The Woman Who Fell to Earth

66. Berlinale Tag zwei: Tilda Swinton präsentiert überraschenderweise die Hommage an David Bowie - und wird zum Pannen-Pausenfüller
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The Woman Who Fell to Earth
Tilda Swinton, aus dem Himmel auf den roten Teppich gefallen.
Foto: Andreas Rentz/Getty Images

Als ich am Freitag gegen Mittag den Lieblingsfreund treffe, umarmen wir uns zwar, doch wenden wir unsere Köpfe möglichst weit voneinander ab. Wir sind beide krank und eigentlich total fehl am Platz hier. 'Ich denke schon seit gestern die ganze Zeit an mein Bett' sage ich müde. So ist es dann auch kein Wunder, dass ich den Samstag tatsächlich dort verbringe – eigentlich willens, am Abend wenigstens den japanischen Film Creepy anzusehen. Doch auch daraus wird nichts, und so bleibt dies hier lediglich der Bericht des zweiten Tages.

Stimmung

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Kurzkritik

Midnight Special von Jeff Nichols
Ein Junge mit sonderbaren Fähigkeiten – so kommt zum Beispiel Licht aus seinen Augen, das glücklich macht – wird vom eigenen Vater aus den Händen einer Sekte entführt, die den Jungen anbetet. Eine ab und zu spannende, oft jedoch langatmige Erzählung, und die Geschichte des Jungen interessiert mich nicht wirklich. Am besten ist die subtile Komik während der Auftritte von Adam Driver (vor allem bekannt aus der Serie Girls) als unbeholfener NSA-Mitarbeiter. (3/5)

Europe, She Loves von Jan Gassmann
Für diesen Dokumentarfilm hat der Schweizer Regisseur vier Paare in unterschiedlichen Städten Europas (Dublin, Talinn, Thessaloniki, Sevilla) begleitet und zu einer Art Die Fußbroichs in anspruchsvoll zusammen geschnitten, versetzt mit gut gefilmten Landschaften, hinterlegt mit wunderbarer Musik. Ein sehr intimes Porträt, das anhand vier heterosexueller Paare einen europäischen Gefühlszustand aufzeigen möchte. Ich gebe zu, dass Letzteres nicht ganz gelingt, doch das ist nicht so wichtig, denn im Vordergrund stehen jene acht Menschen, die uns an ihren Leben teilhaben lassen und sich auch nicht davor scheuen, vor der Kamera zu streiten, Sex zu haben, Drogen zu konsumieren. Dabei entsteht jedoch nie ein billiger, unangenehmer Moment, wie sie es in TV-Shows wie Big Brother ständig gibt. Ich kann mir das Ganze auch sehr gut als fortlaufendes Projekt vorstellen.
Am Ende stellt sich heraus: die Paare waren während der Vorführung anwesend (sie sahen den Film zum ersten Mal!), kommen nach vorne und beantwortenFragen, was sich sehr sonderbar anfühlt. (4/5)

The Man Who Fell to Earth von Nicolas Roeg
Ich kannte den Film mit David Bowie nicht, und es dauert eine Weile, bis ich mich an jene sonderbare Stimmung und Erzählform, wie ich sie häufiger in Filmen der 70er Jahre erlebe, gewöhnt habe. Thomas Jerome Newton reist als Außerirdischer auf unsere Welt, um Wasser für seinen Planeten zu finden. Die Mechaniken von Macht und Kapitalismus durchschauend, baut er ein Firmenimperium auf, um ein Raumschiff für seine Rückkehr nach Hause zu bauen, zerbricht jedoch an der Unmenschlichkeit, die ihn umgibt. Der Film lebt von Bowie, an dem ich mich nicht sattsehen kann und fängt sich jedes Mal zum Glück schnell wieder, wenn ich mit einer Szene nichts anfangen kann. Jedes Mal, wenn Newton von mehreren Fernsehgeräten umgeben ist, um möglichst viele Informationen aufzunehmen und gleichzeitig deshalb durchzudrehen scheint, fühle ich mich an mich und meine vielen Informationskanäle erinnert. Klar ist: ich möchte mir diesen Film auf jeden Fall noch einmal in Ruhe ansehen. (4/5)

Sexy

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Aber: In The Man Who Fell to Earth gibt es eine gegen Ende eine Sex-Szene, in der David Bowie vollständig nackt zu sehen ist und dazu läuft ein Stück, das ich bis dato nur von Dorffesten und schrecklichen Altherren-Band-Interpretationen kannte: Hello Mary-Lou. Ich weiß noch nicht, wie ich diese Impressionen verarbeiten soll.

WTF?

