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65. Berlinale Keine Panik! Mit Jute statt Baumwolle über Grönland ans Meer in Brasilien
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Foto: Maike Hank

I'm just a girl! Dies hier ist ein Nutzerinnenbeitrag.

Einige erinnern sich vielleicht noch: re! schrieb man früher im Chat, wenn man awfk (away from keyboard) und anschließend wieder zurückgekehrt war. Die anderen antworteten dann in der Regel mit wb (welcome back).

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Hurra, es ist wieder Berlinale! Ich will mich auch gleich der diesjährigen Tasche widmen. Die vom letzten Jahr ist bei mir nach wie vor fast täglich im Gebrauch. Ich nehme sogar in Kauf, sie jetzt zu verwenden, was ungefähr so cool ist, wie mit einem Band-T-Shirt auf das Konzert ebendieser Band zu gehen. Vor allem, weil es sich um die Tasche von vor einem Jahr handelt. Es gibt hier ja durchaus Menschen, die führen die Tasche von vor einigen Jahren spazieren. Das hebe ich mir dann für 2024 auf. Die vom letzten Jahr wird dann nämlich immer noch keinen Kratzer haben. Die Tasche von diesem Jahr fand aber bis dahin gewiss schon auf dem Komposthaufen ihren Weg zurück in die Natur. Sie ist beige mit braunem Aufdruck, aus Jute, hat einen Holzknopf und Baumwollhenkel. Dieser nachhaltige Anstrich ist ein wenig albern, wenn man bedenkt, mit welchen Werbepartner-Aufdrucken sie versehen ist - beispielsweise einem von L'Oréal.

Sie wird jedoch einen wichtigen Zweck erfüllen: endlich habe ich etwas zum Vorzeigen, wenn wieder einmal jemand aus Mitte, Kreuzberg oder Neukölln ahnunglos von Jutebeuteln spricht und eigentlich Baumwollbeutel meint.

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Ich lasse es dieses Mal langsam angehen, bin erst gegen elf Uhr am Potsdamer Platz. Wider Erwarten gibt es noch Tickets für alle Filme, bei denen das Presse-Badge nicht genügt. Das fängt ja richtig gut an!

Ob die Besucher_innen der Eröffnungsveranstaltungen diese Satz auch denken werden? Ich darf mittags schon den Film des Abends sehen. Nobody wants the night mit Juliette Binoche. Ich bin ehrlich gesagt immer noch ein wenig von der Camille-Claude-Verfilmung traumatisiert, in der ich sie vorletztes Jahr hier sah.

Dieses Mal spielt sie Josephine, die Frau des Arktisforschers Peary, die es sich 1908 in den Kopf gesetzt hat, ihrem Mann hinterher zu reisen. Nicht etwa, um mit ihm gemeinsam den Nordpol zu finden, sondern um ihm dabei wenigstens so nahe als möglich zu sein. Denn die beiden haben sich im Laufe von zwei Dekaden Ehe nur ein paar Monate gesehen. Josephine setzt dabei das Leben vieler Menschen aufs Spiel und landet zuletzt alleine in einer Hütte – vor der überraschenderweise die junge Inuit-Frau Kallaka in einem Iglu lebt. Es ist jedoch unerträglich, mit welcher Überheblichkeit sie ihr zunächst begegnet und selbst im stärksten Schneesturm kleidet sie sich als lebte sie nach wie vor in Washington und hängt ihrem oberflächlichen Leben dort nach. Dass Josephine sogar ein Grammophon mit nach Grönland genommen hat, erinnert mich an Jenseits von Afrika. Dort war es ebenfalls ein Symbol der Abgrenzung von den Einheimischen, denen sich die weißen Menschen überlegen fühlen.

Die beiden Frauen haben jedoch mehr gemeinsam als Josephine lieb ist. Achtung Spoiler: sie warten beide auf den gleichen Mann. Die Not schweißt sie jedoch zusammen und so kämpfen beide irgendwann in der ewigen Nacht des Winters im Norden sehr hart ums Überleben. Ach, was soll ich sagen.. Juliette Binoche ist großartig, doch mir ist Josephine den ganzen Film über egal. Sie nervt, ihr verantwortungsloses Handeln kostet viele Menschen das Leben und deshalb finde ich es dann auch unerheblich, ob sie am Ende überlebt. Bei Kallaka verhält es sich anders und das verpasst mir schlechte Laune.

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Der nächste Film hat Angststörungen als zentrales Thema. Hedi Schneider steckt fest ist dennoch auch ein sehr witziger Film mit liebenswerten Figuren und skurrilen Dialogen. Hedi, Uli und ihr Sohn Finn leben sehr harmonisch zusammen in einer schönen Wohnung. Ich mag es sehr, wie die drei miteinander umgehen. Wenn ich mir ein Familienleben wünschte, dann wohl so eines.

Alles wird jedoch kompliziert, nachdem Hedi ihre erste Panikattacke hatte. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sich das anfühlt und fand die Umsetzung sehr realistisch. Was ich jedoch zum Glück nicht kenne, ist das ständige Wiederkehren dieses Zustands.

Der Film erzählt, was das mit der Familie macht. Uli bleibt zum Beispiel ab sofort bei Hedi zu Hause. Sein Lebenstraum - der in zwei Monaten bereits geplante Umzug mit der Familie nach Afrika, wo Uli für eine NGO arbeiten wollte – platzt. Die anfängliche (Für)Sorge wird irgendwann zur Last und Hedi nimmt täglich gleich mehrfach ein Notfall-Medikament, um die Angst nicht zu spüren und um Finn und Uli nicht zu enttäuschen. Und tut es damit dennoch.

"Wie kann das aus mir kommen, wenn das doch vorher gar nicht da war?" fragt Hedi einmal und zeigt die Schwierigkeit einer nicht greifbaren Krankheitsursache auf.

Der Film ist während der ersten beiden Drittel toll. Da wechselt sich Humor und Ernst ausgewogen ab. Gegen Ende geht dieser Rhythmus jedoch ein wenig verloren, und es blitzt nur noch ab und zu das auf, was den Film vorher so außergewöhnlich machte. Und dann ist er auf einmal zu Ende - was ich nicht so befriedigend fand. Das macht aber nichts, denn ich habe nun einen Crush auf Hans Löw, den Darsteller von Uli.

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Bis zum nächsten Film habe ich Zeit und ich gehe endlich etwas essen. 16 Uhr eignet sich dafür hervorragend, denn es ist nirgendwo voll. Ich esse eigentlich kein Fleisch mehr, habe mir aber für japanische Gerichte eine Ausnahmeregel geschaffen. Heute gibt es japanisches Huhn mit Reis und dazu grünen Tee. Während ich im Restaurant sitze, merke ich, dass ich im gleichen Flow bin, wie wenn ich alleine reise. Ich bestimme mein eigenes Tempo, plane den Tag durch, brauche niemanden und niemand will etwas von mir. Ich mag das sehr und bin in diesem Zustand zufrieden mit mir und der Welt.

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Als nächstes schaue ich Beira-Mar. Martins Großvater ist gestorben, deshalb soll er für seinen Vater mit den Hinterbliebenen ein paar Dinge klären. Diese wohnen in einem Küstenort im Süden Brasiliens. Martins bester Freund Tomaz fährt ihn dorthin.

Am Anfang ertrage ich die Kamerafürung nicht. Ständig Unschärfe, Gewackel, die Jungs in Bewegung und nur Ausschnitte zu sehen, dann wieder schöne Einstellungen, ah Erleichterung und wieder alles von vorne. Was auffällig: Fast ständig ist Meeresrauschen zu hören. Das ist schön.

Es passiert wenig. Die Jungs hängen mit anderen Jugendlichen herum, betrinken sich, spielen Tat oder Wahrheit, haben Sex oder auch nicht, rauchen, reden ein bisschen. Oft werden sie auch einfach nur von der Kamera begleitet: ich kann in Ruhe ihre Augen betrachten, ihre Münder, kann ihnen zusehen, wie sie rumhängen und wie sie sich gegenseitig unbemerkt beobachten. Ich bin irgendwann ziemlich hineingesogen in jene sonderbare Stimmung, die durchaus sexuell ist. Eigentlich wartet man die ganze Zeit nur darauf, dass es endlich passiert. Diesen Film würde ich sehr gerne noch einmal sehen - auch um das Meer rauschen zu hören.

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Nachdem ich ein Bier getrunken und den ersten Entwurf geschrieben habe, lande ich mit Sangue Azul schon wieder in Brasilien und am Strand! Dieses Mal kehrt Zolah, der als lebende Kononenkugel arbeitet, mit dem Zirkus wieder zurück auf jene Insel, die als Kind seine Heimat war und trifft dort auf Mutter und Schwester. Mit beiden gilt es, Konflikte zu klären.

Wir tauchen ein in die Welt der Artisten - viele eigenwillige Charaktere - und das einfache Leben der Inselbewohner. Ständig wird getrunken, rumgemacht und nach und nach drehen alle ein wenig durch, werden melancholisch, eifersüchtig, unvorsichtig.

Daran, dass die Kanone, dank der Zolah durch die Mange schießt, ein Phallus-Symbol ist, wird kein Zweifel gelassen. Noch während Zolahs Auftritt angesagt wird, lässt dieser sich hinter der Bühne von Tänzerin Teorema befriedigen. Direkt danach sitzt er auf der Röhre und reckt die Arme in die Höhe.

Der Film beginnt in schwarz-weiß und wird bunt, sobald Zolah zum ersten Mal durch die Manege fliegt. 'Wie in The Wizard of Oz', denke ich, und der Film wird kurz darauf sogar erwähnt, um die Aussage "Das Kino hat einen Ursprung im Zirkus!" mit unterhaltsamen Beispielen zu unterstreichen. (The Wizard of Oz läuft übrigens auch im Rahmen der Technicolor-Hommage auf dem Festival, welch Freude!)

Zolah ist sehr begehrt und hat ständig Sex mit irgendwelchen Frauen. Interessant ist, dass man dabei niemals so recht sein Gesicht und sein Lustempfinden sieht, die Erregung der Frauen jedoch sehr plakativ dargestellt wird.

Wir merken aber, dass Zolah sich zu seiner Schwester Raquel hingezogen fühlt - und sie sich offenbar auch zu ihm. Als die beiden sich gegen Ende des Films im Meer küssen, ist zum ersten Mal auch seine Leidenschaft zu sehen.

Zolah ist zwar die Hauptfigur, dennoch haben die anderen Charaktere mehr Präsenz - vor allem Raquel mochte ich immerzu angucken. Der Film ist zu lang, verliert sich in zu vielen schönen Bildern und überflüssigen Darstellungen fröhlichen Beisammenseins. Dafür dass der Regisseur und einige Darsteller anwesend sind, fällt der Applaus dann auch recht verhalten aus. Ich bin auf jeden Fall zu erschöpft, um noch zum Q&A zu bleiben.

Topic des Tages: Sex.
Erkenntnis des Tages: Breitmachmacker halte sich auch im Kino nicht zurück: Der alte Mann und die Armlehne
Schlimmster Satz im Sitz neben mir: "Du das fand ich gerade so authentisch!"

09:03 06.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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