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64. Berlinale Die Pressekonferenz zu "The Grand Budapest Hotel" ist ein fulminanter Einstieg in den ersten Festival-Tag. Und dann nichts wie weg nach Asien

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Lauter Ärsche
Lauter Ärsche

Foto: Maike Hank

Ich bleibe im Bett liegen und lasse die Vorstellung der Jury sausen. Christoph Waltz wird schon noch zu einem anderen Zeitpunkt in mein Leben treten. Stattdessen muss ich kurz im Büro vorbei. Es ist halb zwei, als ich endlich am Potsdamer Platz ankomme. Ich bin eine der ersten, die den Raum für die Pressekonferenz zu The Grand Budapest Hotel betritt. Schon die Namensschilder vor den leeren Stühlen machen mich nervös und das scheint nicht nur mir so zu gehen. Es finden Kämpfe um Stühle statt, hektisch abgelegte Kleidungsstücke streifen mich, oder ich werde von besitzergreifend in der Gegend herumgeworfenem Gepäck touchiert. Kurz herrscht Krieg. Der Typ neben mir behält stoisch seine Daunenjacke an. Es fühlt sich schlimmer an als auf einem Mittelplatz im Flugzeug.

Kurz vor halb drei hören wir nebenan die Fotografen, die beim sogenannten Photo-Call den Schauspielern zurufen, dass sie in die Kameras gucken sollen. Auf einem Monitor links im Raum kann ich sie bereits sehen: Bill Murray, Tilda Swinton, Edward Norton, Ralph Fiennes, Jeff Goldblum, Willem Dafoe sind es, deren anstehender Auftritt mich aufwühlt. Dabei will ich doch immer ganz abgebrüht sein. But sorry, I'm not sorry: ich bin es eben einfach nicht. Warum? Darum! (Hinter dem Link verbirgt sich die ganze Pressekonferenz.)

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(Es ist Liebe)

Bill Murray kann ja glaube ich nur (noch) eine Haltung und einen Gesichtsausdruck. Sämtliche Fragen beantwortet er, als säße er immer noch in Tokio im Hyatt Hotel und nicht in einer Berliner Dependence. Ich mag ihn trotzdem. Schließlich erfüllt er ja so auch irgendwie sämtliche Erwartungen.

Ich habe einen Crush auf Edward Norton und es gibt eine Szene, die mich jedes Mal emotional fast umbringt, wenn ich American History X gucke. Es ist jener Moment, in dem er als Neonazi Derek, nur mit Unterhose bekleidet, von der Polizei abgeholt wird, und sich umdreht.

Auf Ralph Fiennes habe ich einen noch viel größeren Crush. Es ist unglaublich, wie sehr seine Augen strahlen, während er die Fragen aus dem Publikum beantwortet.

Den allergrößten Crush habe ich aber auf Tilda Swinton. Wie aristokratisch und bescheiden und toll sie die ganze Zeit dort vorne sitzt und kluge, witzige Dinge sagt! Vor ein paar Jahren musste ich ihr aus beruflichen Gründen ein Paket schicken, das ich seinerzeit liebevoll mit ihrer Adresse beschriftete. Ich fand bereits das sehr aufregend. Gerne hätte ich ihr auch letztes Jahr beim Schlafen zugeschaut.

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(aus aktuellem Anlass)

Und dann sind da noch Waldorf and Statler Jeff Goldblum und Willem Dafoe, die gemeinsam ein recht amüsantes Bild abgeben.

*

Erst ein paar Stunden später kann ich endlich meinen ersten Film angucken. In Kumiko, the Treasure Hunter von David und Nathan Zellner folgt Kumiko mit stapfenden Schritten den Pfaden einer selbst gestickten Schatzkarte und findet unter einem Stein in einer Höhle die VHS-Cassette von Fargo. Die Cassette ist nass und die Qualität des Bandes schlecht. Dennoch ist Fargo Kumikos Zuflucht. Der Film lenkt sie ab von ihrer Realität in Tokio, wo sie als Büro-Angestellte arbeitet, stets unglücklich ist und ab und zu Anrufe von ihrer Mutter erhält, die lediglich fragt, ob Kumiko endlich einen Freund hat oder doch wenigstens wieder zurück zur Mutter zieht.

Von Fargo schaut sich Kumiko immer wieder jene Szene an, in der die Figur von Steve Buscemi in der Nähe eines Zauns im Schnee einen Geldkoffer versteckt und die Stelle anschließend markiert. Sie macht sich dazu Notizen, misst Abstände und stickt sich eine neue Schatzkarte. Zu Beginn von Fargo wird schließlich eingeblendet, dass der Film eine wahre Geschichte erzählt.

