Schwerverdauliches Ding

Ernährungswesen Karen Duve hat sich ein Jahr lang durch Kostpläne mit ­wachsendem ethischen Anspruch durchgeknabbert. Nun liegt ihr Bericht vor: "Anständig essen"

Als zu Beginn des Jahres 2010 Jonathan Safran Foers Tiere essen in den USA erscheint und die Menschen reihenweise zum Vegetarismus von mehr oder minder strenger Ausrichtung konvertieren, hat die Autorin Karen Duve eine Idee: Sie will gar ein noch besserer Mensch werden und gleich mehrere Ernährungsformen mit hohen ethischen Ansprüchen leben – jede mindestens zwei Monate lang. Anschließend will sie ihre Erfahrungen teilen, sie ebenfalls als Buch veröffentlichen. Schon während des deutschen Foer-Trubels im Sommer gibt sie Interviews und positioniert sich auf dem Markt. Für Anfang 2011 plant sie gemeinsam mit Foer eine deutsche Lesereise. Am 3. Januar 2011 schließlich erscheint Anständig essen, das Tagebuch eines Selbstversuchs.

Und der sieht so aus: Zu Beginn ernährt sich Duve im Prinzip normal, aber ausschließlich von Bioprodukten. Danach isst sie vegetarisch, ohne Fisch und Fleisch also, noch aber mit Eiern und Milchprodukten. Auf die verzichtet sie bald ebenfalls, lebt vegan von Körnern, Gemüse und Soja. Am Ende wird sie zur Frutarierin, nimmt also nur noch Früchte und Gemüsesorten zu sich, für deren Ernte keine Pflanze zerstört wird.

Einbruch in Hühnerfarmen

Dazu recherchiert sie im Internet, liest Bücher, trifft eine Menge Leute mit unterschiedlichen Haltungen zur Ernährung, bricht mit Aktivisten in Hühnerfarmen ein und geht allen mit ihrem erhobenen Zeigefinger auf die Nerven. Ihre Mitbewohnerin, die einst Kritik an Duves Lebenswandel übte und zu Beginn des Buchs als personifiziertes Gewissen eingeführt wird, tritt als Sidekick Jiminy auf – frei nach dem moralischen Gefährten von Pinocchio. Das kann man witzig finden. Wenn nicht, hat man mit Anständig essen ein Problem. Es muss nicht das einzige bleiben.

„Iss anständig!“ lautet ein Satz, den mancher als Kind häufig gehört hat – gemeint waren gerade Sitzhaltung, der richtige Umgang mit dem Besteck und das Unterlassen vom Spiel mit der Nahrung. Duve aber geht es um die innere Einstellung, um eine achtsame Haltung gegenüber anderen Lebewesen. Das entspricht dem Zeitgeist: Während sich Teile unserer Gesellschaft in der Nietzschen Umwertung aller Werte befinden und sich ethischer Verpflichtungen entledigen, ringen viele darum, anständige Menschen zu sein oder zu werden.

Was das genau bedeutet, liegt jedoch in der Freiheit und Urteilskraft des Einzelnen und so haben die Vertreter der verschiedenen Ernährungsformen auch in Anständig essen ganz unterschiedliche Ansprüche, an deren Spitze jene des belächelten Frutariers stehen, der traurig ist, dass seine veganen Freunde sich ihm nicht anschließen mögen. Wie es mit Duves eigener Moral aussieht, bleibt dagegen lange unklar. Sie wechselt ohne Unterlass die Perspektive, macht sich mal lustig über die gerade gelebte Ernährungsform, mal über die Menschen, die gedankenlos alles essen. In ihren Dialogen mit sich selbst oder anderen tobt sie, knurrt, schnaubt, flucht, ruft wahlweise wütend oder gallig Sätze aus und tritt dabei auch schon mal gegen den Küchenschrank. Was die Ethik betrifft konkurriert sie heimlich mit ihrer Mitbewohnerin. Anstand setzt aber immer Zurückhaltung und Selbstbeherrschung voraus. Erst an Duves Umgang mit ihren vielen Tieren – sie wohnt die meiste Zeit in Brandenburg auf dem Land –, und überhaupt sehr spät im Buch wird daher erkennbar, dass die Autorin nicht bloß auf Quote schreibt und selbst wohl weit weniger polemisch und ungestüm ist als ihr fiktionales Abbild.

