WACKEN OPEN AIR 2019

30 Mal "Rain or Shine" Während das WOA sein 30. Jubiläum feiert, sind wir zum 19. Mal auf dem Platz dabei. Ein Bericht von zwei nicht mehr ganz taufrischen Fans.
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I

Nein, wir sind nicht seit den Anfängen dabei. Unser erstes WACKEN OPEN AIR haben wir 2001 erlebt, damals noch mit überschaubaren 25000 Besuchern. Und ja, wir haben den Campingplatz von Anfang an gemieden und uns der Pussymetaller-Fraktion angeschlossen, die sich in den umliegenden Hotels im Kreis Dithmarschen niederlässt.

So haben wir es auch dieses Jahr gehalten. Unser Festivalbesuch läuft seit Jahren ritualisiert ab, aber ein paar kleine Veränderungen gibt es doch: Seit drei Jahren reisen wir mit der Bahn an und in diesem Jahr haben wir uns erstmals Fahrräder geliehen, um die Strecke zwischen unserer Unterkunft im Luftkurort und dem Festivalgelände zu überwinden. Mit Kutte und Kampfstiefeln auf nicht mehr ganz taufrischen Rädern, legen wir am Donnerstagnachmittag erstmals die 9,5 km lange Strecke zurück, um uns unsere Bändchen abzuholen und die erste Band anzusehen.

II

Während mein Lebensgefährte Herr K. aus M. sich vor der LOUDER-Stage bei TESTAMENT ausgetobt hat, habe ich den Auftritt verschlafen, gemütlich auf dem Holy Ground gebettet, das Full-Metal-Plastikbeutelchen als Kopfkissen gerade gut genug. Nun wähne ich mich in der richtigen Verfassung, um HAMMERFALL abzufeiern.

Die Schweden um Sänger Joacim Cans präsentieren sich zum 30. Wacken Open Air bestens gelaunt und erinnern daran, dass ihr Auftritt bei der 1997er-Ausgabe des Festivals ihnen einen fröhlichen Karrieresprung verschafft hat.

Rückblickend auf die eigene Karriere, wartet HAMMERFALL mit einem Querschnitt durch ihre Alben auf, angefangene von 'Riders On The Storm' über 'Blood Bound' bis hin zu 'Let The Hammer Fall'. Letzteres nutzt Joacim natürlich wieder für das beliebte Singspiel mit den Fans. Brüllt er: "Let the hammer!" brüllen die Fans "Fall!"

Mit 'One Against The World' stellen die Powermetaller dann noch einen neuen Song von ihrer am 16. August 2019 erwarteten neuen Scheibe "Dominion" vor, der allerdings keine Überraschungen bietet.

Wir freuen uns zum Abschluss über das gut gelaunte 'Hearts On Fire' und wanken dann zum Getränkestand.

III

Bis zum Höhepunkt des Abends, der mit den schwedischen Ballermann-Metallern von SABATON erwartet wird, haben wir zwei Stunden Pause, in denen wir uns das gigantomanische Festivalgelände ansehen. Obwohl das Areal und die Anzahl der Bühnen in den letzten 18 Jahren kontinuierlich gewachsen sind, haben wir uns ob der weiten Wege fast ausschließlich auf die drei Hauptbühnen konzentriert. Nun marschieren wir ein wenig umher und entdecken als erstes einen gigantischen Supermarkt. Kaufland, der Supermarkt der Schwarz-Gruppe, hat eine riesige Halle aus dem Boden gestampft, in der vor allem Getränke in Plastikflaschen verkauft werden. Und Alkohol natürlich. Aber vor allem Plastikflaschen. Dies zu sehen, macht mich etwas nachdenklich, obwohl es ja keine Überraschung ist, dass so ein Festival, das 80000 Menschen zusammenruft, nicht die Ikone der Nachhaltigkeit sein kann.

