Fan von irgendwem bin. Zwar kann ich nachvollziehen, dass man bereits etwas früher auf Konzerte geht, damit man dort nicht ganz hinten stehen muss, aber nur wegen eines kurzen Blicks, der wenige Sekunden dauert, womöglich stundenlang unter schrecklichsten Bedingungen auf eine verehrte Person zu warten, kommt mir nun noch sinnloser vor als je zuvor.
Wenigstens bekomme ich anschließend im Kino meinen Schal wieder.

In Rentaneko von Naoko Ogigami lernen wir Sayoko kenne, die in Tokio gemeinsam mit vielen Katzen in einer kleinen Wohnung samt angrenzendem Garten lebt. Die Katzen vermietet sie an Menschen, die einsam sind und hilft ihnen so, das Loch in ihren Seelen zu füllen. Dabei wird schnell klar, dass Sayoko selbst ein Loch zu füllen hat, vor allem seit ihre Tante gestorben ist, von der sie die Anziehungskraft auf Katzen geerbt hat. Das Ganze klingt schon ziemlich pathetisch und wäre der Film nicht aus Japan, wäre er vermutlich schwer zu ertragen.

So gucken wir jedoch auf eine recht fremde Welt, auf Menschen, die eine andere Gestik und Mimik haben als wir. Zudem ist der Film mit japanischem Humor durchzogen, der gleichzeitig reduziert und dennoch irgendwie albern ist. Mir gefällt es, dass die Geschichte in mehreren Durchgängen erzählt wird, deren Aufbau immer der gleiche ist. Ich mag es, wie die Katzen die ganze Zeit in Sayokos Wohnung herumlungern oder durchs Bild hüpfen. 'Das ist ja wie bei dir' sagt der Lieblingsfreund und tatsächlich freue mich heute besonders auf zuhause. Zum Glück gibt es dort aber nur zwei Katzen und die eine hat mit Miu (美羽 – schöne Feder) sogar einen japanischen Namen.

Erst als ich im Bus sitze, merke ich, wie gut mir der Film doch gefallen hat – im Kino war ich mir dessen überhaupt nicht sicher. Eine Stimme in meinem Kopf sagt ununterbrochen ありがとうございまし. Das Einzige, was ich auf Japanisch sagen kann, ohne darüber nachzudenken.

Filmplaner für morgen (das schon heute ist):
Haywire von Steven Soderbergh
Ein Tag mit dem Wind von Haro Senft

13:35 15.02.2012
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