Make life, not work

Wirtschaftsdemokratie Was Demokratisierung, Dekommodifizierung und nachhaltige Gestaltung von Arbeit wirklich bedeuten würde
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Make life, not work
Ein Amazon-Lager in Brieselang

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Das Manifest Arbeit: demokratisieren, dekommodifizieren, nachhaltig gestalten fordert angesichts von Corona- und Umweltkrise eine Reform der Arbeit und stößt damit hoffentlich eine dringend benötigte Debatte an. Grundsätzlich teilen wir die geäußerten Bedenken und Vorschläge, allerdings weisen einige der Forderungen in die falsche Richtung und bleiben hinter dem emanzipatorischen Potential aktueller Debatten zurück. Die AutorInnen zeichnen ein generell positives Bild von Arbeit, während viele der mit Arbeit verbundenen Probleme unerwähnt bleiben.

Demokratisierung. Das Manifest weist zu Recht auf den Ausschluss der Beschäftigten von Entscheidungsprozessen in Unternehmen hin. Die Ausdehnung des Demokratieprinzips auf die Arbeitswelt ist längst überfällig. Allerdings ändert Mitbestimmung in Firmen nichts am Hauptzweck privater Unternehmen: Gewinne für KapitaleigentümerInnen zu erzielen. Um die Interessen der Beschäftigten in den Mittelpunkt zu stellen, bedarf es anderer Geschäftsmodelle, wie zum Beispiel Genossenschaften.

Die implizite Vision einer Zukunft, in der man einen Job benötigt, um bei wirtschaftlichen Entscheidungen mitreden zu können, ist jedoch ausgrenzend und grundsätzlich undemokratisch. Dies würde große Teile der Bevölkerung ausschließen und Arbeitslose sowie unbezahlte (Pflege-)Tätigkeiten zusätzlich marginalisieren. Eine echte Demokratisierung der Arbeit muss weiter gehen und sicherstellen, dass die Gesellschaft als Ganze entscheidet, wie viele Stunden gearbeitet wird, in welchen Sektoren, und was mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck produziert wird.

Eine kollektive Verständigung beispielsweise über den Zweck des Finanzsektors oder den Nutzen von Jobs in der Waffenindustrie könnte eine notwendige Diskussion über jene sogenannte ‘Bullshit-Jobs’ anstoßen, die von den Beschäftigten selbst als nutzlos oder schädlich angesehen werden. Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie wenig Sektoren und Arbeitsplätze für die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse tatsächlich notwendig sind.

Dekommodifizierung. Das Manifest fordert außerdem, dass Arbeit teilweise aus Marktmechanismen befreit werden sollte. Ja, wesentliche Bereiche des Lebens sollten nicht Marktkräften überlassen werden!

Jedem „Individuum Zugang zu einer Arbeit“ zu verschaffen, würde das Problem jedoch nicht lösen, sondern möglicherweise verschärfen. Die Krise zeigt, dass wir von Erwerbsarbeit abhängig und gezwungen sind, unsere Arbeitskraft zu verkaufen, um unsere Bedürfnisse befriedigen zu können – unabhängig davon, ob die Arbeit sinnvoll oder unserer Würde zuträglich ist.

Ein „Recht auf Arbeit“, wie in dem Manifest vorgeschlagen, könnte Arbeitslosigkeit bekämpfen und soziale Grundbedürfnisse befriedigen. In einer Gesellschaft, in der Arbeit mit persönlichem Erfolg und dem Zugang zu sozialen Rechten gleichgesetzt wird, verstärkt eine solche Maßnahme jedoch die materielle und kulturelle Abhängigkeit von Arbeit. Ein emanzipatorischer Ansatz würde dem „Recht auf Arbeit“ ein „Recht auf gutes Leben“ gegenüberstellen – unabhängig von der eigenen Arbeitsfähigkeit und unabhängig von Wirtschafts- und Gesundheitskrisen, die weite Teile der Erwerbsbevölkerung freisetzen. Ein „Recht auf gutes Leben“ könnte unter anderem den Zugang zu Sozialleistungen von Arbeit entkoppeln und die notwendige Infrastruktur bereitstellen, um ein sinnvolles Leben unabhängig von Arbeit zu ermöglichen.

Zudem erscheint uns die Idee, „Stimmrechte in Firmen“ zu etablieren, weil Arbeit bedeute, seinen Geist und Körper, seine Gesundheit, ja sein ganzes Leben in eine Firma zu investieren, als eine eher dystopische Zukunftsvision, in der das Lohnarbeitsverhältnis noch zentraler für das gesellschaftliche und persönliche Leben wäre. Eine emanzipatorische und erstrebenswerte Vision müsste die Bedeutung von Arbeit vielmehr begrenzen, sodass Arbeit ein Aspekt des Lebens wäre, es aber nicht vollkommen bestimmen würde.

Nachhaltigkeit. Das Manifest argumentiert auch zu Recht, dass jegliche Reaktion auf die durch Corona ausgelöste Wirtschaftskrise Fragen des Umweltschutzes mitbedenken müsse. Die AutorInnen kommen zu dem Schluss, dass demokratisch geführte Firmen für einen solchen Wandel am besten geeignet wären.

Obwohl dies in manchen Fällen zutrifft, haben sich Teile der organisierten ArbeiterInnenbewegung wiederholt gegen notwendige Veränderungen gestellt. Insbesondere in grundsätzlich nicht-nachhaltigen Industrien, wie etwa Kohle, Stahl oder Luftfahrt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Mitbestimmung der Beschäftigten zu den erforderlichen Veränderungen führen würde – nämlich dem deutlichen Rückbau dieser Industrien und der entsprechenden Abwicklung von Jobs.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Arbeit immer ein Prozess ist, der Energie und Ressourcen verbraucht, und dies momentan in eindeutig nicht-nachhaltigem Ausmaß. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die insgesamt geleistete Arbeit reduziert werden müsste, um innerhalb ökologischer Grenzen zu bleiben. Wäre es da nicht vernünftig, die Arbeitszeit zu reduzieren und die verbleibende notwendige Arbeit gerechter in der Gesellschaft zu verteilen, begleitet von einer breiten, demokratischen Debatte über den Nutzen, aber auch die Schädlichkeit von Arbeit?

Demokratisierung, Dekommodifizierung und nachhaltige Gestaltung von Arbeit sind unerlässlich für die Erhaltung des Lebens. Dazu müssen wir überkommenes Denken, das Arbeit unkritisch als etwas grundsätzlich Positives betrachtet, ohne über die Rolle von Arbeit im heutigen Kapitalismus nachzudenken, überwinden. Nicht Märkte oder Firmen, sondern die Gesellschaft sollte entscheiden, zu wessen Nutzen, mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck Arbeit geleistet wird, und welche Art von Arbeit als nützlich und wertvoll anerkannt wird – und welche nicht. Die Emanzipation von Arbeit setzt also voraus, dass die Wirtschaft als Ganze demokratisiert und dekommodifiziert wird, eine intakte Umwelt sichergestellt wird, um allen ein gutes Leben unabhängig von Arbeit zu ermöglichen.

Dieser Beitrag erschien am 23. Mai 2020 auf Französisch in Le Monde

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