Die WACKEN-Veranstalter scheinen das auch bemerkt zu haben und so entdecke ich im Festival-Programm die Wacken Future Factory. Dort gibt es Diskussionen zu den Themen Nachhaltigkeit, Inklusion, Sicherheit, Digitalisierung und Wertekultur. "Wege zu einem nachhaltigen Festival" heißt ein Workshop. Finde ich gut und denke an die Plastikflaschen von Kaufland und an mein Lieblingsreizthema: den Full Metal Bag, jenen Kunststoffbeutel, den der Festivalbesucher sozusagen als Goody bekommt, wenn er sein Ticket gegen das Festival-Bändchen eintauscht. Da man keine anderen Taschen oder Beutel mit ins Infield nehmen darf als nur dieses Utensil, kommt man nicht drum herum, es entgegenzunehmen. Ich beobachte, wie zahlreiche andere Besucher es uns gleichtun: Beutel empfangen, Inhalt – Werbung, Plastik, Werbung, Plastik – herausholen und direkt wegschmeißen. Zur Ehrenrettung soll nicht verschwiegen werden, dass der Beutel auch etwas Nützliches enthält: Ohrstöpsel und ein Kopftuch von …Kaufland.

Auf unserem Marsch über das Festivalgelände entdecken wir, wer sich hier sonst noch so alles tummelt. Die Deutsche Post hat einen Stand aufgebaut, an dem man seinen daheimgebliebenen Lieben Postkarten mit Metal-Motiven senden kann. Und daneben hat sich tatsächlich die Bundeswehr platziert. Unter dem Leitspruch "Bereit, deine Stärken zu finden?" hat sie eine sogenannte Karriere-Basis aufgebaut.

Nun, es wachsen die unterschiedlichsten Blümchen in Gottes Garten. Wie schön, dass man an anderer Stelle auch auf Akteure wie Sea Shepherd und die Seenotrettung trifft…

Dass sie alle unter den Flügeln des WACKEN OPEN AIRs Platz haben, ist zum einen Beleg für die Konventionalität, die das Festival über die Jahre erreicht hat, zum anderen wird man aber daraus auch ableiten dürfen, dass eine derartig gigantische Großveranstaltung eben nicht ohne zahlungskräftige Sponsoren zu haben ist.

Dass nicht nur die Erwartungen des Publikums mit immer neuer reizauslösender Action befriedigt werden wollen, sondern auch die Anforderungen an Sicherheit immer höher werden, wird sich am Folgetag zeigen, als das Festivalgelände gegen Mittag wegen einer Unwetterwarnung geräumt werden muss. Ein Gewitter hat sich angekündigt.

Wie viele Gewitter haben wir auf dem WOA schon erlebt – geräumt wurde noch nie. Heute geht man kein Risiko mehr ein. Nachlässigkeit kann sich kein Veranstalter mehr leisten. Und eigentlich ist das ja auch ganz gut, denn wir alle wollen heile wieder nach Hause kommen.

Dass mit Anforderungen und Erwartungen auch die Ticketpreise steigen – inzwischen wissen wir, dass 2020 für das reguläre Ticket 239,-€ aufgerufen werden – mag manchem nicht gefallen, aber wenn das Klo nicht sauber ist, der Holy Ground im Schlamm versinkt oder sonstige Desorganisation um sich greift, sind die Fans auch nicht zufrieden.

IV

SABATON. Endlich.

Die schwedischen Power-Metaller haben auch ein Jubiläum zu feiern. 20 Jahre SABATON im Metal-Kosmos – ein Anlass, das Jubelkonzert synchron auf den beiden Hauptbühnen des Festivals zu präsentieren.

Im Mittelpunkt steht das aktuelle Album der Schweden, "The Great War", auf dem sie sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen. Entsprechend ist auch die Bühnendekoration ausgerichtet. Ein Background-Chor tritt in Soldatenuniform auf und über die Bühne spannt sich Stacheldrahtzaun.

Die Ernsthaftigkeit des Themas tut der Partylaune, die auf den Konzerten SABATONSs herrscht, keinen Abbruch. Alten und neuen "Scheiß" (O-Ton Joakim Brodén) bringt die Band zu Gehör und wird dabei von Ex-Gitarrist Thobbe Englund unterstützt.

Sänger Joakim Brodén ist zwar wie immer gut gelaunt, präsentiert sich aber für seine Verhältnisse relativ distanziert. Auch auf die bei SABATON-Konzerten üblichen "Noch-ein-Bier"-Rufe geht er nur kurz ein und scheint außerdem stimmlich nicht ganz auf der Höhe.

