Kunstgeschichtliche Leichenfledderei

NAZIS Kritische Anmerkungen zu einer Ausstellung

Die gegenwärtige Ausstellung der Kunst-Werke Berlin in der Auguststraße wird bis Ende September verlängert! Ich freue mich darüber, weil mir diese Verlängerung die Gelegenheit gibt, einen Vorschlag zu machen.

Ich selbst habe mich auf meinem Rundgang an die offensichtlich beabsichtigte Reihenfolge beim Ansehen der vielen Räume gehalten und war zuerst in der schönen großen Halle, durch deren Fenster die alte Hinterhof-Industriearchitektur zu sehen ist. Dinos Jake Chapman konnten sich dort mit neun Riesenfotos (von Norbert Schöner) ausbreiten.

In London haben die beiden Brüder in einer 8,5 Quadratmeter großen Skulptur "auf einem invertierten (also auf einem umgekehrten?) Hakenkreuz über 5.000 handgeformte und handbemalte spielzeuggroße Figurinen zu einem unfassbaren Inferno inszeniert" . So kann man es in der Pressemitteilung der Kunst-Werke Berlin lesen. Offensichtlich sind Schöners Fotografien Detailaufnahmen aus diesem plastischen Spielzeuginferno. Auf den Fotos sieht man, wie geköpft, gefesselt, gepfählt, zerrissen und kannibalisch gefressen wird. Wird eigentlich auch geschossen?

Was sieht man noch? Unendlich viele Hakenkreuzbinden an den Armen der uniformierten Stahlhelmträger. Wehrmachtssoldaten mit Hakenkreuzbinden am Ärmel - gab's das? Historische Fotos und Zeitzeugen sagen anderes. Aber vielleicht geht es um künstlerische Freiheit? Was sagt uns aber ein Leichenberg, dessen Tote auch Hakenkreuzbinden tragen? Was jenes Detail, das einander helfende Hakenkreuzträger zeigt, von denen einer die Hose bereits verloren hat, damit ein weiteres tabuverletzendes Körperteil sichtbar werden kann? Auch hier hilft uns die Presseerklärung zur Ausstellung weiter, sehr weit sogar: "In einer Zeit jeder Möglichkeit der Genmanipulation sehen die Chapman-Brüder die Nazis aber auch als die eigentlichen Initiatoren der Eugenik, deren Ziel es war, einen perfekten Menschen zu züchten. Diese gezüchteten Übermenschen sind es nun, die die Chapmans angreifen. Die Nazis rücken somit als zu Bestrafende in den Mittelpunkt, was die Grenze zwischen Tätern und Opfern irritierend verschwimmen lässt - die Opfer werden zu ähnlichen Bestien wie ihre Peiniger."

Das ist also die Begründung für infantiles (oder spätpubertäres?) Tun der Chapman-Brüder? Sie berufen sich auf ihre Bewunderung von Goyas Desastres de la Guerra. Dieser Tatsache verdanken wir nun, dass alle Goya-Radierungen im obersten Ausstellungsraum der Kunst-Werke zu sehen sind. Nachdem man die kleinen Blätter von Goya gesehen hat - und auch die Rückseite der diagonalen Stellwand mit der Folge Disasters of War von Dinos Jake Chapman, muss einem klar werden, dass sich hier Erben breitgemacht haben, die keine sind und die kein Recht haben, sich auf Goya zu berufen. Von Goya gibt es andere Traditionslinien! Die Radierfolge Der Krieg von Otto Dix gehört dazu, oder Curt Querners Selbstbildnisse. Dass Querners Selbstbildnis mit der Brennessel (1933) jetzt bei der neuen Hängung in der Neuen Nationalgalerie neben Dix' Flechtheim-Porträt (1926) hängt, ist für mich eine Beruhigung, dass Gutes irgendwann doch zu Gutem findet.

Was sich aber zur Zeit in den Räumen der Kunst-Werke darbietet, ist Fledderei einer der größten humanistischen Kunstleistungen der Geschichte, zu der allerdings gut die naturalistische Darstellung einer Leichenfledderei im zweiten Obergeschoss passt!

Deshalb mein Vorschlag für Besucher dieser Ausstellung: Zuerst sollte man zu Goyas Desastres de la Guerra hinaufsteigen - und dann herab in die Niederungen der gegenwärtigen Kunst. Zumindest aber sollte man die Kunst-Werke nicht verlassen, ohne die Goya-Blätter gesehen zu haben!

Galerie KUNST-WERKE: Dinos Jake Chapman, Erik Steinbrecher, John Isaacs, Thierry Fontaine und Francisco Goya - noch bis Ende September

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