Maike Hank
16.08.2010 | 11:39 96

Fleischlos mit Hintertüre

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Maike Hank

http://img685.imageshack.us/img685/2030/tiereessen.jpgAls im vergangen Winter Jonathan Safran Foers Buch „Eating Animals“ in Amerika erschien, las ich bereits viele Artikel über ihn und seine Beweggründe, als Romanautor („Alles ist erleuchtet“, „Extrem laut und unglaublich nah“) nun ein Sachbuch über Ernährung zu schreiben.

Foer war, so schien es mir, der erste öffentlich argumentierende Vegetarier, der nicht radikal und dogmatisch für den Fleischverzicht warb, sondern eigene Schwächen im Umgang damit zugab und eingestand, dass er eigentlich sehr gerne Fleisch aß.

Die Berichte nahmen mir die Angst, irgendwann tatsächlich Vegetarierin zu sein. Weil ich nicht würde sagen müssen, dass ich ab sofort für immer kein Fleisch mehr zu mir nehmen würde, sondern immer wieder eine neue, ganz bewusste Entscheidung gegen das Fleischessen würde treffen können. Vegetariersein mit Hintertüre, die man im besten Fall gar nicht benutzt.

„Ob und wie wir Tiere essen berührt etwas Tiefsitzendes.“


Ich habe damals nicht aufgehört, Fleisch zu essen, aber ich habe immer mal wieder an Foers Buch gedacht und guckte einer der Übersetzerinnen bei der Arbeit zu:
1
2 3 4 5 6 7 8

Vor geraumer Zeit sah ich dann von World Press Photo prämierte Schlachthof-Bilder und als mich dieses Schwein anblickte, war ich zutiefst betroffen und schloss schnell das Browserfenster. Das geht nämlich meist ganz gut, das Weggucken - und auch das Wegdenken.

Das Schwein, Jonathan Foer und mein Verhalten ließen mir jedoch keine Ruhe. Um herauszufinden, wie viel Fleisch ich eigentlich zu mir nahm, habe ich Anfang Juli mit dem Nichtessen von Fleisch begonnen. Ich dachte nämlich, ich äße ganz wenig davon. So wie jeder, mit dem ich bisher darüber gesprochen hatte.

Tatsächlich jedoch war Fleisch sehr häufig Bestandteil meiner Nahrung: Auf dem Bagel, in der Sauce, im Salat, auf dem Flammkuchen, mit den Pommes, zum Gemüse, überm Reis, in der Suppe, auf der Pizza. Ich war überrascht und dann begann ich endlich mit der Lektüre von „Tiere Essen“

„Wir brauchen eine bessere Gesprächskultur, wenn wir über das Essen von Tieren reden.“

Foer, bisher wankelmütiger Vegetarier, fing an für sein Buch zu recherchieren, als sein erster Sohn geboren wurde, weil dieser irgendwann Fragen zum Essen stellen würde. Viele Warums, auf die Foer nur voller Scham würde antworten können. So machte er sich auf, herauszufinden, was Fleisch ist, wo es herkommt, wie es produziert wird, wie die Tiere behandelt werden und welche ökonomischen, gesellschaftlichen und umweltrelevanten Auswirkungen das Essen von Tieren hat und suchte auch Antworten auf philosophische Fragen, die verdeutlichen, dass es beim Essen nicht bloß um Nahrungsaufnahme geht, sondern darum, wer wir sind und wer wir sein möchten, ob und wie wir Verantwortung übernehmen, ob wir unsere Werte verraten oder nicht.

„Wir sehen heute so selten Nutztiere, dass es sehr einfach ist, das alles zu vergessen. (…) Weniger Kontakt zu Tieren zu haben macht es einfacher, die Frage beiseite zu schieben, inwiefern wir Einfluss auf ihre Behandlung haben“

In Amerika kommen 99 Prozent des Fleischs aus der Massentierhaltung und gleich im Vorwort von „Tiere Essen“ erfahren wir, dass es in Deutschland nicht viel besser aussieht und unsere landwirtschaftlichen Methoden den amerikanischen am meisten ähneln. Dass sie so erfolgreich sind, beruht letztendlich auf den nostalgischen Bildern, die wir von der Nahrungsmittelproduktion haben und Foer ist nicht der Erste, der auf diese Diskrepanz aufmerksam macht, aber es scheint, als hörten mittlerweile immer mehr Menschen zu.

Essen ist wenig rational, sondern stattdessen Teil unserer Kultur, unserer Gewohnheiten und auch unserer Identität. So erzählt uns Foer seine eigene, sehr persönliche Geschichte und lässt außerdem die Menschen ausführlich zu Wort kommen, die ihm bei seiner Recherche begegnet sind.

Er berichtet von den Ursprüngen der Massentierhaltung, erklärt uns die Veränderungen und Abläufe in der Hühner-, Schweine und Rindermast, bei der die Tiere nur noch als abstrakte Teile einer großen Maschinerie wahrgenommen werden. Er erzählt von den Vorgehensweisen in Schlachthöfen und auch, wie diese die Menschen verändern, die dort arbeiten. Foer macht deutlich, dass auch durch die Fischerei große Schäden entstehen und dass es Fischen in Zuchtbecken nicht besser ergeht als anderen Masttieren in ihren Käfigen. Wir lernen, dass Massentierbetriebe genau berechnen, wie dicht am Tod sie die Tiere halten können, ohne sie tatsächlich umzubringen, dass letztendlich alle Tiere, die wir später essen, krank sind und wie sich dies und der Umgang mit Antibiotika auf unsere Gesundheit auswirkt und in welchem Zusammenhang die Massentierhaltung mit Seuchen wie die Vogel- oder Schweinegrippe steht und wie stark sie die Umwelt belastet.

Auf die Massentierhaltung zu reagieren erfordert über reines Informiertsein hinaus die Fähigkeit zu sagen: 'Das geht mich etwas an', und dabei geht es auch um Gegensätze wie Wunsch und Verstand, Fakt und Mythos und sogar Mensch und Tier.“

Foer zitiert Walter Benjamin und Jacques Derrida, Kafka und seine Großmutter und schreibt, dass es auch einen kulturellen Verlust bedeutet, wenn wir unseren Nahrungskatalog ändern und bestimmte Aromen aus unseren Erinnerungen tilgen, ermutigt uns aber, diese mit neuen, anderen Ritualen zu ersetzen. Er gibt zu, dass vegetarische Ernährung für ihn nicht so befriedigend ist, wie eine Ernährung mit Fleisch, erklärt wieso er mittlerweile dennoch gar keines mehr essen möchte und dass er sich darüber erst gegen Ende der Recherchen wirklich klar geworden ist.
So ist Foer also tatsächlich einer von „uns“. Er ist keiner der radikalen Vegetarier oder Veganer, die mit völligem Unverständnis auf Fleischesser reagieren und deren Schwäche verurteilen. Ihm genügt es für den Anfang gar, wenn die Menschen weniger Fleisch essen oder Biofleisch kaufen, ja wenn sie überhaupt ein Bewusstsein dafür entwickeln, was sie zu sich nehmen. Auch wenn er weiß, dass so noch keine – längst überfällige – Revolution in Gang gesetzt werden kann.

Es ist anzunehmen, dass dies den Aktivisten nicht genügt, aber ist es nicht wenigstens ein Anfang? Eine Möglichkeit, mehr Menschen zu interessieren und zu überzeugen und ihnen Raum zu geben, um ihre eigene Geschichte vom Tiere Essen zu gestalten? Foer bietet in seinem Buch unterschiedliche Möglichkeiten der Veränderungen an. Er bricht mit unserer Gewohnheit, dass es nur zwei Seiten gibt. Dennoch ist auch ihm klar, dass unser Verhalten letztendlich irgendwann darauf hinauslaufen muss, kein Fleisch mehr zu essen und zudem andere Menschen davon zu überzeugen. Aber es ist schön zu sehen, dass diese Überzeugungsarbeit auch ohne Polemik und Radikalität funktioniert.

