Von der Mutter verlassen

67. Berlinale Depression, Drogensucht, Überforderung – es gibt verschiedene Gründe dafür, dass die Mütter in gleich mehreren Filmen der Berlinale das Handtuch werfen.
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Zu den wiederkehrenden Themen, die mir in den letzten Tagen auf der Berlinale begegnet sind, ohne dass es vorher immer absehbar war, gehört das Narrativ der Mutter, die ihr Kind im Stich lässt. Ich habe und will keine Kinder, aber immer, wenn ich darüber nachgedacht habe, schwang eine Angst in mir, der Verantwortung womöglich nicht gewachsen zu sein und irgendwann einfach davon zu laufen, wieder ein Mensch mit Freiheiten, ohne zu viele Verpflichtungen sein zu wollen.

So weit wäre es vermutlich nicht gekommen, doch ich erinnere mich noch an eine erhitzte Debatte, die vor noch gar nicht so langer Zeit stattfand, als sich Mütter dazu bekannten, dass sie eigentlich gar nicht so richtig Lust auf das Muttersein hätten. Wobei ja der interessante Punkt vielmehr der ist, warum das nach wie vor bei Vätern so gut wie nie in Frage gestellt wird. Hier wird es einfach akzeptiert, wenn diese sich ihrer Rolle entziehen und sie erhalten Beifall, wenn sie sich ein Mal in der Woche zwei Stunden lang ins Vatersein hinein stürzen.

Zu jung und zu dunkel im Herzen

Im Film Barrage der Regisseurin Laura Schroeder, kehrt Catherine nach zehn Jahren zurück an den Ort, wo ihre Mutter Catherines Tochter Alba aufgezogen hat. Nach und nach erfahren wir, dass Catherine Depressionen hat und nicht einmal weiß, wer Albas Vater ist. Wir erahnen ihre Überforderung mit der frühen Mutterschaft und während sich die beiden sehr langsam annäheren, erkennen wir, dass es noch eine weitere Ursache für Catherines Flucht gibt: Alba wird von Catherines Mutter Elisabeth professionell im Tennis trainiert, und in all der Freudlosigkeit und dem Ausgeliefertsein des Mädchens während es Bälle schlägt, Vitamintabletten verabreicht bekommt und Konditions- und Kraftübungen macht, spiegelt sich Catherines Kindheit wider, die damals auch auf diese Weise trainiert wurde. Da wächst Verständnis für die junge Mutter, das jedoch erneut bröckelt, als Catherine mit Alma einen Jahrmarkt besucht und sich dort lieber mit einem Mann betrinkt, als sich um ihre Tochter zu kümmern, und Alma später auch nachts alleine zuhause lässt, weil es sie fort zieht. Das ist nur schwer auszuhalten.

Alleinerziehend und überfordert

Ganz ähnlich geht es mir mit Honki de amu toki wa der Regisseurin Naoko Ogigami. Hier wird die kleine Tomo von ihrer alleinerziehenden Mutter im Stich gelassen, in einer unaufgeräumten Wohnung, mit ein paar Geldscheinen auf dem Tisch. Gegen Ende des Films erklärt sie sich weinend, sagt, sie brauche eben ab und zu eine Pause, das sei doch nicht zu viel verlangt von einer Mutter – als könne man sich aus der Verantwortung einfach ausklinken.

Depressiv

In einem anderen japanischen Film – Yozora ha itsu demo saikou mitsudo no aori da von Yuya Ishii – erfahre ich erst sehr spät, warum die weibliche Protagonistin Mika so tut, als habe sie keine Lust auf Liebe und Nähe, indem sie sich besonders ruppig gibt und Menschen absichtlich ständig vor den Kopf stößt. Als sie dann nach Hause fährt, um Vater und Schwester zu besuchen – der sie an den Kopf wirft, wie hässlich es sie mache, gerade frisch verliebt zu sein –, stellt sich heraus, dass die Mutter nicht mehr lebt. Mika ahnt, dass sie sich das Leben genommen und die Familie im Stich gelassen hat, doch der Vater beharrt darauf, dass sie an einer Krankheit gestorben sei. Mika formuliert irgendwann ganz deutlich, wie wenig Sinn Beziehungen machen, weil man im besten Fall ein paar Jahre mit der einen, dann mit der nächsten Person zusammen sei und so weiter und so fort. Dass man eben doch immer irgendwann verlassen würde.

Auf Drogen

Auch in Mr. Long von Regisseur Sabu gibt es eine Mutter, Lily, die sich nicht um ihren kleinen Sohn kümmert. Sie kommt aus Taiwan, wohnt in einer zugemüllten Wohnung in einem Vorort von Tokio, arbeitet als Prostitutierte und konsumiert Heroin. Das Verständnis für Lily wächst erst, als wir mehr über sie erfahren, sehen, dass sie nicht nur von den Drogen, sondern auch ihrem Zuhälter abhängig ist, der den Vater ihres Sohnes umgebracht hat, weil er durch die Schwangerschaft seine Ware für Monate nutzlos gemacht hat. Immer wieder versucht Lily, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, Long hilft ihr dabei, und gegen Ende scheint es sogar zu gelingen. Doch wieder holt sie ihr Zuhälter ein, vergewaltigt sie und verabreicht ihr Heroin. Am Ende bleibt aus ihrer Sicht nur der Suizid, vielleicht auch in der Hoffnung, ihren Sohn auf diese Weise von sich zu befreien.

Unfreiwillig getrennt

Zuletzt gibt es in Maudie von Aisling Walsh eine weitere Perspektive. Dieses Mal wächst die an Arthritis erkrankte Maude mit dem Wissen auf, dass ihr Kind verkrüppelt und tot zur Welt kam, und deshalb sofort nach der Geburt beerdigt wurde, ohne dass sie es zum Abschied in den Arm nehmen konnte – ein schmerzhafter Teil ihres Lebens. Erst recht spät erfährt sie, dass Tante und Bruder sie seinerzeit belogen haben, weil sie dachten, Maudie sei aufgrund ihrer Krankheit nicht in der Lage, für ein Kind zu sorgen, und die Tochter verkauft haben. Und so sehen wir Maude dabei zu, wie sie aus sicherer Entfernung ihre mittlerweile Erwachsene Tochter beobachtet, und dankbar dafür ist, dass sie lebt und gesund ist. Sie ist wunderschön!, sagt sie, belässt es jedoch beim Blick aus der Ferne.

Es ist kompliziert

Beziehungen zu Müttern (und auch Vätern) sind nicht immer so rund wie man es erwartet, stattdessen voller Konflikte. Von den Eltern im Stich gelassen zu werden, stelle ich mir als besonders tiefe, geradezu archaische Verletzung vor. Elterliche Liebe und Zuneigung ist in meiner Wahrnehmung ein sehr starker Wunsch, der nicht so schnell aufgegeben wird. Was dazu führt, dass Kinder ihren Eltern vieles verzeihen. Umgekehrt übrigens auch.

Ich rufe auf jeden Fall nun schnell meine Mutter und meinen Vater an, um sie zu fragen, wie es ihnen geht. Bei uns bin nämlich ich diejenige, die fortgegangen ist – zumindest räumlich.

12:45 17.02.2017
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