Als sogar Kumikos Chef fragt, ob sie einen Freund hat, weil andere Frauen in ihrem Alter verheiratet seien oder doch wenigstens alles für ihre Karriere machten, und er dann auch noch wissen möchte, ob sie womöglich homosexuell sei, flieht Kumiko mit der Firmenkrediktarte nach North Dakota, um in der verschneiten Gegend um Fargo den Schatz zu finden.

Der Film nimmt sich viel Zeit, oft genug verharrt die Kamera in einer Einstellung. Die Bilder sind meist wundervoll komponiert, poetisch, ohne jemals kitschig zu sein. Und selbst wenn Kumikos depressiver Gesichtsausdruck gegen Ende des Films etwas nervt, so bleibt doch stets der feine Humor des Films und am Ende das Verschwimmen von Wirklichkeit und .. ja was eigentlich? Es spielt keine Rolle. Wir sehen Kumiko endlich lachen.

Erstaunt war ich, als ich bereits im Vorspann las, dass die Filmmusik von The Octopus Project kommt. Der Film lief auch auf dem diesjährigen Sundance Festival und ich wünsche mir, dass er irgendwann bei uns in die Programmkinos kommt.

Der Bechdel-Test

1. Kommen im Film mindestens zwei Frauen (mit Namen) vor?
Jein. Kumiko trifft eine alte Schulfreundin, deren Name bei der Begrüßung genannt wird, sie spielt aber so gut wie keine Rolle.

2. Sprechen im Film mindstens zwei Frauen miteinander?
Jein. Kumiko telefoniert sehr häufig mit ihrer Mutter, aber richtige Gespräche sind das nicht.

3. Geht es in diesem Gespräch / diesen Gesprächen um (mindestens) ein anderes Thema als Männer?
Nein. Aber es geht den ganzen Film Hauptsächlich um eine Frau, die primär an einem Schatz und nicht an einem Mann interessiert ist.

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Den chinesischen Film Gui ri zi des Regisseurs Zhao Dayong verlasse ich nach etwa 45 Minuten. Mein Vorsatz für dieses Jahr: Keine Quälerei. Bei Filmen, mit denen ich nichts anfangen kann, bleibe ich höchstens noch zum Schlafen im Kinosaal. Dieser Vorsatz macht es mir beim viatnamesichen Film Nuoc von Nguyen-Vo Nghiem-Minh, den ich danach ansehe, schwer. Denn ich bin die ganze Zeit hin und her gerissen, ob ich ihn mag oder nicht. Die Aufnahmen sind toll. Wasser, Erdkrümmung, natürliche, schöne Menschen, die versuchen dem schwierigen Leben aufgrund der klimabedingten Überflutung von Vietnam zu trotzen. Die Handlung wirkt jedoch seltsam übers Knie gebrochen. Schade.

*

Wie in den letzten beiden Jahren gucke ich nach dem letzten Film am Eröffnungstag noch kurz am roten Teppich vorbei, weil die Limousinen bereits Schlange stehen. Neben mir versucht ein Fotograf einen Chinesen zu beeindrucken: "I just took a photograph of the famous German singer Herbert Grönemeyer. Do you know him?" Der Chinese schüttelt den Kopf. "Grönemeyer. He's famous." wiederholt der Fotograf immer wieder, doch der Chinese verneint hilflos.
Kurz darauf betritt eine schwanger Schauspielerin die Szenerie. "She's pregnant. Pregnant is she!" erklärt der Fotograf nun. Danach erzählt er ein paar Italienern, dass George Clooney erst am Samstag da ist und fragt sie ab, ob sie all jene Schauspieler kennen, die ich heute Mittag bereits gesehen habe. Er sagt fälschlicherweise William Dafoe und für mich ist es an der Zeit zu gehen, bevor ich ausfallend werde. Während ich in den Berlinale-Berichten mit meinem Fantum kokettiere und maßlos übertreibe, ist es ihm verdammt ernst damit, immer ganz nah dran zu sein.

Auf dem Weg zur U-Bahn überhole ich eine festlich gekleidete Christine Urspruch. Apropos Tatort: Wann betritt eigentlich Herr Dell meine Berlinale-Welt?

Postscriptum

Ich weiß, keine Witze mit Namen. Aber: Schlobi Tegel.
Und die Frau oben im Artikelfoto hält insgesamt drei Mobiltelefone in Händen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Maike Hank

Die Eulen sind nicht, was sie scheinen.

Maike Hank