Was? Keine Kapern?

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Am zweiten Weihnachtstag telefonierte ich mit der Verwandtschaft und ein Cousin erzählte mir am Telefon von einer alten Werbung für das Getränk Frauengold, das die Frauen damals friedlich stimmen, also in erster Linie – ähnlich wie auch Klosterfrau Melissengeist – betrunken machen sollte. In Frauengold befand sich zudem laut Wikipedia ein krebsfördernder und nierenschädigender Stoff. In den 1960er Jahren stieg offenbar die Nachfrage nach solchen Produkten, weil diese die Doppelbelastsung durch Haushalt und Beruf vermeintlich erleichtern konnten.






Seit ich den Spot gesehen habe, ist "Was? Keine Kapern?" bei mir zu einem geflügelten Wort geworden. Und auch "Hallo? Frauengold nehmen!" taucht so manches Mal in meinem Sprachschatz auf.

Während ich an Weihnachten über diese Werbung und auch den Folgespot nachdachte – und mir kaum vorzustellen vermochte, dass dies die Welt war, in der meine Eltern aufgewachsen sind – fiel mir ein Buch ein, das bei meiner Oma im Regal stand. Als ich nun vor ein paar Wochen dort war, habe ich es eingepackt und überlege seither, wie und ob ich darüber überhaupt schreiben kann. Denn ähnlich wie bei der Werbung, bringt es mich zwar zum Lachen, doch was bleibt, ist ein deprimierendes Gefühl. Es heißt Mach mich glücklich! und ist von 1959.

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"Ein Aufklärungswerk, das nicht enttäuscht. Intime Fragen und Antworten, über die man sonst nicht spricht."

Zwar tut das Buch so, als behandle es Mann und Frau gleichwertig, der Autor unterstellt den Frauen, sie seien emanzipiert und er beleuchtet durchaus auch die Aufgaben und Pflichten des Mannes. Aber es ist beinahe egal, an welcher Stelle man das Buch öffnet und darin liest, die Texte erscheinen grotesk und zum Teil gar menschenverachtend, wenn beispielsweise Homosexualität oder vermeintlich abnormale sexuelle Bedürfnisse angesprochen werden. Ich kann mir dennoch sehr gut vorstellen, dass gerade die Kapitel, die sich mit Sexualität ("Der männliche und der weibliche Körper und ihre Liebesorgane", "Das Liebesspiel") großer Beliebtheit erfreuten.

Das Buch beinhaltet zudem ein paar Seiten mit Bildern und recht absurden Unterschriften.

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"Gleichberechtigung und biologische Gesetze

Diese Tatsachen gelten auch heute noch, wo so viele Frauen ebenfalls einen Beruf ausüben und zur Ernährung der Familie beitragen. Da die Zivilisation der Frau Aufgaben zugewiesen hat, die sie kaum meistern kann – wir werden das noch eingehend begründen – muß ihr Liebeserlebnis, wenn sie nicht verkümmern will, um so inniger und nachhaltiger sein. Wie weit auch die "Gleichberechtigung" von Mann und Frau noch getrieben werden wird, ja sogar wenn die Frau tatsächlich einmal die Leitung des Staatsgeschicks übernähme..., niemals wird deshalb das biologische Gesetz außer Kraft treten. Immer wird die Frau körperlich schwächer als der Mann und trotzdem liebesbereiter und liebeskräftiger sein als er! Wo in einer Ehe das nicht der Fall ist, sollte der Gattte mit sich zu Rate gehen, ob er wirklich alles getan hat, um seiner Frau Erfüllung zu schenken."

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"Die selbstbewußte Frau

Die selbständig und selbstbewußt gewordene Frau neigt dazu, in der Ehe das Zepter zu führen. So weit, so gut, wenn das bedeutet, daß der mit Arbeit zumeist überhäufte Gatte dadurch entlastet wird und keine allzu krassen Eingriffe in seine Sphären vorkommen. [...] Nein, ich spreche hier von der normalen Ehe, in der Mann und Frau ihre traditionellen Rollen und Pflichten haben. In einer solchen Normalehe sollte sich die Frau in den rein männlichen Aufgabengebieten der Führung ihres Gatten anvertrauen, wie auch der Mann in den rein weiblichen Gebieten der Frau die Führung zugestehen wird. [...] Gewiß kann und soll die Frau dem Gatten auch in geschäftlichen Dingen raten; alle seine Entscheidungen aber zu kritisieren oder ihm (unvermeidliche) Fehler dauernd vorzuhalten, ist die sicherste Methode, eine Ehe zu ruinieren."

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"Die Frau will es nicht wahrhaben...

