Naomi

67. Berlinale In "Golden Exits" zwingt eine junge Frau ein paar unzufriedene Menschen zur Auseinandersetzung mit sich selbst
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Die 25-jährige Naomi aus Australien verbringt der Arbeit wegen ein paar Monate in New York, wo sie als Katalysator für allerlei Reflexionen dient für die wenigen Menschen, mit denen sie zu tun hat. Sie sind in ihren Dreißigern, Vierzigern oder Anfang fünfzig, allesamt unzufrieden, und bei ihnen wohnt der Auseinandersetzung mit dem Leben nicht mehr die Magie des Aufbruchs inne. Diese ist längst einem rückwärtgewandten Blick gewichen, dem Abgleich zwischen Realität und einstigen Träumen.

Als Naomi, gespielt von Emily Browning, zum ersten Mal die Szenerie betritt, steckt sie bereits in (m)einer Schublade. Naomi ist jung und schön. Nicht glamourös oder anmutig, sondern schön wie jene Frauen, die auch überall in Berlin und anderen größeren Städten rumhängen: Sie tragen lässige und gleichzeitig irgendwie mädchenhafte Kleidung, ihre langen Haare sind unordentlich zu einem Knäuel auf dem Kopf zusammen gebunden, die Gesichter symmetrisch, ihre Münder kurz vor Duckface. Frauen wie Naomi haben wahrscheinlich einen Instagram-Account mit perfekten Fotos, auf denen sie umgeben sind von anderen Frauen mit Knäuel-Frisuren und schönen oder doch wenigstens coolen Männern mit Bärten. Würde ich einen Abend an der Seite einer Frau wie Naomi verbringen, wäre ich unsichtbar für andere Menschen, potenzielle Partner oder gar für den eigenen, denn Naomi ist auch noch total nett, interessant und interessiert. Das alles denke ich ab jener Sekunde, in der ich Naomi zum ersten Mal sehe, und damit bin ich nicht alleine.

Auslöser für die Selbstreflexion

Naomi zwingt unbewusst alle Figuren des Films zur Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Leben, das sie führen. Die Männer fühlen sich bedingungslos zu ihr hingezogen, obwohl sie wissen, dass es unangemessen ist. Weißt du, was passiert, wenn so eine Frau einen Raum betritt?, fragt einer. Alle Männer drehen sich nach ihr um, sie ist ein Honeypot für solche Verlierer wie uns, erklärt er.

Das hält den Archivar Nick, für den Naomi als Assistentin arbeitet, dennoch nicht davon ab, an seinem Geburtstag betrunken vor Naomis Türe zu stehen, die ihn, nur im Oberhemd, herein bittet. Selbst als sie sich beiläufig etwas überzieht, handelt es sich lediglich um eine Strickjacke. Zwar schickt sie Nick wieder weg, doch als er sich später zu seiner Frau Alyssa ins Bett legt, riecht diese das Parfum der anderen Frau, und es bleibt offen, was zwischen den beiden tatsächlich geschehen ist.

Bei Alyssa reißt Naomi alte Wunden auf, denn Nick hat sie schon häufiger mit Assistentinnen betrogen. Ihre unverheiratete Schwester Gwen hingegen, beruflich erfolgreich, erinnert Naomi wehmütig an die eigene Jugend. Benebelt von Weißwein bezeichnet sie sich selbst gar als damals noch hübscher und merkt nicht, wie bedauernwert sie dadurch wird. Gwens Assistentin Sam hingegen ist Mitte Dreißig und findet, dass sie deshalb keinen Platz hat, an dem sie sich verorten kann. Als würde das Alter konkrekt bestimmen, wo man steht. Was für ein Quatsch!

Alleinstehend und frei!

Sam ist Single und im Gespräch stellen sie und ihre Schwester Jess fest, dass alleinstehend und frei zu sein in Naomis Situation – jung und aus dem Ausland, mit tausend Möglichkeiten – etwas Positives darstellt, bei Sam hingegen nich, dabei könnte es das sehr wohl! Ja, denke ich, die ich mit meinem eigenen Lebensweg in keine Schublade passe. So wurde ich in den letzten Monaten oft gefragt, wie es angehen kann, dass ich in meinem Alter den Job gekündigt habe, um für ein paar Monate in Japan zu leben. Warum denn nicht? lautete meine Gegenfrage dann immer.

Jess wiederum ist mit Buddy verheiratet, der Naomi noch aus Kindertagen kennt und sich anfangs aus reiner Höflichkeit um sie kümmert. Doch auch hier wird schnell klar, dass er sich zu ihr hingezogen fühlt, er sich von seiner Frau entfernt und am Ende eine Entscheidung treffen muss, als Naomi ihm auf eine Art Avancen macht, die – ähnlich wie mit dem Oberhemd – so unschuldig, zufällig daherkommen, dass man nicht weiß, ob sie intendiert sind oder nicht.

Naomis gibt es überall und für alle

Ich bin froh, dass ich den Film erst jetzt sehe, wo ich Dank diverser Naomis und anderen Erlebnissen bereits einen neuen Weg in meinem Leben eingeschlagen habe. Ich kenne jene Unzufriedenheit der meisten Figuren in Golden Exits sehr gut. Ich weiß um das bittere Gefühl, das entsteht, wenn einstige Träume und die jetzige Realität überhaupt nicht zusammen passen. Wenn man gefangen ist in einem Alltag, den man hasst, jedoch keinen Ausweg daraus findet. Ich kenne die Sorge, neben einer Naomi nicht bestehen zu können. Schließlich kann fast jede andere Person zu einer Naomi werden, wenn man das zulässt. Die Sorge verschwindet jedoch, sobald man genug davon hat, Vergleiche anzustellen, immer nur nachzudenken und endlich Entscheidungen trifft.

Als die Zusammenarbeit mit Nick beendet ist, kehrt Naomi wieder nach Australien zurück und macht im schlimmsten Fall Platz für die nächste. Nun kommt es auf Nick, Alyssa, Gwen, Sam, Buddy und Jess an.

Golden Exits von Alex Ross Perry, mit Emily Browning, Adam Horowitz, Mary-Louise Parker, Jason Schwartzman, Chloë Sevigny und Analeigh Tipton.

14:45 11.02.2017
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