Tag 12 – Ein Buch, das du von jemandem empfohlen bekommen hast

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Vor zwei Jahren bekam ich von der Mutter eines sehr guten Freundes zwei Bücher geschickt. Eines von Håkan Nesser - der einzige Krimiautor, den ich überhaupt lese und über das ich schon mit ihr gesprochen hatte – sowie Fräulein Stark von Thomas Hürlimann. Im Buch liegt heute noch ein zusammengefalteter, hellblauer Briefbogen mit sehr lieben Worten.

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Das Buch erzählt die Geschichte eines Jungen, der erst einmal einen Sommer lang in einem kleinen Ort der Schweiz bei seinem Onkel zu Besuch ist, welcher Stiftsbibliothekar ist. Der Haushalt wird geführt von Fräulein Stark und diese ist es auch, die durchschaut, dass der Junge während seiner Aufgabe, den Bibliotheksbesuchern Filzpantoffeln anzuziehen, den Damen unter die Röcke guckt und auch ganz generell den altehrwürdigen katholischen Gepflogenheiten in des Onkels Welt zu entgleiten droht. Die Mutter des Jungen hieß Katz mit Nachnamen, war offenbar ebenso "unanständig" und so nennt Fräulein Stark den Jungen ab und an einen Katz.
Hier schließt sich der Kreis zur Realität, denn tatsächlich hieß mein zu diesem Zeitpunkt gerade erst verstorbener Kater Herr Katz – sein Name war eigentlich einmal ein anderer gewesen, doch ebendiesen neuen hatte er – Achtung noch ein Kreis – von meinem sehr guten Freund bekommen, dessen Mutter mir hier das Buch..

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Fräulein Stark ist in einer etwas altmodischen Sprache verfasst, passend zu der Welt, von der es erzählt. Es finden sich viele lateinische Zitate darin, der Onkel ist nämlich Prälat und ganz und gar entzückend und unvorhersehbar ist das Ende der Geschichte. Von alleine wäre ich nie auf die Idee gekommen, dies Buch zu lesen. Umso schöner, es dennoch getan zu haben.

"Da jeder Verein, wie mir inzwischen aufgefallen war, eine ähnliche Figur an seine Spitze setzt, nämliche eine Resolute mit hochtoupiertem Haar, kam es mir vor, als würde dieselbe Person immer wieder gegen mich und mein Pantoffellager anrennen. Natürlich war es nicht dieselbe, sondern mit jeder Gruppe eine andere, da aber jede dieser Resoluten in der gleichen Funktion, in der gleichen Haltung, mit den gleichen Gesten und Schritten und Gummischuhen durch den Flur dahergeknirscht kam, streng der Blick, steif der Rücken, die Frisur ein Turm, die Bluse weiß, Krausen am Busen, glockig und grün der Faltenrock, die Waden kräftig, die Nylons dunkelbraun, war ich überzeugt, mehrmals am Tag ein- und dieselbe Gruppenführerin mit einem Paar Schutzpantoffeln ausrüsten zu müssen. Die nächste bitte!
Wieder dieselbe? Nein, nicht ganz. Heute rochen sie, und jede Hochtoupierte roch anders als ihre Vorgängerin, bref, wie der Onkel sagen würde, ohne sich dann im mindesten daran zu halten: Die vielfältige Person, die in allen Varianten stets die gleichen Gummischuhe und die gleichen braunen Nylons trug, brachte an diesem schwüldumpfigen Morgen verschiedene Gerüche mit."

00:46 04.11.2010
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