Nichtsdestoweniger hat das Publikum Spaß. Wir stehen im vorderen Drittel vor der Bühne und geraten alsbald in die Nähe einer Wall of death. Da sich die Menge um uns herum bös zusammenknuddelt, beschließen wir, uns am Rand eines wild wabernden Circle Pits zu positionieren. Als gesetzte ältere Leute hampeln wir dort natürlich nicht mit herum, sondern beobachten die kreative Performance der jüngeren Fans. So bildet sich mehrfach ein Row Pit, ein Phänomen, das zwar nicht neu, aber eher selten zu erleben ist. Die agilen Fans lassen sich in Reihen auf dem Boden nieder und toben sich bei Ruderbewegungen aus.

Gegen Mitternacht ist die Show vorbei. Wir sind nicht ganz so entflammt, wie wir uns erträumt hatten, aber nachdem mein Lieblingssong 'To Hell And Back' gespielt wurde, will ich zufrieden sein und mich auf die bevorstehenden nächtlichen 9,5 km Radfahrt konzentrieren, die wir uns unter schlechter Funzelbeleuchtung antun. Kurz vor zwei Uhr morgens fallen wir im Luftkurort ins weiche Bett.

V

Am Freitag möchte Herr K. aus M. unbedingt zu GLORYHAMMER. Zu meinem Unbill sind diese schon für 13 Uhr angekündigt und so werde ich meines Mittagsschläfchens beraubt, weil ich schon um halb zwölf aufs Fahrrad muss.

GLORYHAMMER gelingt es, für die frühe Stunde schon erstaunlich viele Fans vor die Bühne zu locken. In den vorderen Reihen finden sich einige Fans ein, die aufblasbare Einhörner in die Luft halten. Ein bemerkenswertes Deko-Objekt angesichts einer Band, die mit Piraten- und Ritterkostümen auf die Bühne steigt.

Der Auftritt findet sein jähes Ende, als die Bühne wegen der Unwetterwarnung schlagartig geräumt werden muss. Wir beschließen, ein paar Bekannte auf dem Zeltplatz zu besuchen. Sie sind im Wohnmobil angereist und versprechen damit ein trockenes Plätzchen während des Unwetters. Leider verlaufen wir uns in den Weiten des Campingareals und werden doch noch nass. Aber als zähbeinige Metalfans ficht uns das natürlich nicht an. Zum Abendprogramm sind wir wieder topfit und fiebern dem letzten Festivalauftritt von SLAYER auf deutschem Boden entgegen.

Gegen 22.45 Uhr ist es endlich soweit: Einmal noch Kerry Kings huhnartige Kopfbewegungen zum Gitarrenspiel beobachten, einmal noch 'Dead Skin Mask' hören, einmal noch Tom Arayas zufriedenes "Thank you for coming" erleben, einmal noch 'Raining Blood' hören und einmal noch das Drumsolo von 'Angel Of Death' spüren.

Letzteres klappt leider nicht so recht, weil Paul Bostaph es ein bisschen versaut. Sonst aber ist alles perfekt. Viel dunkelrotes Licht auf der Bühne, Pyro-Technik, viel Feuer und warme Luft bis ins Publikum, alle relevanten Songs – und zum Schluss tatsächlich ein sehr gerührter graubärtiger Tom Araya, der selig ins Publikum lächelt. Die BILD-Zeitung wird später suggerieren, er habe sich ein paar Tränchen weggedrückt. Sehr anrührend.

Tatsächlich hoffe ich, dass die Herren von SLAYER tun, was mir bei manch anderer Band eher auf die Nerven geht – sich nach der Abschiedstour in Bälde wieder zu einer Re-Union-Show zusammenzufinden. Dann wäre es nicht so hart…

VI

Hart ist es am Samstagmorgen. Das Wacken Open Air wird 30. Ich bin schon älter. Nach dem Frühstück noch ein Schläfchen, das wäre fein. Aber ich habe Herrn K. aus M. zugesagt, dass wir um 13 Uhr SUBWAY TO SALLY anschauen. Einige Jahre haben wir sie nicht mehr gesehen, weil sie immer den letzten Slot auf Wacken gespielt haben, bis nachts um 3 Uhr. Dem sahen wir uns nicht gewachsen. Nun muss es mittags klappen.

Die SUBWAYs sind immer noch die alten. Eric Fish hat wieder ein bisschen weniger Haare, aber ist immer noch energiegeladen wie eh und je und fordert die Fans zum Schrei auf. Eine gute Stunde performen die Potsdamer, die – wie Eric stolz verkündet - immerhin auch schon auf 28 Jahre Bandgeschichte zurückblicken. Dem Auftritt in der Mittagssonne fehlt ein bisschen der dunkle Zauber, so dass mir der Gedanke kommt, man könne doch mal wieder eine Hallen-Tour der Truppe besuchen.