„Unsere Essensentscheidungen werden dadurch verkompliziert, dass wir nicht allein essen.“

Ich habe nach wie vor kein Fleisch gegessen. Es geht nicht mehr, obwohl ich ein hedonistischer Genussmensch bin, der oftmals „gute Vorsätze“ ignoriert. Meine Hintertüre ist das Bio-Fleisch, dem keine Massentierhaltung vorausgeht. Es tut gut zu wissen, dass es da ist, weil es mir die Unsicherheit bezüglich der Endgültigkeit meiner Entscheidung nimmt und sie mir so absurderweise möglicher macht.

Aber ich weiß nicht, ob ich auch jemand sein möchte, der so viel Verantwortung übernimmt, dass er sich aktiv dafür einsetzt, Menschen davon zu überzeugen, ihr Essverhalten zu überdenken. Kürzlich war ich eingeladen und fand mich schon deshalb schrecklich anstrengend, weil mir der Gastgeber ein separates, fleischloses Curry kochte. Und noch vor ein paar Monaten wurde ich selbst als Gastgeberin gefragt: „Du kochst doch vegan, oder?“ Ich erinnere mich, dass ich am liebsten mit „Natürlich nicht!“ geantwortet hätte, da ich mich an der Selbstverständlichkeit störte, die dieser Frage innewohnte.

Ähnlich wie Foer weiß auch ich nicht, wie tolerant wir letztendlich sein sollten und wie wenig nachsichtig. Wie viel Verantwortung tragen wir eigentlich für die Menschen, die uns wichtig sind im Hinblick auf die Ernährung? Und wie sehr darf ich ihnen mit meiner kleinen, persönlichen Erleuchtung auf die Nerven fallen?
Vielleicht genügt es ja schon, wenn ich einigen von „Tiere Essen“ erzähle.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------

Jonathan Foer
„Tiere Essen“
352 Seiten | 19,95 €

erscheint am 18. August 2010
bei Kiepenheuer & Witsch



Weitere Informationen


Ich liebe Würste auch. Aber ich esse sie nicht
FAZ-Interview vom Januar mit Jonathan Foer

Where's the beef?
Radio-Interview mit Jonathan Foer

Dürfen wir Tiere töten?
Kathrin Zinkant stellt fest: Wer auf das Töten von Tieren verzichten will, begibt sich in ein grausames Dilemma


Jamie Oliver demonstriert bei einem Essen, was in Legehennenbetrieben mit den überflüssigen männlichen Küken geschieht:


Wände aus Glas
Paul McCartney spricht für die Organisation PETA

Das Geschäft mit dem Tod 1 | Das Geschäft mit dem Tod 2
Thomas D. spricht für die Organisation PETA

Unser täglich Brot
Ein Blick in die Welt der industriellen Nahrungsmittelproduktion und der High-Tech-Landwirtschaft: Zum Rhythmus von Fließbändern und riesigen Maschinen gibt der Film kommentarlos Einsicht in die Orte, an denen Nahrungsmittel in Europa produziert werden

Food Inc.
The film examines corporate farming in the United States, concluding that agribusiness produces food that is unhealthy in a way that is abusive of animals and environmentally-harmful. The documentary generated extensive controversy in that it was heavily criticized by large American corporations engaged in industrial food production.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (96)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 16.08.2010 | 16:23

Danke für die großartige Besprechung. Der Weg weg vom Dogma scheint mir vielversprechend, nicht nur in der Frage des fleischlosen Lebens. Ich bin gespannt und werde das Buch ganz bestimmt nach dem Pynchom lesen.

Super auch die umfangreiche Linksammlung. Die Schlachthofbilder konnte ich aber nicht ertragen und habe sie sofort weggeklickt.

Ohne Fleisch zu leben geht. Es ist ein bisschen wie mit dem Rauchen aufhören, wenn man es gerne gemacht hat. Nur, dass man es ab und noch tun kann ohne gleich komplett rückfällig zu werden. Ich selbst esse noch ab und an Fleisch. Aber dann konsequent Bio. Wobei man dabei nicht in die Falle tappen darf, dass das Biofleisch im Supermarkt auf jeden Fall aus artgerechter Haltung ist. Kann aber muss nicht, und das ist mir zu unsicher. Am meisten merkt man den Unterschied zwischen Biofleisch und Industriefleisch bei Geflügel. Alleine der Preisunterschied ist hier viel größer als bei Schwein und Rind. Und der Geschmacksunterschied ist nicht zu beschreiben. Interessanterweise ist dei Lust auf Fleisch bei Biofleisch auch viel schneller gestillt. Und wen der Geldbeutel drückt, der ist mit vegetarischem Essen gut bedient. Und wenn Fleisch die Ausnahme ist, dann ist auch Biofleisch nicht zu teuer.

Einen besonderen Einblick in den Kosmos unserer globalen Ernährungsindustrie, ihrer Grausamkeiten und ihres Irrsinns, in diesem Film. Den Film gibt es komplett auf Youtube:



PS: Ganz besonders mochte ich die persönliche Note (Einbringung eigener Erfahrung) der Besprechung.
Gustlik 16.08.2010 | 16:44

Alles Schreiben und Reden hat keinen Zweck, wenn wir es zulassen, dass u.a. weitere Schweinemastanlagen (besonders im Osten) gebaut werden.
www.diamantene-aue.de

Unsere ganze Gesellschaft leidet unter einem Mast-Syndrom. Wir sollen die Stullen oder Bemmen immer dicker belegen, obwohl es schon genug gibt.
Diese Problematik muss besonders bei nachwachsenen Verzehrern in den Kopf kommen. Fleisch kommt nicht aus der Kühltruhe.

Cassandra 16.08.2010 | 18:53

Ich stimme KalleWirsch allumfassend zu. Außerdem finde es sehr schön, dass diese Art zu essen endlich anerkannt wird, solche Leute wie Foer (Extremely Loud and Incredibly Close ist auch sehr zu empfehlen) sich öffentlich damit beschäftigen. Ansonsten wurde man entweder von der Pro-Fleisch-Fraktion als 'verrückte Vegetarierin' oder von den Hardcore-Veggies als 'Hochstapler' betitelt.

Vor anderthalb Jahren ging ich mehr aus Pragmatismus als freiwillig mit einer Gruppe 'Ich-bin-super-angesagt'-Mädels essen.
Aus der lautstarken Diskussion (20 Minuten) was man nun essen könne/dürfe, mit welchen Ersatzprodukten man so mühsam sein Verlangen nach Fleisch zügeln könne und wie sehr sie doch alle dizipliniert leiden bekam auch der letzte mit, dass hier gesundheitsbewusste, tierliebe, aber vor allem: hippe junge Damen saßen. Ich hielt ich mich halbwegs aus der Diskussion heraus, um so stiller wurde es, als ich dann bestellte - vegetarische Pizza.
Sie: Damit hatten sie ja nun nicht gerechnet!
Ich, interessiert: Warum denn das nicht?
Sie: Nun ja...
Ich, amüsiert: Ich dachte, ich sei als grüne Biotante verschrien?
Sie: Das habe ja nichts damit zu tun...! Wie lange ich schon Vegetarierin sei? Ob ich es denn tatsächlich ausgehalten habe, kein Fleisch mehr zu essen? Welche Sojaprodukte ich vorzöge?
Ich: Ich bezeichne mich selbst als Teilzeit-Vegetarierin. Von Selbstquälerei und Soja halte ich nichts.

Stille. Dann:
Sie, entrüstet: Dann bist du ja gar keine Vegetarierin.

Jedweder Widerspruch bzw. Erklärung meiner Position: zwecklos.
---

Eine Woche später traf ich eines dieser Mädels, die sich sogar als Veganerin beschrieben hatte, mit einer Packung (Nestlé!!) Smarties in der Hand und ich fragte sie freundlich, ob sie ihr (striktes) Veganerinnendasein aufgegeben habe? - Sie schaute mich nur erstaunt an. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass in Smarties nun einmal Milch ist. Autsch.

