Und täglich grüßt der Hurrikan ...

Sandy, Mandy, Peggy Seit knapp einer Woche befinden sich sämtliche Medien im Ausnahmezustand wegen Sandy aus der Karibik (nicht zu verwechseln mit Angie aus'm Osten). Das nervt gewaltig!
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Ehrlich gesagt, ich kann's nicht mehr hören. Dass jetzt auch noch der Freitag auf seiner Homepage über Sandy berichtet, wenn auch nur über im Zusammenhang mit seinen Auswirkungen auf die Präsidentenwahl in Amerika, ist da nur ein weiterer Tropfen im längst übergelaufenen Fass der wohl organisierten Medienhysterie um einen simplen Herbststurm.

Seit Tagen berichten Heerscharen von Reportern, die von seriösem Journalismus in der Mehrzahl offenkundig noch nie etwas gehört haben, über nichts anderes mehr als über den Untergang New Yorks, den perfekten Sturm oder - in Informatikerjargon - den Bastard Hurricane from Hell. Minütlich und kellergenau wird über den Wasserstand berichtet und mit dramatischen Bildern dokumentiert, wie die amerikanische Ostküste verheert wird wie noch niemals zuvor ... garantiert nicht ... niemals ... von keinem anderen Sturm. Das garniert mit den laut weinenden dicken Kindern von US-Landau ... pardon, den von McDonald's gemästeten Flutopfern, die in jedes Mikrofon plärren müssen, wie schrecklich doch alles sei und dass sie doch alles verloren hätten und sie jetzt nur noch hoffen und beten, dass es besser werden möge.

Mindestens drölf Liveticker gleichzeitig (Beispiele: Focus, Spiegel, B**D), die im Zusammenhang mit einer Naturkatastrophe die größtmögliche Perversion ihres eigentlichen Einsatzzwecks bei Sportveranstaltungen erreicht haben, versorgen die vor Sensationsgeilheit schon ganz feucht gewordenen Leser und Zuschauer auch mit den letzten Details, wie folgender sprachlich durchaus fiktiver, aber gedanklich umso realerer Tickerausschnitt zeigt:

12:15 - Die Flut erreicht jetzt völlig überraschend die George-W.-Bush-Sonderschule, in der über zweitausend Menschen hilflos ausharren. Das wird nasse Füße geben.

12:17 - Die Menschen rennen in Panik aus allen Türen und springen aus den Fenstern, um dem Wasser zu entkommen. Lauf, Forest, lauf!

12:20 - Die letzten werden gerade vom Wasser eingeholt und fortgerissen. Macht's gut ihr Trottel! Und esst weniger Fastfood, dann klappt's auch mit dem Fliehen.

12:21 - Na, schon einen neuen Schlüpfer angezogen, ihr Gaffer? ;-)

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Aber mal im Ernst: Worum geht es eigentlich bei diesem Medienhype? Nein, Deutschland ist nicht Weltmeister geworden, sondern ein ganz normaler, etwas stärker ausgefallener Sturm, wie er jedes Jahr zigmal in der Karibik entsteht, ist über den Atlantik in die USA gezogen. Und wie üblich schwadronieren alle greifbaren Experten darüber, wie schwer und verheerend doch der Sturm doch wahr, wie viele Opfer er gekostet hat und dass der Mensch ja über den KlimawandelTM auch mit dran schuld sei. "The same procedure as every year", würde Miss Sophie also sagen. Neuigkeitswert gleich Null, hat man alles schon gesehen.

Dass nun etwa ein halbes Dutzend TV-Sender und praktisch alle anderen Nachrichtenmedien die Hälfte ihrer Korrespondentendarsteller zu diesem intergalaktischen Großereignis abordnen und dafür bereitwillig die eigentlich wichtigen in- und ausländischen Nachrichten verschweigen - ja, das Leben in Deutschland und anderswo geht trotzdem weiter! -, zeigt eigentlich nur folgendes:

- Offenbar gibt es viel zu viele Möchtegernjournalisten in diesem Land oder eine verdammt miese Allokation ihrer verfügbaren Ressourcen.

