"Kannst ja auch Nein sagen"

Medienkritik In ihrer Sendung "neoParadise" haben die Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf einen sexuellen Übergriff mit Spaß verwechselt
"Kannst ja auch Nein sagen"
Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf im Paradies

Foto: Jule Roehr / ZDF

"Du bist so ein Arschloch. Warum soll ich jemand Unbeteiligtem an die Titten fassen?" fragt Joko Winterscheidt seinen Moderationskumpel Klaas Heufer-Umlauf, mit dem er im Rahmen der Sendung neoParadise wieder einmal jenes Spiel spielt, bei dem der eine dem anderen eine höchst unbequeme Aufgabe stellt.

Meist geht es dabei um die eigene Grenzüberschreitung, manchmal werden jedoch auch die Grenzen Fremder missachtet. Beispielsweise, wenn sich Joko während er einen stinkenden Döner isst ganz dicht neben oder auf Menschen in der U-Bahn setzen muss. Das ist albern, aber tut niemandem wirklich weh.

"Das wird jetzt unangenehm für beide von uns"

Anders verhält es sich bei einer Aufgabe, die in der Sendung vom 4. Oktober ausgestrahlt wurde, bei der Joko Winterscheidt einer Messehostess auf der IFA "ein Mal an die Moppelklappen und zwei Mal an den Arsch" fassen soll.

"Das kann ich nicht. Wirklich nicht. Das geht nicht." sagt dieser -– zu Recht.

(Edit: Das an dieser Stelle eingebettete Video wurde in der Zwischenzeit auf privat gestellt.)

"Kannst ja auch sagen 'Nein', dann haste halt verloren." lautet die Antwort von Heufer-Umlauf, was dazu führt, dass Winterscheidt kurz Brüste und Po der Messehostess berührt, eingeleitet mit den Worten: "Hallo, das wird jetzt so wahnsinnig unangenehm für beide von uns, aber hilft nix."

Die Hostess ist sichtlich irritiert, was Heufer-Umlauf wie folgt kommentiert: "Gott, der war das auch so unangenehm, die stand da wirklich und hat sich richtig entwürdigt gefühlt. Die fährt jetzt gleich nach Hause und dann wird die schön heulen unter der Dusche. Die steht jetzt sechs Stunden lang unter der Dusche." und so tut, als fände er Joko Winterscheidts Verhalten wahnsinnig ekelhaft.

Fehlende Sensibilität

In den letzten Tagen wurden bereits mehrere offene Briefe an das ZDF geschrieben, auf die der Sender mit einer Standardnachricht antwortete. Erstens sei die Berührung nur angedeutet gewesen und zweitens habe die Hostess der Ausstrahlung zugestimmt. Diese Aussagen wurden auch über den Twitter-Account kommuniziert.

Fehlende Sensibilität und damit einhergehendes Unverständnis sorgen dafür, dass den Verantwortlichen offenbar nicht klar ist, dass der vermeintliche Jungs-Streich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Frauen zu Objekten degradiert, mit denen man sich jederzeit sexuell konnotierte Späße erlauben darf und dass die anschließende Verhöhnung der Hostess sich über alle Frauen lustig macht, die Opfer sexueller Gewalt wurden.

Während einer Diskussion auf Twitter wird angemerkt, dass die Aktion auf der IFA zwar "saublöd und arschig sei", ihre Skandalisierung jedoch falsch, denn schließlich habe man es nicht mit Frauenfeinden zu tun – in den offenen Briefen könnten beispielsweise ähnliche Aktionen mit Männern den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit entkräften –, sondern "mit Menschen, die persönliche Grenzen anderer überschreiten."

Symptomatisch

Diese Reaktionen sind symptomatisch für das Nichtsehenwollen, dass nicht jede Grenzüberschreitung eine sexuelle Konnotation hat und dass es unterschiedlich hohe Grenzen gibt, die man (im Fernsehen) überschreiten kann und vor allem manchmal auch unbedingt sein lassen muss. Wenn Grenzüberschreitung das Fundament meines Humors ist, dann muss ich mir im Vorfeld Gedanken darüber machen, was diese Überschreitung bei den davon betroffenen Menschen auslöst – und mich eventuell im Nachhinein wenigstens gegen eine Ausstrahlung entscheiden.

Es ist nicht hilfreich, wenn das ZDF den Vorfall herunterspielt und damit Kommentatoren wie diesen in ihrer frauenverachtenden Haltung bestätigt:

"Ich muss dich leider als eine prüde f**** (editiert, die Red.) deklarieren. als wäre es schlimm, wenn joko und klaas mal einen sexistischen witz machen..hat mich und alle die ich kenne nicht weiter gestört..traurig ist nur, wie ein paar verlumpte frauen wie ihr hier, euch überhaupt die mühe gibt, eine so kleine show zu kritisieren. bitte braucht eure feministische energie für andere sachen.

herzlich
ein ZDFneo affiliate"

"Es geht um nichts anderes als darum, zu zeigen, dass Männer mit Frauen Dinge tun können, ohne sich um deren Zustimmung und Meinung zu scheren, und dass sich an ihrer Entschlossenheit, das zu tun, entscheidet, ob sie 'richtige Männer' sind oder nicht." schreibt Antje Schrupp und hoffentlich ist es nicht nur ein Lippenbekenntnis, dass Klaas Heufer-Umlauf sich heute Vormittag endlich auf Twitter für sein Verhalten entschuldigte.

Die dort ebenfalls zu lesende Reaktion des Fernsehmoderators Oliver Pocher ("Nur so kann man was beim ZDF erreichen!!! Und den Fernsehpreis gebt Ihr auch wieder zurück...und nach Mekka geht Ihr auch!" und "Habe da meine Meinung zu, die ich vielleicht nicht über Twitter verbreiten sollte, sondern eher im persönlichen Gespräch!") kann man nur so interpretieren, dass es weiterhin wichtig ist und bleibt, auf solche Vorkommnisse eben sehr wohl aufmerksam zu machen und sie zu "skandalisieren", um in der breiten Öffentlichkeit ein Verständnis dafür zu schaffen, dass solche "Witze" nicht lustig sind, sondern zutiefst frauenverachtend.

Vor allem haben sie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts zu suchen.

Mehr zum Thema:

Hollaback is a movement to end street harassment powered by a network of local activists around the world. We work together to better understand street harassment, to ignite public conversations, and to develop innovative strategies to ensure equal access to public spaces.

17:41 15.10.2012
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