Auf der Wies’n: Ablenkung statt Veränderung

Oktoberfest, Kritik Das Oktoberfest steht an und kollidiert mit einem neuen Flüchtlingsstrom. Was dem Event einen neuen Anstrich hätte geben können wird zur Gratwanderung.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Noch sind die Tore zur Theresienwiese verschlossen, doch in nicht einmal 24 Stunden heißt es wieder: „O’zapft is“ und das größte Volksfest der Welt ergießt sich über München. Neben Lederhosen und Dirndl, Brathendl und Bier ist das Oktoberfest vor allem eines – ein Freifahrtschein zum Gelddrucken für alle Beteiligten. Mehr als eine Milliarde Euro werden in nicht einmal 3 Wochen die Besitzer wechseln. 6 Millionen Besucher werden dann leichtere Brieftaschen und schwerere Köpfe haben – und die Welt wird feststellen, dass sich nicht alles so leicht wegschütten lässt wie eine Maß.

Die Ruhe vor dem Sturm?

Es mag subjektive Wahrnehmung sein, aber die Vorboten des Oktoberfestes waren dieses Jahr nicht ganz so laut und frühzeitig wie sonst. Das könnte auch daran liegen, dass das Konfliktpotential an der Isar dieses Jahr besonders hoch war. Ein gewaltiger Flüchtlingsstrom hat Deutschland über Ungarn und Österreich in den vergangenen Wochen erreicht. Und München ist der erste große Knotenpunkt außerhalb der südlichen Nachbarn.

In München stellt man sich die Frage wie man beide Gruppen, also Asylsuchende und Festbesucher auseinanderhält. Dabei muss man der Stadt schon ein logistisches Geschick zugestehen – eine Stadt, die das 5-Fache ihrer Einwohnerzahl in nur 16 Tagen beherbergen und koordinieren kann, wird wohl auch diese Hürde bewältigen. Bisher kamen 2015 rund 100.000 Flüchtlinge in München an.

Dabei gibt sich die Hochburg der Konservativen erstaunlich ruhig und warmherzig zu dem Thema. Natürlich ganz ohne strittige Aussagen – vor allem CSU-Chef Seehofer mimt den Fels in der Brandung und hält an einem Szenario fest, das scheinbar nicht mal mehr bei den Wirten und Betreibern der Wies‘n als glaubhaft gilt. Eine Minderheit, die sich sonst für keine Ausrede zu schade ist, ihr eigenes hartes Schicksal hervorzuheben. Und so ergibt es sich, dass, neben gelegentlichen Abweichungen, der möglichst ruhige, straff organisierte und konfliktlos arrangierte Ablauf der kommenden 2-3 Wochen voll und ganz im Vordergrund steht. Ein Thema, das die Frage offen lässt, warum ein vergleichbarer Ansatz nicht bereits früher gewählt wurde. Und warum er nicht die gesamte Thematik europaweit prägt.

Der Schutz einer Marke

Die Marke „Oktoberfest“ und ihre weitreichende, kapitale Bedeutung haben schon das Magazin Quisine unlängst ausführlicher beschäftigt. Dabei scheint gerade das Image des Festes in der aktuellen Diskussion oft wichtiger zu sein als der eigentliche Ablauf. Die einen fordern gar einen Stopp der Veranstaltung, um möglichst niemanden zu verschrecken oder zu beleidigen. Die anderen wollen am liebsten einen Stopp der Flüchtlinge (zumindest für die Zeit) erwirken, um das Bild des Oktoberfestes auf keinen Fall zu „verändern“. Dabei hat das grundlegende Thema die Wies‘n längst erreicht und die Debatte kam ohnehin viel zu spät, um mehr als Aufsehen zu erregen. Nun wird es am Oktoberfest Lebkuchenherzen für mehr Toleranz und Nächstenliebe geben – und die Veranstalter werden sich derweil fragen, ob die anfängliche Abwehrhaltung nicht eine vertane Chance war, das Oktoberfest als Marke weiter zu stärken.

Die Wies‘n hätte ein Symbol dessen werden können, was in diesem Land zu bewerkstelligen ist. Ein Zeichen, dass auch unterschiedlichste Bräuche und Kulturen ganz selbstverständlich nebeneinander harmonieren können. Nun verstummen die kritischen Stimmen in Richtung der Golfstaaten, von denen mehr Hilfe für ihre „muslimischen Brüder“ gefordert wird, in den zynischen Kommentaren zur bayrischen Gastfreundschaft. Die Situation hätte dem Oktoberfest endlich ein neues Gesicht verliehen – abseits vom alkoholseligen Konsum und Schenkelklopfen. Wenn die Wies‘n in rund 2 Wochen dann schließlich vorüber ist, bleibt nüchtern betrachtet also alles beim Alten. Bei einer furchtbaren Katerstimmung.

15:51 18.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Makiki

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare