Das Behagen in Gesellschaft

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Es war ein angenehm sonniger Spätsommertag. Ich ging über den Flohmarkt, zusammen mit meinen zwei Begleitern. Jeden vierten Samstag im Monat baute ich meinen Stand hier auf und verkaufte Antiquitäten. Ich liebte den Flohmarkt. All die Gerüche – nicht unbedingt einen einzigen, einheitlichen Duft, sondern alle Gerüche – ob angenehm oder unangenehm.Alle diese gehörten zu dem Markt, den ich schon von Kindesbeinen an besuchte.

Da war der rostige Geruch der alten Reklameschilder, der Geruch der Möbelstücke und Sammlerstücke, die manchmal schon über Hundert Jahre auf dem Buckel hatten und, aufgrund der Restaurierung, nur vermuten ließen, wie viel Geschichte sie wohl schon erlebt hatten, die verschiedensten Gewürze vermischt mit dem Geruch der verschiedensten Waschmittel, mit denen die jeweiligen Menschen, die an mir vorbeigingen wohl ihre Kleider reinigten, oder der Geruch diverser Imbissbuden, der die umliegenden Stände noch zusätzlich ummantelte. All diese, zusammen mit der bunten Komposition unterschiedlichster Waren, schufen eine Atmosphäre, die mir, mehr als alles andere, behaglich war.

Es waren aber nicht nur die Sinneseindrücke, die dieses Behagen in mir auslösten. Ich liebte es in Gesellschaft von anderen, von vielen Menschen zu sein, mit den benachbarten Standbesitzern zu plaudern oder meine schon oft gelobte Redegewandtheit zu nutzen, um mit Kunden über den Preis meiner Waren zu verhandeln. Flohmarkt – das war für mich Leben, lebendiger Pluralismus, eben diese Multikultur, die die Politiker schon so oft und vergeblich probiert haben zu beschwören. Generationen- und nationalitätenübergreifend baute man Stand an Stand und – ob wohlhabender oder eher bitterarm, schön oder hässlich – jeder ging dieselben Wege, nacheinander, nebeneinander oder miteinander.

Meine Begleiter hetzten mich. Ganz offensichtlich konnten sie diese Eindrücke nicht im selben Maße genießen wie ich es konnte und wollte. Gelegentlich packten sie mich fest und geradezu unhöflich am Arm, um mir wohl anzudeuten, dass ich schneller laufen solle.Die Menschen, die an mir vorbei schritten, sahen keinen Anlass hier einzugreifen. Vielmehr blieben sie kurz stehen um das Szenario zu beobachten und dann im darauf folgenden Weitergehen darüber zu tuscheln.

Wir waren nun schon etwa über die Hälfte des Flohmarktes gelaufen, als wir am Gemüsestand von Leander Ludwig vorbeikamen. Leander war ein alter Freund und genauso wie ich ein Original auf dem hiesigen Flohmarkt. Des Öfteren hatte er meine Frau und mich in sein bescheidenes Zuhause zum Essen eingeladen. Das war jedoch auch schon Monate her gewesen – meine Frau war schon von uns gegangen. An Emma aber, wollte ich in diesem Moment nicht denken. Ich grüßte Leander – wie immer. Er dagegen grüßte nicht zurück.Mein guter Freund stierte mich nur mit leeren Augen und einer Mimik an, die Erschrockenheit und Enttäuschung gleichsam in sich vereinigte. Die beiden Begleiter packten mich nun von beiden Seiten an den Armen. Sie fanden augenscheinlich kein Gefallen daran, dass ich so träumerisch und in Erinnerungen schwelgend den Weg zu ihrem Auto bestritt, der mir auf seltsame aber angenehme Art und Weise stundenlang schien. Ich wollte keinen Augenblick, kein noch so kleines Detail verpassen. Die Küchengeräte, die Klamotten, der wolkenlose, azurblaue Himmel, die eigenartig angezogene Dame, das knallrote Schifferklavier, der mitgenommene Lederkoffer, die staubige Luft, das Kind auf dem Dreirad, der Dunst aus der Curry-Wurst-Bude, die zwielichtige Motorsäge, der plötzliche, erfrischende Wind, die Unterwäsche aus Taiwan, der spießige Lampenschirm, die längst überholten Spielzeuge, die weiß-schwarze Teekanne, der bayrische Bierkrug und die Schnapsflaschen, die sich in geradezu humoristischer Manier neben die Porzellantassen gesellten, die von der guten alten Oma hätten sein können. Noch immer wollte keiner der Passanten eingreifen und mir zu Hilfe kommen, obwohl ich sehr offensichtlich Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit war. Wie und warum auch – sie hatten keinen Grund. Sie schauten mir hinterher und tauschten dabei untereinander kurze, hastige Sätze aus.

Wir hatten den Flohmarkt nun verlassen. Ich blickte ein letztes Mal sehnsüchtig zurück, daraufhin auf meine Begleiter zu meiner Rechten und zu meiner Linken – beide in blauer Uniform und mit blauer Schirmmütze auf dem Kopf. Der Streifenwagen war direkt vor dem Ausgang geparkt. „ Nehmen sie hinten Platz, Herr Metzger.“, sagte einer der beiden Polizisten in routinierter Weise, während er mir die Handschellen abnahm und die Autotür schloss.

Nun war es ruhig, die Sinneseindrücke eher bescheiden. Der Innenraum des Wagens war dunkel und kühl. Ich sah mich nun abgegrenzt von dem Rest der Gesellschaft, sah aus dem Fenster heraus nur noch die Autos hinter oder neben den Ständen, nicht mehr aber die Menschen, und der einzige Geruch, der meine Nasenflügel erreichte, war der des alten Kaffees, der seinen Ursprung in dem Becher fand, den einer der Beamten wohl vor geraumer Zeit in den Getränkehalter geklemmt hatte. Ich würde es nicht leugnen, sagte ich mir in diesem Moment. Ich würde ihnen gestehen, dass ich meine Frau ermordet habe.


17:30 01.10.2011
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Geschrieben von

M. Goetsch

Mit der Neigung zum Brotlosen
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