Mir ist aufgefallen, dass immer mehr Menschen nicht nur Fotos von Begebenheiten machen, sondern Selfies, in der das eigentlich wichtige im Hintergrund passiert. So gesehen bei den beiden, die Meryl Streep vorgestern die verhängnisvolle Frage nach ihren Eindrücken von Filmen aus der arabischen Welt und Nordafrika gestellt hatten und bis zum Beginn der Pressekonferenz ein Selfie nach dem anderen schießen. Oder bei einem Fotografen, der mit riesiger Kamera bei der Pressekonferenz in der ersten Reihe steht und mit Selfie-Stick und Mobiltelefon ein Foto von sich im Gewühl und den noch leeren Stühlen der Stars macht. Oder bei der Frau, die beim Screening von The Man Who Fell to Earth direkt neben mir sitzt und sich - als Tilda Swinton die Bühne betritt - sofort umdreht und ein Foto von sich mit der Bühne im Hintergrund macht. Es ist, als genügte es nicht mehr, nur das Erlebte zu fotografieren, sondern als bedürfe es für den Beweis, wirklich dabei gewesen zu sein, die Platzierung der eigenen Person im Bild, ja man selbst gerät sogar in den Vordergrund, wird wichtiger als das eigentliche Ereignis. Ich habe diesen Impuls (noch?) nicht und will mir nicht anmaßen, das zu verurteilen. Ich bin schließlich auch schon für ein privates Projekt mit Selfiestick durch Japan marschiert und habe mich gefilmt, während ich flüsternd ein Musikstück lipsyncte (Wort bitte selbst nachschlagen).

Japan

Eigentlich wollte ich nicht nur Creepy, sondern auch Doris Dörries Film Grüße aus Fukushima sehen. Stattdessen ist das Japanischste, was mir am Freitag widerfährt die wiederholte Begegnung mit Menschen, die einen Mundschutz tragen. Hier ein befremdliches Bild, in Japan ein normaler Anblick, und ich weiß solch einen Mundschutz mittlerweile sehr zu schätzen. In Berlin würden die Menschen jedoch von mir abrücken, trüge ich zurzeit einen. Deshalb ist es mir unangenehm, dass ich so viel huste und schnupfe und andere damit belästige. Gleichzeitig möchte ich mich nicht erneut anstecken, denn ich bin mittlerweile seit drei Wochen erkältet, lag zwischendurch immer wieder arbeitsunfähig im Bett, und sehne mich sehr danach, wieder gesund zu sein.

Lobhudelei

Tilda Swinton präsentiert gemeinsam mit dem Sohn des Regisseurs Nicolas Roeg und Festivaldirektor Dieter Kosslick die Vorführung von The Man Who Fell to Earth. Das passt so unglaublich gut, dass mir Tränen in die Augen schießen, dennoch ist darauf ist niemand vorbereitet, und der Jubel des Publikums fällt riesig aus. Swinton erzählt von ihrem persönlichen, ganz schön unglaublichen Bezug zu dem Drehbuch des Films, und geht dann zu ihrem Platz. Dies ist der Moment, in dem ich den Atem anhalte, denn ich sitze direkt am Gang, den sie entlang läuft.

Als der Film beginnen soll, fällt der Ton aus - und es dauert etwa zwanzig Minuten, bis das Problem behoben ist. In der Zwischenzeit wächst die Schlange vor Tilda Swintons Sitzplatz: immer mehr Menschen möchten mit ihr sprechen und sich vor allem gemeinsam mit ihr fotografieren. Ich bewundere Swintons Lässigkeit und Entspanntheit. Ruft zwischendurch sogar in den Raum, ob man nicht mal wieder Musik - vorher lief ein Bowie-Best-Of - anmachen könne, und verbreitet eine positive Stimmung, als könnten wir alle hier eine große, gemeinsame Party haben. Sie wirkt fröhlich, unterhält sich freundlich, posiert für Fotos. Ich bin in solchen Situationen sehr gehemmt, möchte niemanden belästigen, kann mich selbst auf Presse-Veranstaltungen, die eigens darauf ausgereichtet sind, dass wir Selfies mit den eingeflogenen Serienstars machen, kaum dazu überwinden. Wenn einer meiner Lieblingssänger (Brett Anderson) während des Konzerts ins Publikum geht, um sich von allen anfassen zu lassen, weiche ich zurück, anstatt ihn zu berühren. Ich will schließlich auch nicht von Fremden angesprochen oder gar angefasst werden.

Konsum

Kaffee mit Milch, Fencheltee, Leitungswasser, Laugenbrezel, Schokopuffreis, mit Cheddar belegtes Mehrkornbrötchen, Kohlrabisalat, 2 Äpfel, 5 Packungen Taschentücher, 2 Asprin Complex.

12:12 14.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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