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63. Berlinale Es gibt Tage, an denen man zu häufig Männern beim Sex zugeschaut hat. Heute war so einer
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Joseph Gordon-Levitt ♥ ist natürlich nur in seinem neuen Film "Don Jon's Addiction" ein Wichser

Foto: Maike Hank

Genau vierzig Minuten nach dem ersten Weckerklingeln wache ich davon endlich auch auf. Zum schmerzenden Impfarm addierte sich über Nacht noch ein Impfnacken und der dicke Kater reißt die provisorische Badezimmerlampe vom Schrank, die sich daraufhin in vielen Scherben über den Boden verteilt. Der Tag ist also eigentlich bereits gelaufen.

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Um noch rechtzeitig zur Vorführung von Gustav Deutschs Shirley – Vision of Reality anzukommen, löse ich bei mir einen asthmatischen Zustand aus, der mich bis in den Nachmittag hinein begleiten wird. Im Film werden Gemälde von Edward Hopper zum Leben erweckt und zu Beginn bin ich wirklich fasziniert von deren wundervollen Umsetzung, kann mich nicht sattsehen am Bühnenbild und der Garderobe, am Licht und der seltsam lutfleer anmutenden Atmosphäre. Aber zu schnell nutzt sich das Spiel mit den Farben und der Künstlichkeit ab, denn es passiert einfach nichts. Die Hauptfigur hängt während des ganzen Films ihren Gedanken über Kunst, Film und Politik nach. L a n g w e i l i g sind jene Gedanken, so langweilig und immer wieder stehen Menschen auf und verlassen den Saal. Ich wähle den Weg des geringeren Widerstands und hole ein wenig Schlaf nach – ab und zu wache ich mit geöffnetem Mund auf. Ich muss hier auf jeden Fall noch an meiner Performance arbeiten.

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Während der Lieblingsfreund sich anschließend verabschiedet, um mit Joseph Gordon-Levitt ein Interview zu führen (ich bin ein bisschen neidisch), gehe ich hinüber ins Sony Center, um mir dessen Film Don Jon's Addiction anzusehen, bei dem Gorden-Levitt außerdem die Hauptrolle spielt. Den Aufreißer Jon, der jedoch noch lieber als Sex mit Frauen Sex mit sich selbst hat, während er im Internet Pornos schaut. Hypersensibilisiert durch die aktuelle Sexismusdebatte, ertrage ich es kaum, wie schrecklich Jons Umgang mit Frauen ist, wenngleich es natürlich gerade darum geht, diesen zu parodieren. Für seine Superbraut, gespielt von Scarlett Johansson, deren bewusst tussige Rolle mir ebenfalls sehr weh tut, krempelt er dann sogar sein Leben um und auch dies ist nur eine weitere Karikatur einer Liebesgeschichte. Jons Pornosucht ist ohnehin stärker, das Mädchen kommt dahinter und verlässt ihn. (Hier ein Hinweis: im Zweifelsfall immer den Verlauf des Browsers löschen!) Dank der wie immer zauberhaften Julianne Moore wird aus dem Film am Ende dann aber doch noch ebenjene Schmonzette, über die sich zuvor noch lustig gemacht wurde. Jaha, mit ihr erfährt Jon die wahre, große, tiefe, gegenseitige Liebe und ist von seiner Sucht geheilt, hurra! Mir hätte es besser gefallen, wenn die beiden einfach zusammen Pornos beim gemeinsamen Sexhaben geguckt hätten.

In der abstrusen Hoffnung, auch eine der Darstellerinnen könnte auf der anschließenden Pressekonferenz sein, renne ich durchs Schneegestöber ins Hyatt Hotel, doch 'nur' Joseph Gordon-Levitt ist da, den ich fünf Minuten lang anhimmle, um mich danach gehetzt auf den Weg zu einem Bewerbungsgespräch zu machen. Es gibt ein Meme auf Twitter, das (meist ironisch) den Hashtag #LebenamLimit verwendet. Passt.
Anschließend mache ich zuhause eine Kaffeepause, schreibe und nehme vor allem einen Kleiderwechsel vor. Schluss jetzt mit seriös.

