Halbe Stunde

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Er steht im Treppenhaus vor ihrer Wohnung. Seine rechte Hand bewegt sich immer wieder zaghaft auf die Klingel zu, um kurz vor Auslösen des alarmierenden Geräuschs nervös in seiner Hosentasche zu verschwinden.
'Ich bin's!', würde er zu ihr sagen, hörte sie sein Klingeln, öffnete sie ihm die Türe.
Davon, wie es dann weiterginge, hat er noch keine genaue Vorstellung.

Seit der ersten Begegnung fühlt er sich zu ihr hingezogen, gefällt sie ihm. Vergangenen Sommer hatten ihr ein paar Freunde beim Einzug geholfen und er hatte vom Fenster aus beobachtet, wie Gegenstand um Gegenstand aus dem Bauch des Transporters hinauf in die Wohnung über ihm getragen wurde. Sie war ihm später im Treppenhaus entgegen gekommen, einen schweren Karton schleppend, schwitzend. Lächelnd.

Seither liegt er oft mitten in seiner Wohnung auf dem Fußboden und starrt an die Decke. Alle Fenster sind dann verschlossen, jedes Elektrogerät, das Geräusche verursachen könnte, ist sorgsam ausgeschaltet und er hört ihr zu, folgt mit Ohren und Gedanken ihren Schritten, konzentriert sich auf die Musik, die er mehr wie die Ahnung einer Melodie durch die Decke hindurch wahrnimmt. Wenn sie telefoniert, kann er bisweilen ihre Stimme hören und ihr Lachen.
Manchmal schläft er dabei ein, fühlt er sich durch ihre Anwesenheit sonderbar geborgen, dem Alleinsein geflohen.

Und nun, vor ihrer Türe, tragen Courage, Hand, Furcht und Klingel einen eigenartigen, lang anhaltenden Kampf aus.

Dingdong.

Als sei es nicht sein Finger gewesen, der dieses Geräusch per Knopfdruck verursacht hat, wartet er starr, um ihre Schritte zu hören, die sich langsam der Wohnungstüre nähern.
Jedoch, es bleibt ruhig und vorsichtig legt er ein Ohr an das Holz, versucht, sie zu erlauschen, hält den Atem an und hört doch nur Stille. Sie muss die Wohnung verlassen haben, während er eingeschlafen war.

Erleichtert, aber auch enttäuscht, betrachtet er die Türe. Beinahe so, als könne er durch sie hindurch blicken und sähe weichgezeichnete Bilder, welche zu den Geräuschen passten, die er seit Monaten in seinem Gedächtnis verwahrt. Seine Hände drücken fordernd den Türknauf und das Verlangen, die Wohnung zu betreten ist nun sehr stark.

Ihm fällt ein, wie er sich letztes Jahr ausgesperrt und erfolgreich den Kreditkartentrick angewandt hatte, von dem er bis dahin immer dachte, dass dieser gar nicht funktionierte und zögert nur kurz, bevor er, mehrere Stufen auf einmal nehmend und hastig atmend, hinab in seine Wohnung eilt, um mit seiner Versicherungskarte zurückzukehren. Ihm ist klar, dass es nur funktionieren würde, wenn lediglich zugezogen, nicht abgeschlossen worden war.
Nervös schiebt er die Karte in den Spalt zwischen Rahmen und Türe und diese springt schon beim ersten Versuch auf.

Er atmet jetzt noch unruhiger und schleicht erhitzt den Flur entlang. Seine Hände berühren ein paar Kleidungsstücke an der Garderobe. Raue Mäntel, Jeansstoff, weiches Leder. Sie streichen über das leicht erhabene Muster der Tapete, fahren Bilderrahmen entlang, die auf einer kleinen Kommode stehen: Sie beim Skifahren. Sie am Strand mit Freunden. Ein älteres Ehepaar - bestimmt die Eltern. Sie mit einem Mann an der Seite, der sie an sich drückt und beide lachen glücklich in die Kamera. Ihm wird schlecht.

Die Übelkeit überwindend betritt er vorsichtig das Schlafzimmer. Der Raum ist ganz hell, die Wände kahl, Federbett und Kissen sind mit weißer Wäsche bezogen, ein Himmel aus lichtdurchlässigen Stoffbahnen wölbt sich darüber. Er beugt sich ganz dicht über das Kopfkissen, berührt es fast, sein Atem setzt sich im Gewebe fest.
Er inhaliert ihren Duft und streicht zitternd über die baumwollene Bettdecke. Die andere Hand greift hastig unter das Kopfkissen, in der Hoffnung, dort ein Nachthemd vorzufinden, aber sie fasst ins Leere.

