Lass uns nicht von Diversität reden

66. Berlinale Gleich zwei Personen aus der Filmfest-Jury zeigten am Eröffnungstag, dass sie mal ihre Privilegien checken müssen
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Lass uns nicht von Diversität reden
Fettnäppchen, die erste und die zweite: Jurymitglieder Lars Eidinger und Meryl Streep redeten sich zum Thema Diversität um Kopf und Kragen
Foto: Maike Hank

Als ich letztes Jahr einem Konzert von Blumfeld beiwohnte, begrüßte uns Sänger Jochen Diestelmeyer mit den Worten „Huhu, wir sind’s“. Das fand ich gut, und so will ich es heute auch handhaben für mein gewohntes Berlinale-Gastspiel hier beim Freitag.

Etwas ist jedoch anders als die letzten Jahre: ich bin gelassener. So habe ich höchstens eine Stunde mit der Zusammenstellung des Programms verbracht – die Jahre zuvor war ich gleich mehrere Abende damit beschäftigt gewesen. Ich habe auch das Badge nicht bereits am Tag vor Festivalbeginn abgeholt – und musste zum ersten Mal nicht dafür anstehen. Ich mache mich auch nicht mehr verrückt, wenn ich für irgendeinen Film kein Ticket mehr bekomme. Dann schaue ich eben einen anderen Film oder gehe früher nach Hause. Ich werde viel entspannter sein als sonst und hoffentlich mehr schlafen. Außerdem habe ich eine Woche am Stück frei und kann mich treiben lassen.

Ich werde auch keine zusammenhängenden Tagebucheinträge mehr schreiben, sondern immer einer festgelegten Struktur folgen, die mir dennoch alle Freiheiten lässt. Das bedeutet, ich kann auch kleine Pausen nutzen, um zu schreiben – was mich noch mehr entspannen wird. Also: Huhu, ich bin’s!

Stimmung

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Kurzkritik

Hail, Caesar! von Joel & Ethan Coen
Die Hauptgeschichte ist zu wenig packend und plätschert vor sich hin, die Nebenstränge sind zu beiläufig und ihre Figuren lediglich groteske Einschübe. Mich erreicht das alles nicht. Ohne die guten Schauspieler, das tolle Bühnenbild, die wundervollen Kostüme und den ein oder anderen guten Witz wäre der Film verloren. (3/5)

Hee von Kaori Momoi
Hauptsächlich eine Aneinanderreihung von Therapiesitzungen mit Focus auf die wirren Äußerungen der Protagonistin. Zwar gut gespielt, oft schwer zu ertragen und inhaltlich schwierig nachvollziehbar. Schlaf ist eine gute Fluchtmöglichkeit. (1/5)

Já, Olga Hepnarová von Tomas Weinreb & Petr Kadza

Wow! Wie ein Film von Godard: schwarz-weiß, lange, geduldige Einstellungen, nur die nötigsten Dialoge, eine Hauptdarstellerin mit sinnlichem Mund und Fransenpony. Der Film basiert auf der wahren Geschichte von Olga Hepnarová, die Anfang der 70er Jahre aus Rache an der Gesellschaft und jenen, die sie ausgegrenzt haben und drangsalierten, mehrere Menschen überfuhr, um ein Zeichen gegen Mobbing zu setzen und auf eigenen Wunsch hingerichtet wurde. (4/5)

Sexy

Die Szene aus Já, Olga Hepnarová, in der Olga ihre erste Geliebte oral befriedigt.

WTF?

Während der Pressekonferenz, auf der die diesjährige Jury vorgestellt wurde, fragte Tobi Schlegl aus dem Publikum Jurymitglied Lars Eidinger mit provokantem Unterton, ob Eidinger eigentlich aufgefallen sei, dass schon seit fünf Jahren kein Schwarzer mehr in der Berlinale-Jury säße. Er spielte auf die berechtigte Kritik an den Oscar-Nominierungen und der wenig diversen Zusammensetzung der amerikanischen Film Academy an. Nachzulesen unter anderem unter #oscarssowhite

Nun ist es zwar generell ungehörig, ein Jurymitglied so zu provozieren, dass es Kritik an der Jury-Auswahl üben müsste. Eidinger hätte aber durchaus sagen können, dass er es begrüße, wenn nicht nur die Filme des Festivals sowie die Besuchenden die Diversität der Gesellschaft abbilden – vorausgesetzt, das sei ihm wichtig.

Stattdessen zeigte er unbeholfen seine schwarzlackierten Fingernägel, guckte sich dann demonstrativ auf dem Podium um und sagte, das sei ihm noch gar nicht aufgefallen. Er gab dann zu, sich noch nicht damit beschäftigt zu haben und dabei hätte er es dann belassen können – ja, müssen! Stattdessen sagte er, dass die Hautfarbe ja kein Auswahlkriterium sei, und wenn man sich so auf Berliner Straßen umblicken würde, sähe man ja auch kaum Schwarze Menschen. Uff.

Höchstens zehn Minuten später wurde Meryl Streep von einer ägyptische Reporterin nach ihren Eindrücken von Filmen aus der arabischen Welt und Nordafrika gefragt. Streep redete sich um Kopf und Kragen, sagte, sie kenne sich nicht gut aus, habe aber schon Menschen verschiedener Kulturen gespielt und wir seien doch schließlich alle Afrika.

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Japan

Vor zwei Jahren lauschte ich auf der Berlinale den Ausführungen eines japanischen Regisseurs, nachdem sein Film gezeigt worden war. Ich verstand nicht ein einziges Wort und beschloss an jenem Abend, die Sprache zu lernen. Immer noch verstehe ich nicht all zu viel, wenn ich japanische Filme oder Serien ohne englische Untertitel anschaue, aber es wird besser und ich kann mich mittlerweile auf einem sehr niedrigen Niveau verständigen. Seit September lerne ich auch Kanji und es ist aufregend, nun ab und zu Schilder, Tweets oder kurze Textabschnitte lesen zu können. Japanische Filme waren auf jeder Berlinale besonders wichtig für mich – dieses Jahr sind sie es jedoch noch mehr, denn ab Mai bin ich ein halbes Jahr in Tokio. So wird jede Filmszene zu einer Vorschau, ein Teaser, ein Stimmungsaufheller. Der heutige Film weckte allerdings wenig Fernweh und mehr als ein paar Hörübungen bei geschlossenen Augen kamen nicht bei mir an.

Lobhudelei

Als Clive Owen, der während der Pressekonferenz nicht all zu viel sprach, endlich etwas mit seinem britischen Akzent erzählte, war ich noch ein wenig mehr sekundenverliebt. Ich glaube, es ging um Filme und Gefühle, ich bin mir aber nicht mehr sicher.

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Promisichtung

Sibel Kekilli, Jasmin Tabatabai, Iris Berben. Sie alle gingen im Pressebereich des Hyatt-Hotels auf die Toilette. Aber nicht zusammen.

Konsum

Leitungswasser, 3 Cappuccini, Knusper-Dinkel-Kekse, Sushi, Grüntee, Pfannkuchen (Berliner), vier Packungen Taschentücher.

09:22 12.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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