Es ist doch viel zielführender, bewusst zu essen, statt sich selbst irgendwelche Restriktionen aufzuerlegen, mit denen man nicht glücklich ist. Ich esse so gut wie gar kein Fleisch mehr, interessanterweise schmeckt es mir auch immer weniger gut, je länger ich darauf verzichte. Aber wenn ich irgendwo zu Besuch bin und es ist Fleisch in der Soße o.ä. mache ich auch kein Theater. Mittlerweile passiert das sowieso sehr viel seltener; Leute, die mich kennen, achten darauf, vegetarische Alternativen zu haben, wenn ich da bin – ich habe sie nie darum gebeten.

Irgendwann habe ich ein Wochenendseminar zusammen mit einer Bekannten organisiert, die Veganerin war. Wir starteten ein Experiment: Ausschließlich vegane Verpflegung, drei Tage lang. Niemand hat es gemerkt, geschweige denn sich beschwert. Als wir am Ende nachfragten, waren alle sehr erstaunt.
Zu einer anderen Gelegenheit jedoch war es oberste Regel, dass kein Fleisch gegessen werden sollte. Es ging nur ein paar Stunden gut, dann hatten sich einige schon mehr oder weniger heimlich weg geschlichen, um sich Steaks zu besorgen – mit der trotzigen Begründung, ohne Fleisch könnten sie nicht leben...

Avatar
Ehemaliger Nutzer 16.08.2010 | 19:21

Ich musste bei deiner Geschichte sehr grinsen. So typisch. Auch toll finde ich die ökologischen Muttis und Vatis im Bio Discounter (den Laden empfehle ich jedem, der glaubt, dass er zu Mord nicht fähig ist), die Bio Kartoffeln aus Ägypten kaufen und sich politisch korrekt fühlen dabei.

Ohne Druck geht es einfach leichter. Das Nicht-Rauchen habe ich mir zum Beispiel zum Geburtstag geschenkt. Es war trotzdem die Hölle, aber es hat zum ersten Mal geklappt.

nachgetragen 16.08.2010 | 20:46

Ich denke, die einzige Möglichkeit, an den Bildern von Massentierhaltung und -schlachtung etwas zu ändern, sind Gesetze "von oben". Aller Aufklärung und quasi wöchentlichen Reißer-Sendungen über Tiertransporte und Co. hat sich doch bisher kaum etwas geändert. Verdrängung rules, wegklicken ist einfach.

Steigt der Preis für Fleisch durch artgerechte Tierhaltung in reelle Bereiche, regelt sich die Sache mit der Menge auch ganz schnell.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 16.08.2010 | 23:14

@kleiner König: erstmal herzlichen Glückwunsch nachträglich...

vor allem zu deinem Geschenk, dass musst du aber richtig lange durchhalten. Hoffentlich ist deine nähere Umgebung möglichst rauchfrei. Ein Freund von mir hat es sechs Monate geschafft, aber weil seine Freundin fleißig weiter geraucht hat...

Bis zu zwei Jahre kann die Sucht nachwirken (vermutlich kennst du das alles, deswegen ist hier auch schon Schluss)

@cassandra: die "ich-bin-super-angesagt-Mädels" Wortkombination hat mir besonders gefallen.

Kann es sein das der Freitag gerade eine regelrechte Fleischdiskussionslawine lostritt?

es grüßt der Technixer

goedzak 16.08.2010 | 23:31

Was viele hier von Euch beschreiben (Cassandra z.B., das Essen mit den hippen Girlies) nenne ich 'symbolisch essen'. Das hat in der Geschichte der Esskultur schon immer eine Rolle gespielt, was, wieviel und wie ich esse, war immer schon ein Medium der Distinktion (die distinktive Wirkung wurde zu Zeiten ja auch gern mittels Nahrungsge- und -verboten und -tabus durchgesetzt). Seit dem 19. Jh. regelt sich das nur noch über'n Geldbeutel und/oder die Androhung/Verheißung von sozialer Verachtung/Anerkennung.

Was dabei kaum eine Rolle spielt, ist der GENUSS!!! Das (kultivierte) sinnlich-körperliche Erleben des Essens und vielerlei Tätigkeiten, die der Herstellung desselben dienen (Gärtnern, Ernten, Tiere aufziehen und auch schlachten, zubereiten, kochen, Handhaben von gutem Werkzeug - bis hin zum Genuss an der Kooperativität und Kommunikativität dieses Tuns) wäre ein Rahmen, der sichern könnte, dass ein jeder Ressourcen nicht verschwendet, u.a. weil dies den Genuss nicht steigern würde.

Wer also Fleisch essen möchte, sollte es sich nicht völlig versagen. Mit einem solchen genussorientierten und deshalb maßvollen Fleischverzehr wird nicht mehr Schaden angerichtet, als der überzeugte oder von Bildern verschreckte Vegetarier mit dem Verzehr von spanischem Gemüse den schwerst ausgebeuteten afrikanischen Arbeitern dort antut. (Man kann mit diesen Sklaven von heute durchaus auch Biogemüse produzieren...)

Damit wäre auch das eigentliche Problem angesprochen: Die Art des Produzierens nicht nur von Fleisch, sondern von Nahrungsmitteln überhaupt (Ausbeutung, Bodenerschöpfung, Gift, Gentechnik, Saatgutmonopole usw.) Jeder für sich hat theoretisch nur zwei Möglichkeiten: Nichts mehr essen oder alles selbst produzieren, was natürlich Un-Möglichkeiten sind.

Cassandra 16.08.2010 | 23:49

Oh ja:

Was dabei kaum eine Rolle spielt, ist der GENUSS!!! Das (kultivierte) sinnlich-körperliche Erleben des Essens und vielerlei Tätigkeiten, die der Herstellung desselben dienen (Gärtnern, Ernten, Tiere aufziehen und auch schlachten, zubereiten, kochen, Handhaben von gutem Werkzeug - bis hin zum Genuss an der Kooperativität und Kommunikativität dieses Tuns) wäre ein Rahmen, der sichern könnte, dass ein jeder Ressourcen nicht verschwendet, u.a. weil dies den Genuss nicht steigern würde.



Meine Großeltern hatten immer ein Schwein und ein paar Hühner, eigentlich waren sie Gärtner, mit dementsprechend großem (4/5 Nutz-, 1/5 Blumen-) Garten. Als mein Vater klein war, wurde einmal im Jahr ein Schwein und drei, vier Hühner geschlachtet. Das war dann fast das gesamte Fleischauskommen eines fünfköpfigen Haushalts für ein Jahr. Es wurde selbst geschlachtet und alles verwertet.
Auch, als meine Großeltern langsam älter wurden und kein Schwein mehr schlachteten, die Hühner auch nur noch der Eier wegen hielten, gab es trotzdem noch bestimmte Traditionen. Die Enkelkinder wurden mit auf die umliegenden Bauernhöfe genommen, damit sie verstanden, wo was herkommt; Leber- und Blutwurst wurde auch noch selbst hergestellt. Man war eben am Prozess irgendwie beteiligt, wie du sagst, goedzak. Ich denke, dass allein dieses Einkaufen direkt beim Bauern bei Kindern recht viel ausmachen kann. Damit wäre dann die Unmöglichkeit der Selbstproduktion mE nicht mehr ganz so wichtig.
Magda 17.08.2010 | 00:34

"Ohne Druck geht es einfach leichter. Das Nicht-Rauchen habe ich mir zum Beispiel zum Geburtstag geschenkt. Es war trotzdem die Hölle, aber es hat zum ersten Mal geklappt."

Was ist denn nun aber eigentlich mit dem Fisch? Ohne Fleisch kann ich mir gut vorstellen, aber ohne Fisch? Das Rauchen habe ich mir auch ohne Druck abgewöhnt, aber es war - mindestens sechs Wochen lang - nicht einfach. Und heute: Wurscht ist mir sogar, wenn andere rauchen. Ich rieche sogar Rauch ganz gern.

j-ap 17.08.2010 | 01:57

(...) was, wieviel und wie ich esse, war immer schon ein Medium der Distinktion (...)

Stimmt, goedzak.

Bekanntlich wurden während des II. Weltkriegs die Lebensmittel rationiert, und wer nicht auf 'einschlägige' Kanäle zurückgreifen zu können, der mußte sich auch tatsächlich daran halten. So auch meine Ur- und Ururgroßeltern.

