Der Dichter auf dem Balkon

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Albin Zager war Dichter. Er war vorsichtig, träumerisch aber scharfsinnig.Die Wände seines Ein-Zimmer-Appartements blieben bewusst so, wie vom Vormieter hinterlassen – das kühle, neutrale Weiß ließe ihn klarer denken. In der Ecke neben der Eingangstür befand sich eine kleine, spartanische Einbauküche. Zager benutzte sie nicht oft, denn er aß nicht viel – meist nur Rohkost. Jeden Mittag jedoch kochte er sich einen Pfefferminztee, schnitt eine Zitrone auf und presste den frischen Saft in das leicht grünliche Aufgussgetränk. Die Kirche befand sich nur wenige Ecken von seinem Wohnhaus entfernt und Dasselbe dröhnende Glockenspiel, das ihn morgens kurz vor Acht Uhr aus dem Schlaf riss, wenn er vergaß die Fenster vor dem zu Bett gehen zu schließen, und es ihm unmöglich machte in das Geträumte zurückzukehren, machte ihn um Zwölf Uhr mittags auf die Notwendigkeit des alltäglichen Teegenusses aufmerksam.

An diesem Tage setzte er sich, wie jeden Tag, ausgerüstet mit Notizbuch und Stift, auf seinen schlicht gehaltenen Balkon und gönnte sich sein einzig verbliebenes Laster – Zigaretten. Zager drehte seine Zigaretten. Er wolle selbst bestimmen wie dick und fest diese seien und ohnehin hätten fertig gedrehte Zigaretten aus dem Automaten keinen Stil.

Ebenso bescheiden wie seine gesamte Wohnung war auch der Ausblick vom Balkon.Vor ihm thronte ein massiver Wohnungskomplex mit schier unzählbar vielen Balkons, auf deren Geländern immer mindestens eine, unverhältnismäßig große Satellitenschüssel gepflanzt war. Er könne sich nie an diesen geradezu grotesken Anblick gewöhnen, ging ihm jeden Mittag durch den Kopf. Die blanken, weißen Empfänger, die im starken Kontrast zu der eher verkommenen, tristen Erscheinung des Hauses aus der grauen Fassade herausragten, als ob sie sich untereinander in einem erbitterten Kampf um das beste Signal befänden, waren für Zager die Versinnbildlichung der Isolation und Anonymität, die scheinbar sogar möglich war, obwohl man auf so kleiner Fläche übereinander lebte.

Albin Zager benötigte zum Dichten keine extraordinäre Inspiration. Wenn ihm ein Wort durch den Kopf ging, dies gut klang und er schöne Reime gefunden hatte, würde sich der Sinn schon noch ergeben. Er verstand sich eher als ein Außenstehender, ein Observator der Gesellschaft, der sich Aspekte aus dem realen Leben herausnimmt und künstlerisch verarbeitet.

Zager blickte also auf das verwahrloste Wohnhaus gegenüber und das Wort „ Enge“ bildete sich zwischen seinen Ohren. Er betrachtete das Meer aus Satellitenschüsseln, stellte sich vor wie viel Zeit die Bewohner wohl vor dem Fernseher verbringen – welche Sucht, welcher Zwang es für diese womöglich bereits geworden ist. So reimte er zu „ Enge“ „ Zwänge“. Seine Augen wanderten weiter, hinunter auf die Straße, wo sich gerade eine homogene Masse von Städtern von der einen zur anderen Straßenseite bewegte.„ Menschenmenge“ – „Gedränge“.

Links nebenan war gerade ein Fenster geöffnet worden und neben dem Geruch von scharf angebratenem Fleisch, erreichte Zager die miserable Klangqualität eines kleinen Radios, das der Nachbar wohl zur musikalischen Begleitung des Kochvorgangs angeschaltet hatte.Die darauf folgenden zehn Minuten wurde er von einer Auswahl diverser Werke der Populärkultur von den 80er Jahren bis zur Gegenwart beschallt. Zager gefiel diese Musik nicht. Er hielt sie für abwechselungslos, ohne jeglichen künstlerischen Anspruch,gehaltlos, ja, geradezu banal.

Nachdem er den letzten, schon kalt gewordenen Rest seines Pfefferminztees schluckte, er sich eine weitere Zigarette zwischen die Lippen schob, diese ansteckte und die Reime erneut verbalisierte, fühlte er sich bereit sein Gedicht zu vollenden. Er nahm sein Notizbuch mitsamt Stift zur Hand und schrieb:

„ Fremde Zwänge/ Wonnige Enge/ Selig Gedränge/ In Menschenmenge/ Diffuse Klänge/ Banale Gesänge/ Greifvogelfänge/ Schmieden die Ränge/ Schmettern die Stränge/ In all ihrer Länge/ Dahin in die Menge/ In ihrem Gedränge/ In lieblicher Enge/ Inbrünstiger Zwänge.“

Der Dichter auf dem Balkon war zufrieden mit seiner Arbeit. Die Verse würden nicht nur flüssig klingen, sondern hätten auch intellektuellen, konsum- oder gar gesellschaftskritischen Charakter, klopfte er sich selbst auf die Schulter.

Albin Zager stand auf, lehnte sich auf das Geländer, direkt neben der Satellitenschüssel, die er beim Einzug dort befestigt hatte, inhalierte drei letzte Züge, drückte die Zigarette in einem aufwendig bemalten Aschenbecher aus, öffnete die Tür zum Balkon, betrat die Wohnung, legte sich in sein Bett und schaltete den Fernseher ein.

16:08 28.09.2011
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Geschrieben von

M. Goetsch

Mit der Neigung zum Brotlosen
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