Märkische Seestücke

LAUDATIO Zum 90. Geburtstag des Berliner Malers Arno Mohr

Wir haben uns drei Stunden lang die neuen Bilder angesehen und für die Ausstellung im Berliner Dom fünf ausgewählt. Alle diese »märkischen Seestücke« geben Himmel und Wasser viel Raum - dazu nur eine Horizontlinie. Ich glaube, es sind auch Meditationsbilder - für's Nachdenken, auch über des Menschen Raum.

Die Arbeit auf Papier, die wir an diesem Nachmittag zusätzlich zu den Bildern ausgesucht haben, sind nun folgerichtig auch Menschenräume: Straßen, Zimmer - nie ohne Fenster - und der Platz auf dem Friedhof.

Die Auswahl war also getroffen, vieles war angesehen worden und lag nun wieder in den Fächern. Darüber, warum man nur das malen könne, was man wirklich kennt, war gesprochen worden. Und warum man zum Malen nicht in alle Welt fahren müsse. Und weshalb Arno Mohr selbstverständlich ein Bühnenbild zu Hauptmanns Ratten machen könne - aber nicht zu Othello.

Auf dem Fußboden stand eine Flasche Weißwein bereit. Endlich fand sich auch ein Korkenzieher - und ein paar ungerecht verschieden große Gläser.

Mein alter Lehrer suchte einen Übergang. Das Werkstattgespräch sollte eine neue Dimension erhalten. Leider ist mir seine geschickte Überleitung entfallen...

Aber danach sagte er - an den Theologen unter uns gewandt und sich durchaus einer gewissen Provokation bewusst: »Gott hat zwei Fehler gemacht bei seiner Schöpfung. Erstens: Er hat den Menschen geschaffen.« Von diesem Gottesfehler kommt mein Lehrer auf alle Menschenfehler zu sprechen. Und das sind bekanntermaßen viele.

Nach einer halben Stunde nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte meinen Lehrer: »Und was war der zweite Fehler?« Die Frage führte zu einer ziemlichen Ratlosigkeit, die sich durch nachdenkliche und mitdenkende Stille im Raum breit machte.

Der Theologe war der erste, der wieder etwas sprach: »Vielleicht hilft uns das hier auf die Spur... Es treffen sich zwei Planeten - sagt der eine: Du siehst aber schlecht aus. Was ist denn das für eine Krankheit?

Sagt der andere: Homo sapiens.

Erwidert der erste: Hatte ich auch mal, das gibt sich wieder.«

Und Heinz Hoffmann hatte recht. Sein Beitrag führte zum Ziel. Mein verehrter Lehrer fand den zweiten Fehler der Schöpfungsgeschichte: »Gottes zweiter Fehler war die Erschaffung der zu großen Tiere, der Saurier zum Beispiel.«

Jetzt endlich lag es an mir, die Änderung der Reihenfolge der Gottesfehler vorzuschlagen - die zu großen Tiere seien ja schon ausgestorben und somit der Fehler korrigiert - aber der zweite Fehler noch nicht...

Die Weinflasche war leer, das Werkstattgespräch hatte ein Ende gefunden. Der oberste Werkstattleiter war kritisiert worden. Der Theologe gab Hoimar von Ditfurth als seinen »Schutzheiligen« zu erkennen. Dessen beruhigende Mitteilung, dass das Leben nach Abtreten einer Art nicht zu Ende sein würde, beruhigte für diesen späten Nachmittag den 89-jährigen Meister, den 64-jährigen Pfarrer und den 57-jährigen Schüler.

Der Grafiker Manfred Butzmann studierte in den sechziger Jahren an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Arno Mohr.

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden