Sisyphos und die Demokratie

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Von der Monarchie zur Polyarchie zur Anarchie


„Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen, wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.“( Homer, Odyssee).

Unlängst ist das Streben nach wirtschaftlichem Wachstum in den westlichen Demokratien zur Sisyphosarbeit geworden. Sisyphos, das sind Wir, die Gesellschaft, die Wirtschaft, vor allem aber eben die politische Klasse, rollt immer wieder den Felsblock des Wohlstands den Berg der Konjunktur hinauf, bis hin zum Gipfel des Booms, wo ihm jedoch vor Schwäche der Fels wieder entweicht, dieser den Hang der Rezession hinunterrollt und im Tal der Depression seinen Aufprall findet. Jedes Mal wenn Sisyphos von Neuem beginnt den Block zum Gipfel hinauf zu befördern, wird es umso mühseliger, da der Berg immer weiter wachsen muss – andernfalls würde das System nicht funktionieren. Ein Berg, jedoch, kann nicht unendlich wachsen, da nicht unendlich viel Materie, zumindest auf dem Planeten, zur Verfügung steht.

Das heißt in der realen Welt, dass der Kapitalismus, da er nur mithilfe stabilem Wachstums in der Lage ist den Wohlstand zu garantieren, endlich sein muss, da alle Rohstoffe zunächst endlich sind und sowohl nutzbares Land, als auch das Bevölkerungswachstum, aufgrund ökologischer Gesetze, denen auch wir uns nicht entziehen können, begrenzt sind.

Nun ist der Berg ein letztes mal gewachsen und Sisyphos steht Eines von zwei möglichen Szenarien bevor. Entweder er ist von allen Kräften verlassen und wird noch am Hang der Expansion den Felsblock des Wohlstands loslassen, oder er schafft es wider Erwarten den Block über den Gipfel zu befördern. Dort wird er ihn jedoch erneut loslassen, der Fels wird auf der anderen Seite des Berges runterpoltern und nun in einem weiteren, endgültigen Tal der Depression seine Ruhe finden.

An beiden vermeintlichen Endpunkten wird Zweierlei von Nöten sein: ein neues Wirtschaftssystem, sowie ein neues Politisches System, da beide aneinander gekoppelt sind.

Die Frage, welche neuartigen wirtschaftlichen Strukturen möglich seien, überlasse ich kompetenten Ökonomen. Weiterhin, will ich mich mit der Frage nach einem neuen politischen System befassen. Welche Richtung sollten wir einschlagen? Ist diese Richtung auch ein Fortschritt?

Die biogenetische These Ernst Haeckels, dass die Ontogenese die Phylogenese rekapituliert, dass also alle evolutionären Entwicklungsstadien in der vorgeburtlichen Entwicklung eines Individuums erkennbar sind, d.h. vom Einzeller zum Mehrzeller, übertrage ich hierfür in umgekehrter Form auf die Staatsphilosophie. Wenn es einen gesellschaftlichen Fortschritt geben soll, so muss die Soziogenese die Rekapitulation der Psychogenese sein. Es muss also eine Analogie zwischen der psychologischen Entwicklung eines Individuums und der Entwicklung einer Gesellschaft bestehen, die man auch in der Tat schon in der Historie beobachten kann.

Die historische Periode der Monarchie, vom frühen Mittelalter bis zum Ersten Weltkrieg, entspricht dabei dem psychologischen Stadium des Kleinkindes bzw. Kindes.

Dabei will ich das Augenmerk auf die Beziehung zwischen dem Individuum und seinen Eltern richten, wobei das Individuum repräsentativ für das Volk und die Eltern repräsentativ für eine staatliche Institution stehen.

Das Kind besitzt weder Verantwortung, noch ist es dazu in der Lage sich selbst zu bestimmen.

Es steht in lebenswichtiger Abhängigkeit zu seinen Eltern und sieht diese auch als unfehlbare und höchste moralische Instanz. Bei Verstößen gegen von den Eltern aufgestellte Regeln folgt Bestrafung – welcher Natur diese sind ist hierfür nichtig. Auch das Volk in den Monarchien der Vergangenheit besaß keine Möglichkeit zur Selbstbestimmung oder gar Mitbestimmung ihrer Geschicke. Der Alleinherrscher, der Monarch, war ebenso höchste moralische Instanz wie unfehlbar, da er von Gottes Gnaden war. Durch die feste Verankerung des christlichen Glaubens und damit die Legitimität des Königs durch Gott, waren auch all seine politischen Handlungen gerechtfertig, da sie vermeintlich dem Willen Gottes entsprachen.

Mit der Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert und den daraus resultierenden, ersten Demokratiebewegungen in der Neuzeit befinden wir uns nun bei der Entwicklung des Individuums in der Trotzphase, der Pubertät also. Erste Zweifel gegenüber der Unfehlbarkeit der Eltern bzw. des Staates kommen auf, und das Individuum bzw. das Volk protestiert gegen die bestehenden Zustände. Es bilden sich neue Bedürfnisse nach Selbstbestimmung und Freiheit von den von außen auferlegten Normen und Konventionen.

Das Zeitalter der Demokratie ist somit die Phase zwischen Pubertät und dem Erwachsensein, die Jugend. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung sind bereits möglich und eigene Wege, die von denen der Eltern abweichen und ihnen womöglich auch missfallen, können gegangen werden. Das Individuum steht aber trotzdem noch in Abhängigkeit zu den Eltern.

Somit muss, um gesellschaftliche Weiterentwicklung zu gewähren, auf die demokratische Epoche eine Epoche des Erwachsenseins folgen.

Ein Erwachsener sorgt für sich selbst und übernimmt für all seine Handlungen uneingeschränkt Verantwortung, hat mehr Rechte und die Freiheit den Weg zu wählen, den er für richtig hält. Er bewegt sich mit seinen Eltern nun auf gleicher Ebene, als Erwachsene, als Vertraute, diese haben aber, zumindest rechtlich, keine Macht mehr über das erwachsene Individuum. Über ihm steht also niemand mehr, der Verantwortung für ihn übernimmt, aber ebenso auch niemand mehr, der die Richtlinien seines Lebens vorschreibt.

Die einzige Staatsform, die demnach fortschrittlich wäre, ist die Anarchie.

Nicht etwa ein Zustand der Regellosigkeit, des Chaos und der Abwesenheit jeglicher ethischer Grundsätze, sondern ein System, in dem Machtfluss nie von oben nach unten sondern, wenn überhaupt, ausschließlich von unten nach oben verläuft.

Die Adoleszenz der Gesellschaft ist also von der Monarchie zur Polyarchie zur Anarchie.

20:06 28.09.2011
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Geschrieben von

M. Goetsch

Mit der Neigung zum Brotlosen
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