Es ist eben heikel, gleichzeitig aufklären und witzig sein zu wollen und die von Duve gewählten Stilmittel wirken sich zu Ungunsten der eigentlichen Botschaften von Anständig essen aus: Um andere Menschen dazu zu bringen, etwas Grundlegendes zu verändern, sollte man sie für sich gewinnen können, einen klaren Standpunkt einnehmen, einen möglichen Weg zeigen. Ernährung ist ein sensibles Thema, Wandel werden hier selten nur aus Vernunft, sondern viel öfter aufgrund von Emotionen vollzogen. Karen Duve gelingt es in ihrem Buch leider nicht, dafür ein inspirierendes Vorbild zu sein. Dabei hätte sie es durchaus verdient: Die wenigstens brächten es fertig, solch ein Jahr zu absolvieren.

Ein weiterer Missklang offenbart sich dem Leser, wenn die Autorin zwar um ein anständiges Verhalten gegenüber Tieren und der Umwelt bemüht ist, dabei jedoch das Wichtigste in diesem Gefüge, nämlich den anständigen Umgang mit sich selbst, außer Acht lässt. Bereits zu Beginn stellt sie klar: „Das stundenlange Zubereiten von Mahlzeiten ist etwas für Tagediebe und masochistische Hausfrauen“ und an dieser Haltung ändert sie im Laufe des Buches nichts. Zwar gibt sie zu, neue interessante Nahrungsmitteln kennenzulernen, aber erst als Frutarierin greift sie mangels Möglichkeiten nicht mehr zu Fertigprodukten, isst aber drei Mal am Tag das gleiche. Die Experimentierfreude, die mit neuen Lebensmitteln und mit der Beschränkung einhergehen könnte, entfällt. Am Ende ist Essen für sie nicht einmal mehr befriedigend, sondern wird zur Nebensächlichkeit.

Empfindsame Pflanzen

Duve trägt in Anständig essen allerdings eine Fülle von Informationen aus vielen Bereichen zusammen, die mit Ernährung und Ethik zu tun haben. Sie berichtet unter anderem über Mastanlagen, Milchproduktion, Einflüsse der Massentierhaltung auf den Klimawandel, über Jäger, Imker, Tierbefreier, Bio-Illusionen, sie räsonniert über die Ähnlichkeit zwischen uns und anderen Lebewesen, schildert die Empfindsamkeit selbst von Pflanzen und gesteht die Unmöglichkeit ein, als Mensch nicht irgendetwas zu zerstören, will man sich am Leben erhalten. Das könnte überzeugen, fehlte es dem reizvoll anmutenden Tagebuchkonzept nicht an Struktur. Viele Themen werden zu beliebig angesprochen. Auch die Einteilung in einzelne Ernährungsphasen dient kaum der Orientierung. Am Ende der Lektüre erhält man kein klares Bild, sondern blickt auf eine unüberschaubare Menge an Informationsfragmenten – und ist schließlich ganz verloren, falls man etwas Bestimmtes nachlesen möchte.

Selbst im Resümee greift Duve noch neue Themen auf, formuliert aber immerhin mehrere Vorsätze für die Zukunft und bewertet sie. Dabei gibt sie zu, dass sie diese weder ethisch überzeugend noch befriedigend findet, die Vorsätze aber wenigstens das sind, was sie tatsächlich auch schaffen kann. Und das ist neben den Informationen dann auch das Wichtige, was man Duves Buch entnehmen kann: Es geht nicht darum, einer bestimmten Ernährungsform zu folgen, sondern ganz allein für sich herauszufinden, was Essen mit Anstand bedeutet.

Anständig essen. Ein Selbstversuch Karen Duve, Galiani 2011, 335 S., 19,95

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