Meine Ahnen waren allerdings nicht irgendwer. In deren Kreisen war es Tradition, der kategorischen kleinbürgerlichen Aufforderung »Iß gefälligst auf!« das überaus vornehme »Man lasse etwas über!« entgegenzusetzen. Wer nämlich das ganze Teller leert, bei dem könnte ja der Eindruck entstehen, so arm zu sein, daß er sich den Überfluß an Nahrung schlicht nicht leisten kann. Noblesse oblige, in dem Fall: zu Hülle und Fülle.

Das bedeutete, daß etwa meine Großmutter der Sitte gemäß von ihrer Ration, die ohnehin nicht zu üppig bemessen war, stets einen Teil am Teller zurücklassen mußte. Noblesse oblige, nun aber: zu Entsagung und Verzicht.

Ihrem Hinweis auf den Genuß kann ich übrigens sehr viel abgewinnen. Es ist bei Licht besehen eine banale Erkenntnis, daß einseitige Ernährung auf Dauer schon deshalb unsinnig ist, weil's einem früher oder später schlicht nicht mehr schmeckt. Das gilt aus meiner Sicht für einseitigen Fleischverzehr in Übermaßen ebenso wie für absoluten Verzicht darauf, weshalb ich selbst nicht zu viel, dafür aber stets mit Genuß Fleisch esse und mir das auch weder verbieten noch auch nur ausreden ließe.

Das ist wohlgemerkt kein allgemeingültiges Rezept, schon deshalb, weil die Mengen des Zuviel und Zuwenig bei jedem anders liegen. Der beste Hinweis darauf, wo diese Grenze liegt, liefern immer noch der eigene Magen und der Geschmack, ich bin nämlich durchaus der Ansicht, daß der Körper über ein in dieser Hinsicht sehr fein geeichtes Sensorium verfügt, auf das es nur zu hören gelte.

Man könnte Ähnliches nicht nur über die Kulinarie, sondern auch über den Koitus referieren (Stichwort: Genuß sowie Beschränkung als seine Voraussetzung), vermutlich führt das aber weit über das hiesige Thema hinaus.

Grüße,
J. A.-P.
Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.08.2010 | 03:11

Au fein, Aquakultur. Habt ihr auch die Dokumentation "Lachsfieber" gesehen? Da bekommt man richtig Hunger auf so einen "leckeren" Lachs vollgepumpt mit Antibiotika und Wachstumshormonen. Ach ich vergaß, diese Tiere landen ja nicht auf dem europäischen Teller, hier kommen nur John Fredriksens gute Lachse aus Norwegen mit wenigen Tieren pro Trog und gutem Futter, subventioniert mit den Gewinnen aus der chilenischen Produktion. Der Typ hat in Norwegen sogar einen Umweltpreis erhalten. Ist die Welt für Vermögende nicht schön?

luggi 17.08.2010 | 09:38

Tja, wenn das mal keine ausgezeichnete Begründung zum Fleischverzicht und ein guter Link ist.
meat causes weight gain

Und dann grübel' ich seit Jahren über die philosophisch-opportunistische Begründung eines maßvollen Fleischgenusses. Was ist das, dieses ominöse "maßvoll"? Kardiologen empfehlen eine drastische Reduzierung; also kann man der Tendenz folgen und sich von der "Fleischabhängigkeit" befreien.

Und, dann möchte ich die Gesichter der Fleischgenießer sehen, wenn sie vor Tellern mit Gerichten vom Fleisch von Schlangen, Echsen, Affen, Kleinvögel, Schnecken, Hunden, Katzen ... na, hör ich lieber auf. Viele mitteleuropäische "Gemischtköstler" lehnen äußerst konsequent selbst Fleisch von Schaf und Ziege ab. Andere essen kein Schweinefleisch oder Rinder. Schon komisch diese Fleischesser.

Und, bei einigen Tierarten werden die männlichen Tiere vor der Geschlechtsreife geschlachtet oder kastriert. Warum wohl? Echte Fleischesser machen so etwas nicht. Wo käme denn das Waldleben hin, wenn z.B. Wölfe bei Wildschweinen nur Frischlinge, Bachen und Borgs schlagen und fressen würden.

Und, wir sollten ständig unser Ernährungsverhalten hinterfragen.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.08.2010 | 10:34

@Magda

Ich esse Fisch so einmal die Woche. Ich achte dabei auf nachhaltige Fischerei. Dabei hilft das MSC Siegel. Der Preis für diesen Fisch ist zwar höher, aber moderat. Ich versuche möglichst Fisch aus unseren Nordmeeren zu kaufen, aber das geht nicht immer und manchmal hab ich so Lust auf Hoki, dass ich ihn trotzdem kaufe.

Ich hab 25 Jahre mindestens eine Schachtel geraucht. Das erste halbe Jahr ohne, war ein Alptraum und ich bin froh, dass mein Freund mich ertragen hat. Ich erinnere mich noch, dass ich mich ab und zu betrunken habe, weil ich es nicht ausgehalten habe. Danach wurde es besser und mein Freund raucht immer noch, ohne dass ich darunter leide. Aber ich habe bis heute noch in manchen Situationen große Lust zu rauchen. Ich weiß nur, dass ich es trotzdem nicht tun will. Das schönste Gefühl dabei ist, dass ich nicht abhängig bin.

zageism 17.08.2010 | 12:21

"Meine Hintertüre ist das Bio-Fleisch, dem keine Massentierhaltung vorausgeht."

Auch Bio-Fleisch ist oftmals Massentierhaltung. Sie ist - wenn überhaupt - höchstens weniger schlimm, aber trotzdem nicht schön für das Tier. Nach der Bioverordnung könneb bspw. 6 Legehennen pro 1m² gehalten werden 10 Masthennen bis 21 Kg pro Henne auf 1m². Bio-Tiere werden nicht zwingend besser gehalten, sie bekommen vor allem weniger Dreck zum Fressen.

Und schlussendlich werden auch diese Tiere in den selben Schlachthäusern umkommen, wie die anderen Tiere.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.08.2010 | 13:09

DAS ENDE DES FLEISCHES IST DAS ENDE UNSERER EVOLUTION:-((
Nahrung suche war Aufwendig es zu erlegen Gefährlich es zu zerlegen nicht schön anzusehen.
All dies haben wir Verbannt aus unserem Blickfeld wir wollen es nicht sehen.
Essen ja es ansehen nein.
Die 3te Generation Vegetarier ist eine Kranke Generation denen die nötigen Proteine fehlen sie Sterben früher sind öfters Krank.
Im Norden von Thailand habe ich gesehen wie sie eine Kuh Geschlachtet haben die Art wie sie sie Hingerichtet haben war Schockierend und Unwürdig für das Lebewesen.
Eine Genaue Beschreibung werde ich euch antun
Also nein Lieber nicht ihr seid so empfindlich.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.08.2010 | 13:27

Werter Gustlik
Ohne die Mast Bzw Masssenhaltung von Tieren also Sprich der grossen Massennahrungs Industrie gäbe es keine Daseinberechtigung für über 5 Milliarden Menschen weil sie Schlicht nichts zu Essen hätten.
Entwicklung der Menschheit Evolution war ist und bleibt abhängig von Nahrung.
Ohne Ackerbau und Viehaltung verteilten sich knapp 40zigtausend Menschen in Nordeuropa ok zur der Zeit war es auch noch Kälter.
Mehr gab das Europa nicht Her.
Wenn Vegetarier Hunger haben essen sie auch ein T boon Steak mit 750gramm

h.yuren 17.08.2010 | 15:02

@ goedzak e.a.
wenn vom unverzichtbaren GENIEßEN der tierkadaverteile die rede ist, höre ich die nachtigall trappsen. die gewohnheit, die tradition, die umstände aller art bestimmen das urteil, nicht aber die tatsachen.
fleisch hat wenig eigengeschmack. das gilt auch für die meisten gemüse etc. früchte machen eine ausnahme.
was dem essen, ganz gleich auf welcher basis, den geschmack gibt, ist die zubereitung. wer an bestimmte fleisch/fischgerichte gewöhnt ist, isst und schmeckt die zutaten, die mischung und die umstände (lokal, preisniveau, gäste, vertraute etc.)mit und meint dieses alles mit dem genuss.
das gilt für kadaverfraß ebenso wie für karnickelfutter/körnerfraß.
wenn irgendwann das denken einsetzt, wenn irgendwann bewusst gelebt wird, ändern sich die gewohnheiten, die umstände, auch das essen.

h.yuren 17.08.2010 | 15:12

dank auch von mir, liebe maike, für die sehr gute rezension.

im übrigen weiß mensch, dass eine mittlere position psychologisch eher überzeugt als die dogmatische und eindeutige, die eher abstößt.
unser meinungsaustausch ändert die verhältniszahlen von karnivoren in menschengestalt zu vegetariern kaum. das gewohnheitstier, das zoon politikon und andere zweibeiner brauchen den druck der veränderten umstände. und der wird bald kommen...

Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.08.2010 | 16:04

Werter h.yuren
KÖNNTEN SCHON TUN SIE ABER NICHT.
Das FC IST EIN MEINUNGSMEDIUM
dies ist meine Meinung mein Standpunkt aufdem stehe ich
ob es falsch ist oder Richtig
Lese weitaus mehr als das ich schreibe ca 97%lesen 3%schreiben. Bin hier um zulernen und andere Sichtweissen kennenzu lernen dinge die ich so nie wahrgenommen hätte.
Beweise jede Meinung und Aussage davon halte ich nicht wirklich was.
Gebe ich dir ein beispiel
Du Behauptest alles was Schwerer ist als Luft fällt runter
ich verlange beweise es spring von Tisch vom Hochhaus was auch immer.
du kämmest nicht darauf weil jeder es doch weiss das es so ist oder nicht?
Ansonsten kann ich nur sagen das ist meine Meinung zum Thema.

j-ap 17.08.2010 | 18:24

Weißt Du, luggi, so im Schnitt (ohje!) rauche ich etwa eine Zigarre pro Woche. Das ist total belämmert, ja, aber auch nicht belämmerter, als in dieser Welt jeden Morgen wieder aufzuwachen, weshalb ich es im Schnitt (ohjeohje!) völlig okay finde.

[Für den feinen Bauchpinsler am Ende verbindlichsten Dank, ich überweise das vereinbarte Honorar an die mir bekannte Kontoverbindung und bewahre selbstverständlich Stillschweigen darüber, ganz klar! ;-)]

Michael Jäger 18.08.2010 | 01:46

Liebe Maike, danke für diese Eintrag und diese Diskussion. Das ist ein sehr wichtiges Buch. Da ihm schon Einiges zur Seite gestellt wurde, möchte ich auch noch auf das Buch von Jeremy Rifkin hinweisen: Das Imperium der Rinder. Es ist glaube ich 1994 erschienen, und jedenfalls hat es 2001 noch eine TB-Ausgabe gegeben. Nach Deiner Besprechung habe ich den Eindruck, daß man bei Foer Dinge lesen kann, die nicht bei Rifkin stehen, aber auch umgekehrt. Äußerst wichtig finde ich z.B. Foers Hinweis, "dass es auch einen kulturellen Verlust bedeutet, wenn wir unseren Nahrungskatalog ändern und bestimmte Aromen aus unseren Erinnerungen tilgen", daß wir aber die Möglichkeit haben, "diese mit neuen, anderen Ritualen zu ersetzen". Dabei fällt mir übrigens auch noch Lévi-Strauss ein, der sich in fünf Büchern (TBern), Mythologica I bis IV/2, über die Sinneffekte des Essens, Trinkens und auch Rauchens verbreitet, wie sie aus allerältesten Kulturzeugnissen sich ergeben. Sehr nützliches Wissen.

Aber zu Rifkin: Da wird z.B. untersucht, wie es historisch gekommen ist, daß heute auf zwei Menschen ein Rind kommt, erst seit dem 20. Jh.; daß das chinesische Essen überwiegend vegetarisch, das der Europäer / Amerikaner überwiegend fleischlich ist; daß die Rindermassen ganz verschiedene ökologische Schäden anrichten, die in der Summe gigantisch sind. Wobei dieselbe Betrachtung auch über Schweine und andere Tiere angestellt werden könnte. Die Bedeutung der Rinder scheint noch besonders groß zu sein aus Gründen der kulturellen (symbolischen) Geschichte.

Sätze aus dem Buch von Rifkin, die ich immer mal wieder zitiere, weil ich sie wirklich erschütternd finde, sind diese: "In der gesamten Literatur, die sich mit dem Thema der Überbevölkerung auseinandersetzt, wird kaum auf die Verschiebung eingegan¬gen, die sich im gegenwärtigen [= 20.] Jahrhundert weltweit in der Landwirtschaft vollzogen hat - nämlich die veränderte Nutzung des Getreides als Futter statt als Nahrungsmittel [...]." In dieser Verschiebung, durchgeführt von den Überflußgesellschaften des Nordens, die auf diese Weise den Ertrag der Getreidefelder des Südens in i h r e Nahrungskette umlenken, zeige sich "eine neue Seite des Bösen, das in dieser Form vielleicht schwerwiegendere und langfristigere Folgen haben wird als alle Gewalt, die in der Vergangenheit von Menschen gegen Menschen ausgeübt worden ist".

goedzak 18.08.2010 | 13:16

Vielleicht noch der hier: Das Schwein und der Wolkenkratzer (Marco d'Eramo). Untertitel: Chicago. Eine Geschichte unserer Zukunft.
Der Autor erzählt Stadtgeschichte auf andere Art. Bei Chicago spielen da natürlich Fleisch- und Nahrungsmittelproduktion (hier eher die Schweine), ihre Industrialisierung (Fließfertigung etwa) und Kapitalisierung (z.B. Warentermingeschäfte; auch ein Kapitel in der Geschichte der Verschränkung von Finanz- und Produktionskapital) eine Rolle. Es kommen in dem Buch viele andere Aspekte vor, Wohnen und Siedlungsformen, Verkehrswege - aber vielleicht ganz gut, die Transformation der Nahrung in solche Kontexte zu stellen.

Emma in Uniform 18.08.2010 | 18:47

:) Sehr beliebter erzieherischer Beitrag von Großeltern...

Als ich 12 Jahre alt war, zwang mein Großvater mich am Ende der großen Sommerferien mittels Erpressung (er hat ein paar Tage kein Wort mehr mit mir geredet, nachdem ich zuerst entrüstet ablehnte)
einen jungen Hahn zu schlachten, mein kleiner Bruder war so nett mir beizustehen und schaute zu; Aber es war schon sehr sehr hart ausgerechnet den Hahn zu schlachten, mit dem ich wochenlang morgens um die Wette gekräht habe, ihn zu "ermörden", wie mein Bruder damals fand.

Aber eine mir teure Erinnerung wird es trotzdem seltsamerweise bleiben: Wie mein Großvater mit mir zusammen das Tier vor- und zubereitete und wir danach mit der ganzen Familie zusammen um den Tisch saßen....

Emma in Uniform 18.08.2010 | 23:15

Moin Technixer,

die Fleischdiskussion müsste mal öffentlich so geführt werden wie hier, so schonungslos und bilderreich, daß keinem mehr einfallen würde noch ein Stück anonymes Fleisch aus Fertiggerichten, Discountertiefkühlsärgen oder Zombie-Imbissen freiwillig verzehren zu wollen.

(Wäre das mal nicht ein sinnvolles TV-Format? S. Raab oder D. Bohlen quälen junge ungebildete Menschen so lange mit Eindrücken aus der Massentierhaltung und -schlachtung, lassen Lämmer und Kaninchenbabys streicheln und mit Fläschen füttern usw., bis diese und der Zuschauer geläutert den Appetit auf billiges anonymes Fleisch verlieren, schluchzend zusammenbrechen, wenn sie nur das McDonalds Logo erblicken.

