Night Will Fall hat mein Leben verändert

Zu spät? Der 70. Jahrestag nach der Befreiung von Auschwitz hat mein Leben durch das Film-Projekt “Night Will Fall“ (ARD, 27.01.2015) verändert - Leider 70 Jahre zu spät!
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Das Film-Projekt Alfred Hitchcocks dokumentiert das schlimmste Menschheitsverbrechen der Welt in den Jahren 1933 bis 1945.

Die Bild- und Filmdokumente, die bei der Befreiung der Vernichtungslager und Konzentrationslager durch die Alliierten bei der Befreiung von Auschwitz vor 70 Jahren entstanden sind, haben einen unschätzbaren Wert für zukünftige Generationen.

Aufgrund der Tatsache, dass 80% der Deutschen heute (2015) gerne einen "Schlussstrich" unter das Thema "Holocaust" ziehen wollen, ist das nun veröffentlichte Zeitdokument von allergrößter Bedeutung.

Hitchcocks Film wurde nach seiner Fertigstellung leider der Öffentlichkeit vorenthalten.

Leider sage ich aus meiner ganz persönlichen Sicht, als ein Nachkriegskind der letzten Täter-Generation. Täter waren für mich immer alle Deutschen, die seit 1933 die NSDAP gewählt haben, sei es als Parteimitglied, als Wähler oder als Mitläufer.

Ich bin 1950 geboren und kann mich an die ersten Fernsehbilder Anfang der 1960er Jahre erinnern, die Bilder von Auschwitz und Berichte über den Eichmann-Prozess zeigten.

Die Kommentare der Erwachsenen, also die meiner Eltern, der Großeltern, der Onkel und Tanten und deren Freunde waren nur reine Beleidigungen und Schuldzuweisungen an die Opfer des Nazi-Terrors - ein Leben lang.

"Propaganda und Lügen der Feinde Deutschlands" seien das alles: Wir haben von allem nichts gewusst. - Polen waren Polaken und sind es geblieben. Russen waren Barbaren. - Und wer nicht für Hitler war, war zuerst nur eines "ein Vaterlandsverräter". - Und die Juden, die hätten nichts anderes verdient, schon deshalb, dass sie unseren Herrgott gekreuzigt hätten.

- So lauteten die allgemeinen Meinungen.


Erst ab meinem 15. Lebensjahr waren Gespräche außerhalb der Familie möglich. Z.B. in der Schule und später in der Berufsschule. Die Weichen für meine Entwicklung waren durch Lügen und Schweigen längst falsch gestellt.

Mein Vater wollte mit mir "über alles reden", wenn ich alt genug sei, alles zu verstehen. Ich fühlte mich mit 15 Jahren alt genug. - Das Schweigen war unerträglich - und dann war es zu spät. mein Vater starb, bevor ich 16 wurde. Meine Mutter hält ihr Schweigen bis in die Demenz.

Mein Leben wäre anders verlaufen

wenn ich als Kind und Jugendlicher Hitchcocks “Night Will Fall“ gesehen hätte.

Und natürlich, wenn alle Familienangehörigen, Lehrer und Jedermann diese Dokumentation vor 70. Jahren als Zeitdokument gesehen und begriffen hätten.

Dann hätten die Täter nicht ihre Schuld - mit Hilfe der Justiz und der Politik - so einfach leugnen können.

Unser aller Leben wäre anders verlaufen

Die Alliierten haben die Täter-Generationen geschont und damit deren Nachkommen einen schlechten Dienst erwiesen.

Auch gegenüber den Opfern des Holocaust war die Entscheidung schlicht unangemessen. - Wurden sie verschont von den Wahrheiten? Nein!

Diese Entscheidung war falsch

für die Opfer und deren Nachkommen und für die Täter und deren Nachkommen. Bis heute. 70 Jahre danach.

22:26 28.01.2015
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Geschrieben von

Manfred Fröhlich

Ich twittere gelegentlich als Fenschtergucker @Kulturbuendnis
Manfred Fröhlich

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