Virtuelle Verliebtheiten #01

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich schreibe schon einige Jahre lang ins Internet und verfolge seither die Entwicklung von Blogs und deren unterschiedliche Ausrichtungen sowie die Intentionen der einzelnen Betreiber und Autoren. Und während an den meisten Stellen Fach- und Themenblogs gelobt und bevorzugt werden, gilt mein Hauptinteresse immer noch den ganz privaten, oft kleinen Weblogs, von denen manche gerne fälschlicherweise als Tagebuchblogs abgetan werden, obwohl sie gar keine banalen Erlebnisaufzählungen zum Inhalt haben, sondern vielmehr Einblick bieten in andere Leben, Sichtweisen und Herzen. Einige davon möchte ich hier nach und nach vorstellen.

„Die Vigilien sind eine unregelmäßig, nach Lust und Laune aktualisierte Webseite ohne Absichten. Hier werden keine Geschäfte betrieben und keine Meinungen gebildet.“ schreibt der Autor Ronnie Vuine über sein Blog, dem er, wenn überhaupt, folgendes Thema zuweist: „Wie schwer es ist, richtig zu leben, und wie es doch gehen könnte, bemüht um einen aufrechten Gang und einen schüchternen Blick, es ist mehr zu erahnen als zu wissen, wie es gehen könnte. Man muß aufmerksam sein; überhaupt irrt man sich dauernd.“
Benannt ist es nach einer Erzählung von Stanislaw Przybyszewski und schon dies lässt erahnen, dass einen keinesfalls alltägliche Nichtigkeiten erwarten, so man sich an die Lektüre seiner Texte begibt.

An den Vigilien verehre ich die inhaltliche Vielschichtigkeit, die Klugheit der Texte, die so sehr aufmerksamen Beobachtungen von Menschen, Städten und Begebenheiten, mich an Proust erinnernde, detaillierte Beschreibungen der Dinge, welche vom Autor in emotionale, kulturelle, philosophische Kontexte gesetzt werden.
Ganz schön altmodisch, mag man meinen - doch ganz im Gegenteil gibt es auch genügend Einträge, die ganz dicht dran sind an aktuellen Themen. So findet man eben auch eine Technologiekritikkritik, welche sich auf einen vor einigen Wochen veröffentlichten Text von Kathrin Passig bezieht, sowie einen Kommentar zum seinerzeit publizierten sogenannten Internet-Manifest, einen Text zum WUMS! der Grünen und auch einen zum Zugangserschwerungsgesetz samt Piratenpartei. Ronnie Vuine schreibt gar über die Feuchtgebiete - niemals hätte ich gedacht, dass er so was überhaupt lesen würde und bereits der Textanfang verdeutlicht, dass man sich warm anziehen muss, wird man von ihm rezensiert:
„Die Konkurrenz in meinem Bücherregal ist ungleich härter als im Fernsehen, und bei der Beurteilung von Büchern bin ich rücksichtslos. Wer ein Buch schreibt, das ich lese, muß mich kennen, wir müssen zwei von einer Art sein, der Autor und ich, und wenn er mich verkennt oder verwechselt, werde ich wütend. Wenn sich jemand traut, ein Buch zu machen, gibt es keinen Vorschuß, nicht mal für Charlotte. So bin ich.“

Den Gegenpol zur hier demonstrierten Härte liefern Texte wie jener, in dem Ronnie Vuine verrät, wie er Menschen in der S-Bahn dazu bringt, sich zu küssen. Und wer sich aufmerksam durch die Vigilien arbeitet, findet irgendwo, ganz unscheinbar, die Telefonnummer von Orson Welles.

Postscriptum: Tiefebbefrostgebiet

18:18 27.01.2010
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