- Die deutsche Berichterstattung ist wie fast immer rein US-fixiert. Wen interessieren schon die Toten und Verletzten aus der Karibik, wo der Sturm auch Verwüstungen hinterlassen hat. Vielleicht sind heulende Kubaner aber auch einfach nicht so telegen wie flennende Amis. Und wenn irgendwo in der Welt, etwa in Bangladesch, mal wieder einige hundert bettelarme Menschen ersaufen, weil man sich dort weder Deiche noch stabile Häuser leisten kann, kommt das bestenfalls unter ferner liefen, obwohl es uns im Alltag genauso sehr tangiert wie Sandy - nämlich gar nicht.

- Vergleicht man den Umfang der Berichterstattung mit dem bei ähnlich schlimmen oder schlimmeren Stürmen wie damals bei unserem Lothar, wird eigentlich der mediale Overkill erst vollkommen deutlich. Damals kam der Sturm, legte ein paar Millionen Bäume und etliche Gebäude flach, und man machte sich hinterher konzentriert ans Aufräumen. Berichterstattung klar, aber deswegen Liveticker? Och nö, passiert doch jeden Winter. Oder anders: Würden die Medien über jede Sturmflut an deutschen Küsten dermaßen berichten, könnte man den ganzen Winter die Schlagzeilen dafür reservieren.

- Kurzum: Sämtliche Nachrichtensender, vielleicht mit Ausnahme von Phoenix und Arte, aber leider definitiv auch ARD und ZDF mit ihren trivial-journalistischen Glanzstücken wie dem Morgenmagazin versagen in ihrer Kernaufgabe. Auf Basis der Erfahrungen der letzten 30 Jahre bin ich sogar versucht zu sagen, man sollte die betroffenen kommerziellen Privatsender wieder zwangsweise abschaffen, aber das ist eine andere Diskussion.

Bezogen auf die USA bleibt vielleicht noch festzuhalten, dass man anscheinend aus den letzten gefühlt tausend Hurrikanen so ziemlich nichts gelernt hat. Ist ja nicht so, dass es nicht 1992 den schlimmen Andrew in Floria oder 2005 die böse Katrina in New Orleans und ganz früher noch andere wie den Labor-Day-Hurrikan 1935 gegeben hätte. Aber immer noch sind selbst die meisten Neubauten nach europäischen Maßstäben erbärmliche Bruchbuden, die keinem Lüftchen standhalten können. Die Deiche sind nicht hinreichend gesichert und die übrige Infrastruktur wie Stromleitungen unverantwortlich anfällig. Ganz zu schweigen vom schlecht organisierten Katastrophenschutz durch die FEMA, die ganz merkbefreite Kapitalismusfanatiker würden sogar am liebsten privatisieren wollen, damit überhaupt nichts mehr geht.

Leider sind dies alles ganz zentrale Aspekte, die praktisch keiner der in Busladungen angekarrten Reporter einmal ins Scheinwerferlicht rückt. Gerade sie würden aber zusammen mit einer vernünftigen Dosierung der Informationen der Berichterstattung über ein solches Ereignis wie Sandy ein Mindestmaß an NiveaTM geben. Die Hoffnung stirbt zwar nie, doch so, wie sie sich derzeit präsentiert, kann man nur hoffen, dass mit Sandy der Tiefpunkt des Katastrophenjournalismus erreicht ist.

Ich für meinen Teil befürchte das Schlimmste, wenn es demnächst Fortsetzungen dieses Dramas geben sollte ... wir sehen uns dann bei Fukushima 2: "Die letzten Reaktoren" oder Schneesturm in Punxsutawney, Teil 257.

22:55 31.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Malte D.

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