Die Erklärung 2018 braucht eine Antwort

Antwort Rechtsabbieger um Lengsfeld, Broder, Tellkamp und Sarrazin sammeln Unterschriften. Wir auch
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Die Erklärung 2018 braucht eine Antwort

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Es ist wichtig, nicht zu schweigen.

(Die folgenden Sätze geben die Meinung der Autorin wieder - mit dem WIR meint sie einige ihrer engen Freunde und sich - es bezieht sich nicht auf alle Unterzeichner der Antwort 2018.)

In einem Interview behauptet Vera Lengsfeld, die Initiatoren und die ersten 2018 Unterzeichner der Erklärung 2018 seien die "Mitte der Gesellschaft". Das sind sie nicht. Die Mitte ist nicht rechts. Aber sie gehören zu Deutschland und sind Teil dieser Gesellschaft. Geübt verschaffen sie sich Gehör. Sie haben sich in Internetkreisen und im realen Leben versammelt und gesammelt. Wir haben das gesehen und gewusst. Als gute Gutmenschen haben wir mit ihnen diskutiert - wenn das denn ging - oder sie ignoriert oder geächtet, jeder von uns nach seiner Fasson.

Pegida und AFD, nicht wenige haben gedacht, die verschwinden schnell von selbst. Mit denen zu reden, das gilt unter Linken als ein wenig eklig, anstößig und ist auch für viele Konservative und Liberale durchaus nicht opportun. Oft ist es auch wirklich sinnlos. Wer lässt sich schon gern als Links-Faschist und Deutschlandhasser beschimpfen.

Die intellektuellen Fürsprecher der "Merkel-muss-weg"-Demonstranten zeigen jetzt einmal mehr, wie ernst zu nehmen sie sind. Ihre Erklärung ist eine politische Provokation und auch als solche gedacht.

Wir widersprechen ihnen, wir sind nicht der Meinung, dass in Deutschland - wie es in der Erklärung 2018 unterstellt wird - keine rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen herrscht, eine solche also wiederhergestellt werden müsse.

Wollt ihr neue Mauern und einen Schießbefehl?

Wir widersprechen ihnen, wir sind nicht der Meinung, dass es eine "illegale Masseneinwanderung" gäbe, der uns die Regierung schutzlos ausgeliefert hätte.

Wir dagegen sind überzeugt, dass es unwahre Behauptungen wie diese sind, die der Demokratie und dem friedlichen Zusammenleben in unserem Land Schaden zufügen.

Tatsächlich, die deutsche Gesellschaft ist gespalten. In Arm und Reich, Alt und Jung, Ost und West, Schon-lange-hier-Seiende und Gerade-Angekommene. Die Menschen konkurrieren um Arbeitsstellen, Wohnungen und an den Tafeln auch ums Essen. Das alte Einheitsfrontlied lasst grüßen: "Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zum Essen bitte sehr, es macht ihn ein Geschwätz nicht satt, das schafft kein Essen her." Die große Mär, dass jeder seines Glückes Schmied sei, lässt viele verstummen und nach denjenigen suchen, die ihnen den Amboss und Hammer gestohlen haben. Wenn vom "kleinen Mann" die Rede ist, dann bekommt der kleine Mann beim Zuhören große Wut. Angstmache als Prinzip wie bei Hartz IV, Entwertung von Biografien und geraubte Existenzgrundlagen haben besonders im Osten für ganz neue Andersdenkende gesorgt. Die wirkliche und die gefühlte Abwesenheit von Gerechtigkeit führten auch bei vielen Bürgern aus dem sogenannten Mittelstand zu einer Dauerfrustration. Das alte Betriebsgebäude, in dem sie jahrelang gearbeitet haben, verrotten sehen, lässt Menschen weinen. Jemand muss schuldig sein. Existenzangst trübt jeden Blick. "Das Wenige, das wir haben, wollen wir behalten. Wir wollen auch nicht teilen. Uns hat niemand gefragt." Die Begründungen für Besorgnis, Angst, Wut und sogar Hass sind vielfältig. Noch einmal: Jemand muss schuldig sein, das ist die einfachste Antwort. Und einfache Antworten sind populär.