Neben dem Bett liegen gestapelt Kriminalromane und Bücher der Philosophie; eines von Kierkegaard ist geöffnet und mit einem Eselsohr markiert. Er liest wenige Sätze und freut sich darüber, nun etwas mit ihr gemein zu haben, wenngleich es lediglich ein paar Worte sind, deren Zusammenhang er nicht versteht.

Er öffnet den Kleiderschrank, die laminierte Türe fühlt sich kalt an. Sehr ordentlich hängen die Sachen auf Bügeln oder sind penibel gefaltet übereinander gestapelt. Er zieht ein gepunktetes Kleid hervor, das ihm besonders gut gefällt und drückt es gierig an sich wie eine seit langer Zeit nicht umarmte Geliebte. Seine Wangen schmiegen sich an den samtenen Stoff. Er nimmt einen schwachen Duft von Parfum wahr, was ihn auf die Idee bringt, nach einem Stück mit stärkerem Geruch zu suchen und er öffnet ein paar Schubladen. Seine Handflächen berühren zuerst ganz behutsam Unterwäsche, streifen zusammengerollte Socken, glänzende Perlonstrumpfhosen, greifen nach Schals und Tüchern, um einzelnen Teile zur Nase zu führen, etwas von ihr zu inhalieren. Seine Suche wird fordernder und ein seidenes schwarzes Tuch duftet besonders stark. Gierig steckt er es in eine seiner ausgebeulten Hosentaschen und empfindet ein rares Hochgefühl.

Ermutigt eilt er ins Badezimmer, öffnet Schränke und Schubladen, wühlt in der zu säubernden Wäsche und kann sich kaum zurückhalten, ein weiteres Stück Stoff an sich zu nehmen. Er beschaut sich Flakons, Lippenstifte, Gesichtscremes, Tampons, Haarpflegeprodukte und staunt über eine Ansammlung unterschiedlichster schwarzer Wimperntuschen, die akribisch nebeneinander aufgereiht in einem hölzernen Kistchen liegen. Mit den Fingerspitzen rollt er sie hin und her, hin und her. Bis er die angebrochene Pillenpackung auf der Ablage über dem Waschbecken sieht. Erneut wird ihm übel und schnell drückt er mehrere der kleinen Tabletten aus dem Blister, steckt sie zu dem Tuch in seine Tasche. Anschließend legt er sich schwitzend in die Badewanne, versucht, sich ihre Nacktheit vorzustellen, ihren blanken Rücken zu erfühlen, ihr Gesäß. Gerne würde er sich ausziehen, er will so dicht als möglich dran sein an ihr und auch an der Realität. Die Furcht vor dem Entdecktwerden treibt ihn in die noch nicht inspizierte Küche.

Eine alte Uhr tickt hinein in die Stille und er starrt auf bunte Postkarten. 'Willst du leben, musst du brennen' steht auf einer. Er reißt den Kühlschrank auf. Magerjoghurts, Beerenobst, ein paar Eier und Käse findet er vor. Ansonsten Leere. Er ist enttäuscht und das Ticken der Uhr macht ihn nervös. Er schwitzt nun sehr stark, immer wieder muss er sich mit dem Ärmel seines Pullovers die Stirn trocknen.

Auf einem Regal stehen etliche Kaffeetassen. Jede einzelne setzt er sich an den Mund und imitiert schlürfend ein Trinken, seine Lippen nehmen die unterschiedlich beschaffenen Ränder aus Steingut oder Porzellan wahr. Er öffnet die Besteckschublade und küsst vorsichtig ein paar metallene Löffelbäuche und Messerschneiden. Sie kühlen kaum seinen Mund. Die Uhr tickt ihm zu laut und schnell taucht er seinen Zeigefinger in die Nussnougatcreme, die auf dem Tisch steht.
Er genießt die zähe Süße, will mehr, aber das ständige Ticken gemahnt ihn zu gehen. Es hallt nach in seinem Kopf, jagt ihn regelrecht hinfort, schürt seine Angst und er eilt zur Wohnungstüre, hastet hinaus und zieht sie hinter sich zu.

Starr steht er im Treppenhaus, seine gewölbte Hand über der Hosentasche, sich seiner Trophäen vergewissernd, denn Klarheit tritt ein. Erschrockenheit macht sich breit und lähmt. Selbst der Rest Nussnougatcreme wird schal im Mund, schmeckt bitter. Schwach fühlt er sich und verdorben. Unzumutbar.

Zornig betritt er seine Wohnung, legt sich auf den Fußboden, weint vor Wut, sein Gesicht ganz rot. Er presst das gestohlene Tuch an Mund und Nase und starrt hinauf an die Decke, hält den Geruch nicht mehr aus und erbricht sich.
Er weiß schon, dass er mit der letzten halben Stunde alles zerstört hat.

Überarbeiteter Text von 2007, inspiriert vom Bericht einer Anruferin bei Domian, WDR.

21:44 19.05.2010
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