Frauengesundheit: Deutschland besonders teuer

Gesundheit Am 28. Mai findet der 31. Internationale Aktionstag für Frauengesundheit statt. Europaweit bittet kaum ein Land seine Frauen mehr zur Kasse als Deutschland.
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Zum 31. Mal findet am 28. Mai der Internationale Aktionstag für Frauengesundheit statt, bei dem es insbesondere auch um sexuelle Gesundheit geht. In einer aktuellen Analyse des Telemedzinanbieters Fernarzt.com zur Förderung und Besteuerung hormoneller Verhütungsmittel und Damenhygiene-Produkte in den EU-Ländern schneidet Deutschland schwach ab. Das Fazit: In Sachen Verhütung und Hygiene bittet kaum ein Land seine Frauen mehr zur Kasse als Deutschland.

Monatshygiene: Nur Irland und Großbritannien besteuern gar nicht

Mindestens 2000 Euro geben Frauen für Tampons oder Binden im Laufe ihres Lebens aus, wie der Blog die Menstruationsbeauftragte vorrechnet. Und der (deutsche) Staat verdient über die Mehrwertsteuer kräftig mit. Bereits 2015 hat Kanada deshalb die sogenannte “Tampon-Tax” komplett abgeschafft. Die Debatte erreichte kurzt darauf auch die USA und Europa. 2016 hat dann auch die EU, auf druck von Großbritannien, eingeführt, dass Mitgliedstaaten auf Artikel zur Monatshygiene den reduzierten Mehrwertsteuersatz anwenden dürfen. Großbritannien ist auch das erste EU-Land, dass nach einer hitzigen Mediendebatte seinen Steuersatz auf Hygieneprodukte ab 2022 sogar auf Null senken darf. (Auch in Irland liegt der Mehrwertsteuersatz für Hygieneprodukte bei 0%, da dieser bereits vor den EU-Steuerregelungen angewandt wurde.)
Immerhin 13 der 28 Mitgliedstaaten haben in Folge ihren Steuersatz auf Artikel zur Monatshygiene inklusive Tampons reduziert. Deutschland befindet sich nicht darunter.

Rund 15 Mio. Frauen ab 14 Jahren nutzen in Deutschland Tampons. Insgesamt wird der Markt für Damenhygiene auf ca.350 Mio Euro geschätzt. Eine Reduzierung des Steuersatzes auf 7 % würde den Fiskus lediglich 42 Mio Euro kosten. Das ist eine verschwindend geringe Summe im Vergleich zu den rund 1.000 Millionen Euro, die der deutsche Staat für die reduzierte Hotelsteuer eingesetzt hat.

Die Pille als verschreibungspflichtigs Medikament: Hotelübernachtungen und Haustauben erhalten Vorrang

Die “Pille” zur hormonellen Verhütung ist eine verschreibungspflichtiges Arzneitmittel. Auch für diese dürfen die Mitgliedsstaaten nach EU-Steuerrecht einen reduzierten Mehrwertsteuersatz anwenden. Mit Ausnahme von Deutschland und Bulgarien machen das auch alle EU-Länder. (Dänemark wendet generell keine reduzierten Steuersätze an. Hinzu kommt noch Norwegen als Nicht-EU-Staat.) Der deutsche Staat verdient an den Krankheiten seiner Bürger also prinzipiell stärker mit als anderswo. Das Halten von lebenden Haustauben oder Hotelübernachtungen werden dagegen in Deutschland nur dem reduzierten Satz von 7% besteuert.

Zumindest in Sachen Erstattung durch die Kassen im Mittelfeld

Neben Deutschland wird die Pille in 13 weiteren Ländern zumindest teilweise erstattet. Keines der Länder erstattet die Pille allerdings bedingungslos. Einschränkungen abhängig vom Alter, den Wirkstoffen oder dem Umfang der Rückerstattung sind überall zu finden. Hierzulande erhalten Frauen zumindest bis zum 19 Lebensjahr die Pille kostenfrei. Keine Altersbeschränkungen gelten nur in Estland, Griechenland, Irland, Spanien und Großbritannien. In den Niederlanden und Slowenien ist zur Kassenübernahme eine staatliche Zusatzversicherung nötig.

Und unsere direkten Nachbarstaaten? Lediglich in Frankreich und Belgien (abhängig von der Krankenkasse) ist die Pille Teil der Kassenleistung. In Polen, Tschechien, Österreich, die Schweiz und Dänemark müssen die Kosten unabhängig vom Alter vollständig selbst getragen werden.

Warum Deutschland Frauengesundheit so benachteiligt

Zunächst wäre hier die Politik gefragt, Anträge zur Reduzierung der Steuersätze in den Bundestag einzubringen. Initiative hat mit Ausnahme von Die Linke im Jahr 2006 für verschreibungspflichtige Arzneien keine Partei ergriffen. Doch auch die Bürger selbst könnten mehr Druck ausüben: In Großbritannien haben über 300.000 Menschen eine Petition zur Abschaffung der Tampon-Steuer unterschrieben, die dann von den Medien diskutiert und im Rahmen des Brexit-Votums sogar zum Politikum wurde. Auch in Deutschland gibt es aktuell eine Unterschriften-Aktion: Diese läuft allerdings schon seit drei Jahren und hat in dieser Zeit erst rund 70.000 Unterzeichner gefunden hat - verhältnismäßig wenig, wenn man bedenkt, dass Deutschland mehr Einwohner hat als Großbritannien. Wenn sich in Deutschland in Sachen Sexualgesundheit der Frau etwas ändern soll, muss sich der Druck von Gesellschaft und Medien auf die Politik erhöhen.

11:49 30.05.2018
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Geschrieben von

Makiki

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