Es wird einmal ...

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Ende August hatte ich auf Twitter einen kurzen Dialog mit mspro:

mspro:
irgendwie tut es mir mittlerweile fast weh, ein richtiges printbuch aus papier zu kaufen. etwa so, wie in lehmann-aktien zu investieren.

ruhepuls:
@mspro das ist doch nicht dein ernst? bücher aus papier sind so toll : (

mspro:
@ruhepuls joah, geht so, ne. glaube nicht so richtig an eine zukunft. spätestens beim nächsten umzug werd ich wieder kotzen.

ruhepuls:
@mspro ich lese gerade ein buch am monitor, weil es dieses noch gar nicht in buchform gibt. total anstrengend und ungemütlich.

mspro:
@ruhepuls am rechner find ich auch doof. aber auf dem iphone schon viel besser. noch besser ipad. am besten kindle.

ruhepuls
@mspro iphone ist mir zu mini. rest besitze ich nicht. bin wohl late adopter und altmodisch. aber ich arbeite ja auch bei einer zeitung : )

Ich liebe gedruckte Bücher. Aber ich habe Angst, dass ich dennoch abtrünnig werden könnte, selbst wenn mir das zurzeit noch unrealistisch erscheint. Denn vor ein paar Jahren unterhielt ich mich ebenfalls mit mspro über das Internetleseverhalten und rümpfte insgeheim in wenig die Nase darüber, dass er morgens nach dem Wachwerden mit seinem Mobiltelefon ins Netz ging. Dies schien mir damals völlig unbequem zu sein, ja geradezu unmöglich. Nicht aus technischen, sondern aus Benutzbarkeits- und Ästhetikgründen. Heute hingegen verwende ich völlig selbstverständlich in allen möglichen Lebenssituationen mein Telefon, um mich im Internet aufzuhalten! So weigerte ich mich bisher also aus reinem Selbstschutz, mich wirklich mit einem Kindle zu beschäftigen.

Dass ich dem papiernen Buch treu geblieben bin und eine offensichtlich altmodische Liebe zu ihm hege, bedeutet allerdings nicht, dass ich nicht dennoch aufgeschlossen bin für neue Erzählmöglichkeiten von Geschichten und den gleichzeitigen Einsatz mehrerer Medien. Schließlich gucke ich Filme, bewege mich im Internet, mache dort interaktive Sachen, bin neugierig und lasse mich gerne von unerwarteten Dingen begeistern. Das ist für mich Unterhaltung und funktioniert deshalb ganz losgelöst vom Lesen eines normalen Buches, bedient es doch ganz andere Bedürfnisse und nicht Ruhe und Zurückgezogenheit, die für mich mit einem Papierbuch einhergehen.








Als vor kurzem die Anfrage kam, ihm Rahmen der Frankfurt-StoryDrive-Konferenz, die wiederum unter dem Dach der Frankfurter Buchmesse stattfindet, Teil eines kreativen Teams zu werden, das in den kommenden Wochen eine transmediale Geschichte entwickelt und diese dort vorstellt und zudem darüber zu berichten, erschien mir das Ganze ein wenig wie ein großes Kinderüberraschungsei und ich habe sofort zugesagt. Ich erhoffte mir davon kreative Arbeit, Inspiration, das Lernen neuer Dinge und ein bisschen Abenteuer.

Das erste Treffen fand vor kurzem in einem Coworking-Space in Kreuzberg statt und bis zu diesem Termin hatte ich keine Ahnung, welchen Menschen ich dort begegnen würde. Umso mehr freut es mich, welch wunderbare Dinge die restlichen Team-Mitglieder beruflich und in ihrer Freizeit machen und vor allem wie ansteckend ihre Begeisterung ist. Gerne möchte ich sie hier ganz kurz vorstellen:

Dorothea Martin, Transmedia Storytelling und Konzeption
Gregor Sedlag, Designer, Illustrator und Comicautor
Holger Schmidt, Theaterwissenschaftler & Publizist
Kristian Costa-Zahn, Head of Creation UFA Lab / UFA Interactive
Maike Coelle, Autorin und Dramaturgin für audiovisuelle Medien
Philipp Zimmermann, Freier Autor, UFA Lab
Katharina Kokoska, Web Consultant & Blogger
Patrick Möller, Transmedia Storyteller und Community Manager

Anhand der einzelnen Ausrichtungen wird schnell klar, wie unterschiedlich unsere Ideen sein werden und wie gerade dies das Projekt vorantreiben kann. Ich wusste bis zu dem Treffen beispielsweise so gut wie gar nichts über Alternate Reality Games (ARG) und war mir vor allem nicht bewusst, welch große Faszination die Vermischung mehrerer Medien, Erzählebenen und Realitäten auf mich tatsächlich ausübt: Obwohl das Treffen an einem wirklich heißen Sommertag stattfand, hatte ich ziemlich häufig Gänsehaut, wenn eine Idee vorgetragen wurde.

Uns war schnell klar, dass wir nicht nur den Kongress, sondern die ganze Buchmesse zu unserem Spielplatz machen wollten. Wir werden dort also unter anderem mit einer Guerilla-Aktion unterwegs sein, was mir besonders gut gefällt, denn eigentlich ist die Buchmesse eine ernsthafte Angelegenheit und auch bei StoryDrive geht es ja letztendlich um eine für die sogenannte Contentindustrie überlebenswichtige Sache, befinden wir uns doch gerade mittendrin in einem Paradigmenwechsel. Da ist die Angst der Firmen groß, den falschen Weg einzuschlagen oder gar überflüssig zu werden, weil Autoren ihre Projekte einfach selbst veröffentlichen, und das auch noch mittels unterschiedlicher Medien. So soll also dort herausgefunden werden, wie die Zukunft des Geschichtenerzählens aussieht und wie man unterschiedliche Unterhaltungsbereiche und Welten miteinander verknüpfen kann. Wir haben in unserem Team bereits im Kleinen damit angefangen und soweit es mir möglich ist, ohne etwas über die konkreten Inhalte unseres Projekts zu verraten, werde ich hier in den nächsten Wochen darüber berichten. Zudem wird es in Kürze eine Zusammenstellung mehrer Beiträge zum Thema Storytelling & Storyselling geben. Und wenn ich im Oktober dann in Frankfurt bin, werde ich mich trauen und einmal ganz kurz einen Kindle berühren. (Vielleicht.)

http://img97.imageshack.us/img97/9099/flyingsparks.jpg

Zum Schluss interessiert mich noch, wie Euer Umgang mit Geschichten ist, die nicht in gedruckter Buchform oder im Film erzählt werden? Seid ihr dafür bereit, spielt jemand ein ARG und kann davon berichten? Hat schon mal jemand an Krimischnitzeljagden im Netz und in der echten Welt teilgenommen? Schreibt jemand vielleicht gerade selbst an einer transmedialen Geschichte? Oder liegt ihr am liebsten mit dem Papierbuch auf dem Sofa und lasst andere Menschen die neuen Dinge ausprobieren?

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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