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Abends geht es versehentlich erneut mit einem Film weiter, in dem ein junger Mann ständig Pornos schaut und sich selbst befriedigt. Something in the way von Teddy Soeriaatmadja spielt in Jakarta und dieses Mal gibt es wenig zu lachen. Der schüchterne Taxifahrer Ahmad arbeitet nachts und hat danach mit sich Sex. Im Laufe der Geschichte lernt er seine Nachbarin Kinar, eine Prostituierte, kennen. Und hier passiert nun, was ich mir beim Film zuvor bereits gewünscht habe: die beiden haben Sex während ein Pornofilm läuft und das ist ziemlich sinnlich.
Ahmad verliebt sich in Kinar und möchte sie von ihrem Zuhälter befreien, doch diese Liebe wird nicht erwidert. Weil Ahmad zudem täglich in die Moschee geht, wo er zu hören bekommt, dass Pornofilme Sünde seien und er auch sonst allerlei über Ehre und am Ende gar den Jihad lernt und wir wiederum dadurch von seiner inneren moralischen Zerrissenheit erfahren, wird er zuletzt zum Rächer und bringt auf brutale Weise Kinars Zuhälter um. Er trägt dabei eine Maske und hat einen Hammer in der Hand. Na? Dazu läuft stimmungsvolle Musik und ich fühle mich – bereits zum zweiten Mal in diesem Film – an Drive erinnert.
Das ganze Filmteam ist während der Vorführung anwesend. Es sitzt direkt vor mir und am Ende ist mir schwindelig und schlecht vom schweren Parfum der Hauptdarstellerin. Deshalb, und weil wie immer die Zeit drängt, fliehe ich in den nächsten Kinosaal.

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David M. Rosenthals A single shot erzählt von John Moon (so ein schöner Name!), einem einfachen Mann, dessen Frau sich just von ihm getrennt hat und der auf der Jagd in den Bergen versehentlich ein Mädchen erschießt. Beim Verstecken der Leiche in einem umgekippten Container findet er Geld, das er an sich nimmt, um seine Ehe zu retten. Aber schon bald stellt er fest, dass jene Unbekannten, die er beraubte, auch von seiner anderen Tat wissen und beginnen, ihn zu bedrohen. Es dauert bestimmt eine halbe Stunde, bis ich nicht mehr erwarte, dass jemand anfängt einen Sexfilm zu gucken, dann bin ich endlich vollständig hineingesogen in diese typisch amerikanische Landwelt mäßig gebildeter Menschen, die sich alle irgendwie kennen, selbst gebrannten Schnaps oder Bier aus Dosen trinken und im Diner oder im Motel rumhängen. Alle sprechen so einen tollen Slang, dass der Film zur Sicherheit Englisch untertitelt wurde und Sam Rockwell spielt ihn so wunderbar, diesen bärtigen, schmutzigen John Moon, der mir mit jeder Minute weiter ans Herz wächst. Es ist schlimm für mich, dass er immer mehr in Bedrängnis gerät – aber dies ganz ohne Eile. In der kleinen Rolle eines korrupten, trotteligen Anwalts mit steifem Bein und Alkoholikernase ist außerdem William H. Macy zu sehen und es scheint ein wenig so, als sei diese Figur ein Destillat all jener irgendwie furchtbaren und bedauernswerten Typen, die Macy in seinem bisherigen Leben darstellen durfte.
A single shot ist der erste Berlinale-Film, nach dem ich unbedingt sitzen bleiben muss und mich nach einem kräftigen Schluck Alkohol sehne. Was für ein Finale für diesen Tag!

00:53 09.02.2013
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