Die folgende Band verströmt auch keinen dunklen Zauber, sondern passt nach meinem Geschmack eher in die Kategorie des Schlager-Metals. BATTLE BEAST steht auf dem Programm. Herr K. aus M. verschwindet gut gelaunt in der Menge vor der Faster Stage, während ich es vorziehe, mir das Keyboard-Spektakel um Sängerin Noora Louhimo vom Rasen aus anzusehen. Bei einem Soja-Cappuccino spare ich meine Kräfte für den langersehnten Auftritt von POWERWOLF auf.

Folgt man den Angaben der Metal-Polizei, gehört diese Truppe zwar auch in die Schlager-Metal-Fraktion, das führt aber nicht an der Tatsache vorbei, dass Sänger Attila Dorn es mit seinen vier Mitstreitern ausgesprochen gut versteht, das Publikum bestgelaunt zur Metal-Messe einzuladen. Die bekannten Hits der Formation werden mit den üblichen Mitsingspielchen präsentiert und dieses Mal lässt es sich Attila Dorn nicht nehmen, das WACKEN OPEN AIR angesichts des 30jährigen Jubiläums heilig zu sprechen.

Während der heiligen Metal-Messe rollen die Crowdsurfer nur so über uns hinweg. Ganz schön anstrengend! Ein paarmal kann ich mich erfolgreich wegducken und dem Stiefel im Genick aus dem Weg gehen.

Der Headliner des Samstagabends heißt PARKWAY DRIVE und ich muss einräumen, dass diese australische Metalcore-Combo unseren Weg im Metal-Ozean bisher nicht gekreuzt hat.

Herr K. aus M. und ich sind uns einig, dass PARKWAY DRIVE es wert ist, sich künftig etwas genauer mit deren Veröffentlichungen zu beschäftigen. Sänger Winston Mc Call zeigt sich wahrhaft gerührt von der Masse des Publikums und der Resonanz auf seine Musik. Schön zu sehen.

VII

Wir haben uns vorgenommen, diesmal bis zum Schluss zu bleiben. RAGE steht mit dem Lingua Mortis Orchester auf dem Programm und hat angekündigt, das komplette Album "XIII" zu spielen, das inzwischen auch 21 Jahre auf dem Buckel hat. Aber zuvor ist noch einmal schlimmer Schlager-Metal zu überwinden. Auf der Louder Stage wird der EISBRECHER erwartet. Und ich gestehe: Ja, ich habe richtig Spaß. Frontmann Alexander Wesselsky ist ein charismatischer Typ, der nicht nur eine interessante Singstimme hat, sondern auch als Sprecher mit deutlicher Artikulation überzeugt. Daran habe ich Freude und nehme dafür das zuweilen simple, aber überaus unterhaltsame Strickmuster der EISBRECHER-Songs in Kauf.

Dann hat das letzte Stündlein des 30. WACKEN OPEN AIR geschlagen. Um 1.45 Uhr betritt Peavy Wagner im orchestralen Klangmeer der Lingua Mortis Streicher die Bühne. Auch er gehört zu jenen Musikern, die sich immer bestens gelaunt präsentieren. Zu später Stunde hinter den dunklen Gläsern seiner Sonnenbrille versteckt, führt Peavy ohne viel überflüssiges Geschnörkel durch das Programm.

Wir haben uns für dieses Konzert zur Abwechslung einmal in den hinteren Bereich des Infields zurückgezogen. Dort ist es jetzt schon ziemlich leer. Vor uns weitet sich der Blick auf die gesamte Breitseite der Hauptbühnen, die von mehreren Leinwänden flankiert werden. Selbst hier hinten ist der Sound noch erstklassig und als kleiner Mensch kann ich trotzdem alles sehen.

Um kurz nach halb drei weht uns zu 'Higher Than The Sky' der kühle nächtliche Sommerwind um die Nase. Dann ist das Festival vorbei.

Beseelt rollen wir mit unseren Leihrädern durch die Nacht zum Nord-Ostsee-Kanal und sinken kurz vor vier Uhr einmal mehr im Luftkurort in die Kissen.

12:38 11.08.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Malahia Malahios

Aus der Mitte des Lebens in die Welt blickend, schreibend, singend, denkend...
Malahia Malahios

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