Ich muss sagen, ich esse mittlerweile selten Fleisch, 3 - 4x im Monat, Fisch noch seltener, beides seit wenigen Jahren stets Bio, bei der kleinen Menge immer noch Luxus. Und das ist das Stichwort: Fleisch für alle, jeden Tag, am besten mehrmals, geht nicht, ist nicht, muss unter erwachsenen dazu gebildeten Menschen Tabu sein, wir müssen uns gegenseitig zur Raison rufen, wir kennen genug Fakten: Ökologie und Ökonomie des Fleischfressens ist bereits gründlich erörtert, was jetzt fehlt, sind: Bilder, Bilder, Geräuschkulissen, Bilder. Die Abstraktion, die Heimlichkeit des Tötens durch " die Arbeitsteilung" und die verschämt versteckte Massenhaltung ist eh unser größtes ethisches Problem .

Und zunehmend auch gesundheitliches.

unspaßig -Emma

Cassandra 19.08.2010 | 00:26

Liebe Emma,

ich bezweifle, dass Abschreckung (v.a. in dem Maße, dass du hier schilderst) das richtige Mittel ist. Jeder geht mit schrecklichen Bildern anders um, Verdrängen ist eine Möglichkeit, die wohl ganz generell auch nötig ist, um sämtliches Leid, dem man so im Laufe seines Lebens begegnet, zu bewältigen.

Ich vermute, dass Menschen, die allein aus dem Schock heraus kein Fleisch mehr essen auch zu größerer Radikalität neigen und in der Folge selbst, wenn sie Hunger auf Tierprodukte haben, sich dies verbieten. Das könnte dazu führen, dass der eigene Anspruch an sich selbst nicht lange gehalten werden kann und statt gemäßigt Fleisch zu essen, diese Leute beginnen zu verdrängen und wieder so essen wie zuvor. Bei anderen tritt dieser Verdrängungsmechanismus auch sofort, ohne den Umweg, in Kraft.

Maike sagt es doch hier auch ganz deutlich: sie bekommt Informationen und denkt sie weg. Sie sieht das Bild des Schweins und klickt es weg. Was sie letztlich dazu veranlasst aufzuhören (ich hoffe, ich habe dich richtig verstanden, Maike) ist ja dann der aktive, geistige Prozess der Auseinandersetzung mit Folgen und Gefühlen. Sie ist überzeugt, nicht bloß geschockt; muss sich selbst nicht maßregeln und bestrafen für Fleischgenuss.

Streifzug 19.08.2010 | 01:49

Das hab ich drüben im anderen Tiere-Blog schon gepostet, allerdings paßt es hier auch. (Ein paar Kleinigkeiten nach Kritik genauer formuliert, damit aber auch etwas umständlicher :)

Worin sich Wissenschaftler wirklich einig sind, ist, dass das menschliche Denkorgan Entscheidungen durch den auslösenden Impuls von Gefühlen, Emotionen (somatische Marker, im präfontalen Cortex repräsentiert, Damasio ) trifft. Der ach so gelobte Verstand dreht sich ohne diesen Impuls im Kreise, kommt nicht zu Potte.

Die Hirnstruktur von Mensch und Säugetier ist identisch. Man kann sie unter dem Mikroskop nicht unterscheiden.

Säugetiere treffen täglich viele Entscheidungen (nicht Reflexe, nicht genetisch Vorprogrammiertes)

Kurz nachdenken, etwas Gefühl hinzurühren.

Guten Appetit weiterhin.

weinsztein 19.08.2010 | 05:10

Liebe Maike Hank,

danke für Ihren Verzicht auf polemisches Gedöns gegen Fleischesser.

Ich mag Fleisch, esse nicht sehr viel davon, manchmal aber doch, Fisch mag ich auch und ich liebe gutes Gemüse, Salat, Früchte wie Melonen, Pfirsiche, Pflaumen, Trauben... Von allem finde ich hier in der Türkei reichlich.

Vegan oder sonstwie vegetarisch orientierte KommentatorInnen pflegen Blogs wie Ihren ins Sektenhafte zu überführen, sehr aktiv, wohl eher kaum repräsentativ: "Die fressen ja Kadaver!", die Fleischesser. Und bedienen sich dabei Vehikel wie Hirnstrukturen, die bei Mensch und Tier gleich oder ähnlich seien.

Früher war es die Fleischstruktur, die bei Schwein oder Mensch quasi identisch sei. Gilt das noch?

Ich vermisse hier gelegentlich Speck, weiß mir aber zu helfen bei Omelette oder Rührei. (Mit Dill und Petersilie.)

Streifzug 19.08.2010 | 14:11

@goedzak,

es geht nun wirklich nicht um 68er Esoterik (mit ihren oft ausgeblendeten braunen Wurzeln).

Es geht gerade um wissenschaftliche Erkenntnis.

Ratio befindet sich in einer Endlosschleife, denkt, denkt, denkt, benötigt wird ein Impuls, der sorgt für die Entscheidung.

Die darin verborgen liegenden Möglichkeiten der Manipulation haben (rechte) Medien meist besser genutzt als andere.

Warum haben die es doch verstandesmäßig besser wissen müssenden Bewohner der DDR Kohl zum Einheitskanzler gemacht und nicht Lafontaine?

Anschließend waren sie erschrocken, dass das, was sie wissen mussten, wussten, auch eintrat, nur war es zu spät. (Natürlich verallgemeinere ich unzulässig)

j-ap 19.08.2010 | 16:08

Lieber Herr Jäger,

ich finde, daß Sie den zwar sehr kurzen, aber dennoch sehr wichtigen Hinweis von hibou auf eine zu leichte Schulter nehmen.

Denn wie kommt es eigentlich, daß das, was noch zu Zeiten der Aufklärung Grund genug war, das »Tier« geringzuschätzen — seine dumpfe Begriffs- und Reflexionslosigkeit, seine Reduziertheit aufs rein Vitale, Urwüchsige, Unkultivierte und seine instinkthafte Reaktion 'aus dem Bauch' heraus — mittlerweile als erstrebenswertes Ideal auch für Menschen ausgelobt wird, der nun ebenfalls im 'Einklang' mit der Natur, in Enge und Geschlossenheit des Schoßes von All-Mutter Gaia leben soll?

Oder anders formuliert: Warum galt über Jahrtausende und eben nicht nur bei den Antiken die Verwandlung in ein Tier als das ultimative Grauen in den Albträumen des Menschen, während mittlerweile völlig ohne, daß es jemandem auffiele, kein Kinder-T-Shirt mehr ohne Bambi, Bruno (ds war der Bär, der den Freistaat Bayern und die Republik Österreich an den Rand einer Staatskrise und dem bayerischen Umweltminister Morddrohungen einbrachte!) und Schnappi, das Krokodil über die Ladentheke gehen kann?

Woher dieser Umschwung von der aufklärerischen Entzauberung der Welt in ihre erneute, diesmal eben andere Verzauberung?

Fragt
J. A.-P.

silent_marc 19.08.2010 | 18:38

Danke für den interessanten Artikel, werte Maike.
Ich muss zugeben, dass ich diesen Artikel entdeckte habe, als ich gerade ne Pasta Bolognese aß ;)
Ich denke, letztendlich, wie überall im Leben, macht es die Balance.
Den Hardcore-Vegies, die sich gerne als Gutmenschen aufspielen, sage ich dann immer in der Diskussion, schaff du erstmal dein Auto ab, dann können wir weiterreden. Ich bin für die schlimmen Tiertransporte durch meinen Fleischkonsum verantwortlich und du für meine lang anhaltende Feinstaubvergiftung in der Stadt. Umso wichtiger ist das, was Maike hier aufgeführt hat. Jeder auf diesen Planeten hat Dreck am Stecken allein durch seine Existenz, denn die verbraucht Ressourcen.

Aber diese Filme und viele Artikel in den Jahren haben es wirklich geschafft, dass ich immer hilfloser und lustloser beim Lebensmitteleinkauf agiere, mein Fleischkonsum permanent abnimmt (auch wenn ich mir heute eine Bolognese gemacht habe!) und ich keinem Lebensmittel-Produzenten mehr vertraue.

