Hinter dem Abholzettel

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Jene kleinen Reinigungen, die nicht bloß Annahmestelle sind, werden weniger und man betritt sie nur noch sehr selten. Zu Unrecht.

Elsa war Angestellte in einer Reinigung, bis sie vor dreieinhalb Jahren wegrationalisiert wurde. Und weil man mit 58 Jahren beruflich kaum noch Chancen hat, eröffnete Elsa daraufhin einfach ihre eigene Reinigung. Da sie gut nähen kann, wurde ihr Laden außerdem eine Änderungsschneiderei und wegen des Geldes auch eine Paketdienstannahme.

Geöffnet hat Elsa von acht bis acht. Samstags nur bis zum Mittag, aber da sie anschließend noch viel zu tun hat, klopfen die Kunden um 15 Uhr gegen die Türe. Sie ist viel zu nett, um jemanden abzuweisen.

Bereits um sieben Uhr ist Elsa morgens da und wirft den Kessel an, damit die Bügelfrau, die vormittags kommt, sofort loslegen kann. Elsa hingegen arbeitet jeden Tag 16 Stunden, denn abends liefert sie oft noch Wäsche an Arztpraxen aus und nimmt Näharbeiten mit nach Hause. Auch übers Wochenende.

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Elsas Freundlichkeit ist völlig unaufgesetzt und erstaunlich und lässt sich auch nicht durch viele wartende Kunden schmälern. Sie bietet Kindern Kekse an und gibt dem jungen Vater ein Bonbon für den Sohn, der sonst dabei ist und immer nach Leckereien fragt. Mit einer Frau, die einen Anzug kürzen lässt, führt Elsa ein Gespräch über die Politik der Hosenlänge und die häufige Notwendigkeit der Arschtaschenentfernung bei Damenanzügen. Der Mann, der ein einzelnes Hemd abholt, gibt beim Bezahlen zu, dass dieses gar nicht schmutzig war und er lediglich nicht in der Lage gewesen sei, es zu bügeln. Ein anderer greift über die Theke nach einer ganzen Reihe Hemden, fragt Elsa nach ihrer hoffentlich verschwundenen Grippe und winkt zum Abschied. Der Nächste kommt mit kompliziert zu reinigenden Stücken und Elsa erkennt die meisten davon wieder. Einer gebrechlichen Dame gibt sie ein Lederreinigungsmittel, das ihr eine Kundin, die in der Nähe eine Lederreparatur hat, extra mitgebracht hat. Jeder denkt hier an jeden.
Eine Studentin kommt vorbei und verabschiedet sich, da sie für mehrere Monate ins Ausland geht. Elsa soll schließlich nicht den falschen Schluss ziehen, sie habe eine andere Näherin gefunden und bliebe deshalb fern. Ein Mann sagt, er habe sein „Schnitzel“ verloren und meint damit den Abholzettel. Für die ganz Zerstreuten hat Elsa sogar einen Karteikasten angelegt, in dem sie deren Abholzettel aufbewahrt. Was das Prinzip ein wenig ad absurdum führt.

Außerdem gibt es Leute, die vergessen sogar das Abholen selbst: Elsa ist verpflichtet, die Sachen drei Monate lang aufzubewahren, entsorgt sie aber dennoch erst nach einem Jahr. Kürzlich hat sie so zwei Lederjacken verschenkt. Unter der Annahmetheke liegt seit zehn Monaten ein sperriger Teppich, dabei hat sie ohnehin zu wenig Platz: Häufig türmen sich die Kartons jener Kunden, die den Paketdienst nutzen. Fluch und Segen zugleich sind da die Ebay-Powerseller – einer von ihnen vertreibt auf diesem Weg Autoreifen …

Die beiden Jungs vom Paketdienst kommen jeden Tag und Elsa kennt sie mittlerweile so gut, dass sie weiß, welche Sorte Schnaps sie trinken und wie es ihnen gerade geht. Dafür nehmen sie Elsas Schuhe mit zum Schuster, denn der ist der Nächste auf der Route.

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Urlaub kennt Elsa nicht und bis zur Rente muss sie noch wenige Jahre durchhalten. Am Wochenende fährt sie raus auf's Grundstück mit Pool – Fragment einer Kleingartenanlage, wo sie im Sommer auch übernachtet. Ihre Tochter hat die Parzelle direkt daneben.

Einen Mann gibt es in Elsas Leben nicht mehr. Ihr erster hatte sie ständig betrogen, der zweite war immer betrunken. Wenn sie das erzählt, lacht sie. Weil es ihr jetzt so viel besser geht. Angst vorm Alleinsein hat sie ohnehin nicht, denn die Familie hat einen Plan und der ist schon durchgerechnet: Geschwister, Kinder, deren Schwiegereltern und die Enkel wollen außerhalb der Stadt gemeinsam ein Haus mit mindestens acht Wohnungen beziehen.
Dort machen sie dann das, was Elsa auch mit den Menschen in ihrem Mikrokosmos Reinigung praktiziert: Für einander da sein.

21:08 17.12.2009
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