In meine Praxis kommen immer mehr Frauen, die mit den harten Tatsachen des modernen Lebens einfach nicht mehr fertig werden. Es ist oft erschütternd, sie anzuhören. "Sagen Sie doch, Herr Doktor, daß es nicht wahr ist!" bat mich erst kürzlich eine von ihnen flehend. Sie hatte einen Film über Hiroshima gesehen. [...] Wenn Frauen die Zusammenhänge zwischen dem Tod ihrer Männer und Söhne in Kriegen und gewissen Börsenmanövern oder die Hintergründe wohltätiger Stiftungen und die Art der Verwendung von Stiftungsgeldern kennenlernen, wenn sie erfahren, wie viele Heilmittel die Gesundheit beinträchtigen, damit ihre Hersteller in Freuden leben können und Macht ausüben; wenn sie herausfinden, wie viele Helden der Nation in Wahrheit Verderber des Volkes gewesen sind, dann ziehen sie daraus den Schluß, daß der Mensch und alles in der Welt von Grund auf schlecht sei. Dagegen macht sich der aufrechte Mann daran, die Dinge zu bessern. Das ist nun der Frau dank ihrer noch immer viel schwächeren Position in der Gesellschaft versagt. Sie flüchtet in Resignation und glaubt zum Schluß gar nichts mehr. Das ist auch der Grund dafür, daß Frauen "Stücke und Bücher mit schlechtem Ausgang" (abgesehen von den "schönen Tränen" nach einem Rührstück) nicht mögen. Emile Zola, Fedor Dostojewski oder Knut Hamsun sind trotz ihres hohen dichterischen Ranges beim weiblichen Geschlecht denkbar unbeliebt. Sie haben nicht nur unhaltbare Zustände gegeißelt und Gesellschaftsformen angegriffen, sondern die Beweggründe des menschlichen Tun und Handelns so bloßgelegt, daß die Leserinnen Abscheu vor sich selbst bekamen.

Soll die Frau "unwissend" gehalten werden?

Kenner der weiblichen Psyche wünschen daher, daß man der Frau die Kenntnis der Greueltaten, Korruptionen, Perfidien und Schurkenstreiche erspart, damit sie nicht unheilbaren Schaden an ihrem Gemüte nähme und daß man ihr auch die Einsicht in die Tücken des menschlichen Charakters vorenthalte. [...] Tatsächlich ist die Durchschnittsfrau ja von konsequenter Überlegung frei. Sie lebt zum Teil noch vegetativ. [...]"

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"Höchster Wunsch der Frau: Geborgenheit

Nein, der Fortschritt hat ihnen nichts Beneidenswertes gebracht. Sie mögen über die Abhängigkeit der Großmütter von den Großvätern die Achsel zucken und ihre gewonnen Freiheiten rühmen. Aber am Grunde ihres Herzens beneiden sie die frühren Frauengenereationen um ihrer Geborgenheit willen. Sie beneiden sie aber im stillen auch darum, dass sie so behütet waren. Vor fünfzig Jahren trugen die Männer ihre Kämpfe noch unter sich aus. "Das ist nichts für Frauen", sagten sie, wenn etwas Schmutziges oder Widerwärtiges ans Tageslicht kam, und verschlossen die Türen. Sie mochten ihre Frauen oft wie Kinder behandeln, und die emanzipierten Geschöpfe von heutzutage sehen das als entehrend an. Aber dafür bewahrte die Frau ihre Kindlichkeit – unter Umständen ein ganzes Leben. [...]"

Gut ging es mir nicht, während ich all dies abtippte. Und vor kurzem stieß ich im Netz auf eine Seite mit gar seltsamen alten Werbeanzeigen:

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Natürlich ist es mir nicht egal, wie die Situation für uns Frauen heute ist. Aber ich möchte nicht immer hören, dass sich nichts geändert hat seit damals und stattdessen auch einmal ein wenig optimistisch in die Zukunft blicken. Ich bin trotz vieler Widrigkeiten glücklich, jetzt zu leben.

Feiern möchte ich den heutigen Tag mit einem Stück von Beth Ditto. Jörg Augsburg hat hier bereits über ihre neue Solo-EP geschrieben, die mich in ihrer wundervollen Discohaftigkeit im Gegensatz zu den Gossip-Stücken so gar nicht nervt. Und weil das hier ein Blog ist, kann ich es mir grinsend erlauben, auch auf den Artikel in der Zeit zu verlinken, wo man sich das Stück anhören kann, dem ich seit gestern völlig verfallen bin: Open Heart Surgery.

Alles Liebe zum Frauentag, Ladies!

20:07 08.03.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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