Eine Anmerkung noch:
Es ist ja immer nett, wenn Leute auf den Biobauern hinweisen, der vielleicht um die Ecke in ländlicher Gegend ist. Aber was ist mit einer Hartz Vier Familie im Ghetto? A) kann sie sich das nicht leisten (Sie muss meistens den Dreck aus dem Discounter essen) um den Monat irgendwie zu schaffen.
B) Wieviel Energie soll denn so eine Familie verbrauchen um aufs Land zu kommen?
Das ist natürlich kein Problem für den finanziell gesunden Bildungsbürger, der schnell mit seinem Auto!!! aufs Land fahren kann und gute Lebensmittel einkäuft.
Also bleibst wie beim Alten: Die Armen fressen Scheisse und die Nicht-Armen hauen sich Bio rein oder wie?

j-ap 19.08.2010 | 19:34

Die »Verwandlung« ist ein gutes Beispiel, Herr Jäger! Denn Gregor Samsa wird ja nicht in Flipper, den Delphin, oder Bambi, das heiter und unbelastet von den Zumutungen der Zivilisation durch den Naturwald springende Rehkitz transsubstantiiert, sondern in ein Ungeziefer. Dahin aber führt kein Weg, da ist kein noch so emphatischer Anschluß mehr denkbar.

Bezeichnenderweise gehen aber PETA et al. auch nicht mit Küchenschabe oder Mistkäfer hausieren, sondern mit dem trübsinnig auf der Weide grasenden Kalb oder mit dem traurig dreinschauenden Zobelnachwuchs, dem grause Menschenhand das Fell über die Ohren zog, um sich dareinzukleiden.

Man kann sagen, je deutlicher die gesellschaftlichen Zwangsverhältnisse auf den archaischen Kampf aller gegen alle aus sind (und die Verwandlung bei Kafka ist ja nur der äußere Nachvollzug einer schon vorher bestehenden gesellschaftlichen Entmenschlichung!), desto stärker und ausdrücklicher sehnen sich Teile der Menschheit absurderweise gerade nach dem naturhaften »Original« zurück! Statt also endlich das nach wie vor unerreichte Ideal der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich die Einlösung des allgemeinen Glückversprechens, einzufordern, verdammen sie ausgerechnet das an ihr in Grund und Boden (im wahrsten Wortsinn), was wenigstens schon einmal den Vorschein aufs Unerfüllte enthüllte, nämlich Individualität, Künstlichkeit (hier nicht nur als Artifizialität, sondern auch und gerade als Artistik zu verstehen), oder sie träumen sich gleich ganz in die schlechte Realität, in Horde, Sippe, Stamm, Blut und Boden zurück.

Spätestens seit Rousseau und dem Phantasma des 'edlen Wilden' kokettiert die bürgerliche Gesellschaft doch immer mal wieder damit, die zivilisatorischen Errungenschaften gegen einen gnadenlos präzivilisatorischen Zustand einzutauschen, dessen Überwindung sie sich bei anderen Gelegenheiten so stolz ans Revers heftet. Mit der Spaltung des Menschen in Natur und Gesellschaftswesen geht die abstrakte Furcht vor dem Zurückgeworfensein ins Allernatürlichste paradoxerweise mit der Sehnsucht danach einher.

Statt endlich zu verhindern, daß der Mensch als solcher schon ganz ohne auch äußere Anverwandlung im Zustand der Entmenschlichung verharrt, soll stattdessen die Differenz zwischen und und Gregor Samsa als Ungeziefer negativ aufgehoben werden: Wenn wir uns nur den Käfer als gleichrangig imaginieren, dann macht es auch nichts mehr, in einen transformiert zu werden — oder, und damit ist die Motivbasis wohl auf einen hinreichend komischen Nenner gebracht: wenn der Mensch-als-Tier mit naturalistischem Segen endlich mal wieder so richtig »die Sau rauslassen« kann.

Man darf wohl fragen, woher soviel gedrechselte Widersinnigkeit kommen mag, finden Sie nicht?

Emma in Uniform 20.08.2010 | 00:42

Und ich denke, daß den Meisten unserer Mitmenschen die reißerischen TV-Sendungen viel zu abstrakt sind, die Bilder erscheinen ihnen unwirklich, als Fiktion, nicht als Teil eines "normalen" Prozederes, sondern eben als die unrühmliche, skandalöse Ausnahme.
Aber viele der Deprimierten, der Abgestumpften und emotional Zurückgebliebenden darunter reagieren aber sehr stark auf die Personifizierung von abstarkten Sachverhalten; Sie müssen es von jemanden erklärt bekommen, dem Sie Vertrauen schenken bzw. mit dem sie sich identifizieren, von dessen Emotionen sie sich "anstecken" lassen, den sie also als moralische Referenz nehmen.

Und deshalb glaube ich ganz fest daran, daß es zumindest etwas mehr brächte als die Reißer-Sendungen.

h.vannna 22.08.2010 | 21:51

@j-ap: "...wenn der Mensch-als-Tier mit naturalistischem Segen endlich mal wieder so richtig »die Sau rauslassen« kann."

Siehe Elfriede Jelineks Stück "Raststätte oder sie machens alle" (Elch Bär); zu Bambi siehe "Bambiland" und zu Flipper "Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft".
www.a-e-m-gmbh.com/wessely/
Von Kafka gibt es sehr schöne Hunde- und Maulwurfsgeschichten, und der Schmetterlingsforscher Nabokov hat einen interessanten Essay über die (seiner Meinung nach) entomologisch inspirierte Struktur der "Verwandlung" geschrieben.
Ihre Meinung zum Rousseauismus teile ich - er zeigt sich mittlerweile auch - neben den "Edlen Wilden" in Avatar - in zahlreichen "postapokalyptischen" Hollywoodproduktionen, die nach dem Massensterben der Menschheit einen hoffnungsvollen Neuanfang, ein "zurück zur Natur" der wenigen Überlebenden in Aussicht stellen, und globale Katastrophen unter metaphysischen Vorzeichen/als Strafe Gottes (oder Prophezeiung alter Maya-Kalender) verklären.

Volker 22.08.2010 | 22:08

Im Grunde ist mit "goedzak 16.08.2010 / 21:37" alles gesagt bzw. beschrieben mit einer nicht unbedeutenden, kleinen Korrektur.

Wir haben immer noch Eigenverantwortung und die endet nicht an der Kasse im Handel und im Restaurant oder einer Fastfoodkette. Aber dort wird sie bestens sichtbar. Immer von Fremdbestimmung zu schreiben weil wir "enteignet werden" ist immer auch eine schöne Krücke für sich selber sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen und zeitgleich einen Schuldigen ausserhalb der "Ich"-Hoheit zu suchen. Wer das toll findet macht sich selber zum Enteigneten.

Auch mit "goedzak 16.08.2010 / 21:31" trifft es und doch am Ende daneben. Geschenkt, dass die Produkte, Produktionsweisen an sich kriminell sind. Geschenkt, dass die Produkte von schlechter oder norminierter Qualität sind. Geschenkt, dass zuviel weggeworfen wird oder mafiös überfischt wird. Geschenkt, dass die Übersättigung im Norden/Westen den Süden immer noch hungern läßt. Das alles stimmt und ist nichts neues. Aber an sich zynisch wirds, wenn man in diesem Kontext bemerkt, dass man im satten Norden/Westen aufgegeben hat eine Frage bohrende zu stellen. Wie ernährt man 7 Milliarden Menschen auf genussvolle Art und Weise?

h.yuren 23.08.2010 | 00:41

aber was soll das heißen: meine meinung, basta?
wer etwas meint und nichts sagt, nichts öffentlich macht, alles artig für sich behält, kann das tun, denn niemand weiß etwas davon.
sobald du aber laut deine meinung äußerst oder sogar veröffentlichst, musst du dir gefallen lassen, dass deine these hinterfragt wird.
wenn du allerdings nichts anderes vorhast, als einen stein (des anstoßes) ins wasserbecken des freitagforums zu werfen, um zu sehen, was für ringe dadurch auf der wasseroberfläche entstehen, ok, doch das merkt bald jemand und beachtet deine beiträge nicht mehr. du kannst also keine ringe mehr beobachten. aus.