Auch deshalb werden in Deutschland von Deutschen wieder die Menschen zu Sündenböcken gemacht, die sich am wenigsten wehren können: Geflüchtete, Migranten. Ganz unter dem Motto "Brot Panzer für die Welt, die Wurst für uns". Für viele Menschen sind sie bereits die Sündenböcke. Dem müssen wir uns entgegenstellen. Die gespaltene Gesellschaft bildet direkt den Zustand der Welt ab. Das gehört ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Deutsche Waffenexporte vermehren unseren Wohlstand und das Elend auf der Welt. Millionen Menschen auf der ganzen Welt sind auf der Flucht. Die meisten Geflüchteten leben außerhalb Europas. Viele von ihnen in schrecklichen Verhältnissen. Die Augen zuzumachen und an Grenzen Mauern zu bauen, das ist keine Lösung. Nein, wir können nicht für die ganze Welt eine Heimat sein. Aber unsere Verantwortung endet nicht an einer Grenze. Nicht jeder hat das Glück, hier geboren zu sein.

Die Integration, der zu uns gekommenen vielen Menschen, ist schwierig. Es fehlt an preiswerten Wohnraum, es fehlt an Kursen, es fehlt an Lehrern, es fehlt an Erfahrung. Es fehlt oft an den richtigen Regeln. Es fehlt manchmal an der Durchsetzung von Gesetzen. Das ist aber nicht die Schuld derjenigen, die zu uns gekommen sind und die unsere Hilfe und Unterstützung brauchen.

Die große Mehrheit der zu uns Gekommenen versucht unter großer Kraftanstrengung, bei uns eine neue Heimat zu finden. Manche auf Zeit, andere für immer. (Dabei zu helfen, das wäre doch eine Aufgabe für das neugeschaffene Heimatministerium.) Für die Neuen ist alles neu, alles ist anders. Sprache, Kultur, sogar das Wetter. Bomben und Krieg, Hunger und Not vergessen sie nicht, nur weil sie jetzt in Sicherheit sind. Das bleibt als psychische Last, vielleicht für immer.

Ja, manche, nicht wenige, von den Angekommenen machen es uns nicht leicht, manche machen es uns sogar sehr schwer. Antisemitismus und patriarchalische Vorstellungen sind unter ihnen verbreitet. Mit unserer eigenen deutschen Erfahrung sind wir aber geradezu prädestiniert unsere Erfahrungen zu teilen und von der Geschichte unseres Landes zu erzählen. Wir müssen diskutieren, wie wir alle möglichst gut miteinander leben und wie unsere gemeinsame Zukunft aussehen soll.

Die Welt ist unendlich kompliziert, einfache Antworten und Lösungen gibt es nicht. Wir haben sie auch nicht. Viele der Unterzeichner und tausende andere Menschen im Land setzen sich dennoch auch ganz praktisch dafür ein, dass Menschen, die zu uns gekommen sind, hier mt uns als unsere MitbürgerInnen, NachbarInnen, KollegInnen menschenwürdig leben können.

Wir wünschen uns mehr Diskussion darüber, wie Integration gelingen kann. Wir sehen viele Schwierigkeiten, wir erleben aber auch, dass unser Leben durch neue Menschen mit anderen Erfahrungen schöner wird.

Ich liebe das Lächeln von L. und das syrische Mlokhiye - Das Essen der Könige - wie J. es kocht. Und ich wünsche mir, dass Z. Medizin studieren kann und ich hoffe, sie wird glücklich, egal wo sie lebt.

Bitte unterzeichnet:

Unsere Antwort für Demokratie und Menschenrechte

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20:31 03.04.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Maja Wiens

Geboren und verwurzelt in Berlin. Schreibend überlebt. Manchmal sprachlos. Fotografie als Zweitsprache. Bekennend LINKS. Parteilos. Praktisches Berufsverbot.
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