h.yuren 23.08.2010 | 01:17

liebe maike, mich stört, muss ich sagen, dass der autor foer angeblich gern fleisch isst. ich halte das für eine psychologisch motivierte marketingeingebung.
wenn es aber doch zutreffen sollte, habe ich ein problem, den mann zu verstehen.

die (viel)fleisch-esser wissen nicht, was sie tun. sie wissen zum beispiel nicht, dass sie dem prestigefraß der sogenannten oberschicht nachlaufen. wie viele andere dinge ist auch das essen der edelmänner wegen des prestiges von den bürgerlichen übernommen worden.
für die gesellschaftlich wirksame nachahmung aus prestigegründen ein beispiel:
vor 500 jahren war die adlige anrede, das ihrzen, so verbreitet im bürgertum, dass die hohen herrschaften sich nicht mehr vom volk abhoben und sich darum nach neuer distanzierterer anrede umsahen, in italien fündig wurden, weil italien das maß aller dinge war, sprich: prestige versprach. daher haben wir im deutschen bis heute die anrede in der 3. person.
nachahmen ist aber etwas anderes als bewusst leben, insbesondere wenn wie in diesem fall das vielfleischessen des adels gesundheitsschädlich war und ist.
fazit: gewöhnliche fleischvertilger denken nicht. jedenfalls nicht gründlich genug nach übers essen und trinken.

luggi 23.08.2010 | 23:43

mein lieber Helder,
viele wissen schon, was sie tun. Aber sie sind sich ihrer Abhängigkeit nicht so richtig bewusst: wie der Raucher, der Kiffer, der Zuckerabhängige, der Spielesüchtige, der Sexsüchtige, der ...usw. usf.. (sry für den männlichen Artikel).

Ich staune immer nur, wenn in Hungerreportagen darüber berichtet wird, wie schwierig es sei, die Fleischersorgung sicher zu stellen; nicht mehr komisch, einfach blöd. Oder?

Maike Hank 24.08.2010 | 00:06

Lieber h.yuren,

man kann doch Fleisch eigentlich gerne essen, weil es einem schmeckt. Ganz losgelöst von dem ethischen Überbau. Und man kann es dann dennoch nicht essen. Weil man sich (aus den eigentlich offensichtlichen Gründen) dagegen entschieden hat.
Vielleicht minimiert sich im Laufe der Monate/Jahre/Jahrzehnte der Gefallen am Geschmack von Fleisch. Ich habe da keine Expertise. Ich esse erst seit drei Monaten kein Fleisch mehr und ich möchte auch keines mehr essen.
Deshalb weiß ich dennoch, dass mir bestimmte Fleischgerichte sehr gut geschmeckt haben und in Bezug auf manche wird diese Gefühl gewiss noch lange anhalten. Dies scheint mir auch "normaler" als die sofortige hundertprozentiger Abkehr mit impliziertem Ekel oder völligem Desinteresse. Ich habe gerne Fleisch gegessen, das war ein Teil meiner sinnlichen Erlebniswelt. Ich denke nicht, dass man dies so schnell abstreift.

Ich kenne übrigens einige Vegetarier, die alle vier fünf Jahre mal irgendwas mit Fleisch essen, aus einer Lust heraus, vielleicht aus nostalgischen Gründen..

luggi 24.08.2010 | 00:27

Liebe Maike,
ich weiß auch, dass mir fast alle Fleischgerichte geschmeckt haben. Ganz früher. Warum? Aber, warum hätten mir viele andere Fleischgerichte nicht geschmeckt:
Geröstete Kaimane, geschmorte Meerschweine, Löwenschinken, gedörrtes Affenfleisch...usw.. Wenn ich wirklich ein Fleischesser wäre, dann hätte ich keine Bedenken zum Verzehr. Es ist aber halt nicht so.

btw. Bitte an den Unterschied zwischen rohen und gekochten Lebensmitteln bei der Nahrungsaufnahme achten. Die thermische Beeinflussung verändert die Struktur und damit die Möglichkeit der enzymatischen Spaltung. Das ist aber nicht neu.

h.yuren 24.08.2010 | 01:27

3 monate oder 20 jahre, liebe maike, das ist ein kleinerunterschied.

bei mir war auch nicht auf schlag schluss mit tierischem. ich kann mich erinnern, dass ich noch eine zeitlang ölsardinen aß, die mir schon als kind geschmeckt hatten. vielleicht auch ein bisschen nostalgie. und nur kleine fische ...
aber jahre später gabs auf einer familienfeier von bekannten eine suppe, die meine mutter gut und gern gekocht hatte. eine bouillon aus rinderknochen und rindfleisch. früher genossen, stank mir die suppe. nicht, weil sie schlecht war. mir kam es eher so vor, als wenn ich irgendwo außerhalb europas eine spezialität mit unappetitlichen ingredientien aufgetischt bekommen hätte. es ging nicht mehr.
wenn mensch etwas nicht riechen kann ... das ist sprichwörtlich.

Maike Hank 08.09.2010 | 12:14

Ich tu mich gerade ziemlich schwer mit all den Fleischersatzsachen. Die schmecken halt nicht wie Fleisch, sehen aber fast so aus und wollen eben meist Fleisch simulieren, anstatt ein eigenständiges Produkt zu sein. Aber ich kann mir vorstellen, dass es viele Leute gibt, denen es hilft.
Mich ärgert es ein wenig, wenn manche dieser Produkte (also jetzt nicht unbdedingt die von dir verlinkten) als total gesund beworben werden (es gibt eine recht neue Marke, die auch TV-Werbung macht) und dann doch voller Panade und Fett sind.

Ich mache manchmal Sojaschnetzel. Aber richtig zufrieden bin ich damit auch nicht wirklich.
Tofuwürstchen in unterschiedlichsten Versionen werde ich so schnell nicht mehr braten. Dafür entdecke ich gerade andere Sachen wie Dinkel statt Reis und esse mehr Gemüse als früher. Und Suppen sind ja auch toll : )

Cassandra 08.09.2010 | 14:53

Ich kann mit dem Ersatz-Zeug - mal abgesehen von sogenannten vegetarischen Frikadellen, die nannten wir zu Hause aber Möhrenröstis, hatte also in meinem Kopf noch nie etwas mit Fleisch zu tun - nicht viel anfangen. Ich habe auch gar keine Ersatzprodukte gebraucht, weil ich, wenn ich Hunger auf Fleisch habe, dem auch jetzt immer ziemlich direkt nachgebe. Trotzdem wird der Konsum immer weniger.

Ich finde diese Produkte auch falsch im Sinne von unaufrichtig, ich will mich doch gar nicht belügen, das führt zu nichts. Aber wenn andere meinen, dass sie das brauchen, sollen sie gern. Was mich daher an dem verlinkten Shop mehr als die Ersatzprodukte fasziniert, ist, dass die Besitzerin die Mangelerscheinung hier bei uns im ländlichen Raum nicht einfach beklagt hat (wie ich), sondern dagegen vorgegangen ist. In Berlin ist es natürlich ein weniger großes Problem vegetarisch einkaufen zu gehen...

Wobei, du hast schon recht, man muss überall aufpassen. Meist ist der Geschäftseifer dann doch der eigentliche Antrieb, und nicht, dass das Produkt bestimmten Idealvorstellungen entspricht.

Tofu mag ich einfach großteils nicht. Es gibt da Ausnahmen, aber meistens kann ich es noch nicht mal riechen, dann wird mir anders - genau wie bestimmte Fleischprodukte auch nicht. (Aldi) Salami beispielsweise ist mir ein echter Graus.
Ganz schlimm finde ich auch Sojamilch, die ich als Kind trinken musste, weil ich aufgrund einer Hauterkrankung keine Milchprodukte mehr zu mir nehmen durfte.

Vegane Brotaufstriche sind sehr lecker, fällt mir noch als Tipp ein, und eine Bekannte von mir schwärmt von diesen Rezepten. (Ich hoffe, ich darf hier ein bisschen Schleichwerbung machen...)