Krieg und Landraub. Finanzielle Interessen und Dynamik von 'Land-Grabbing' in der Ukraine.

Wem gehört das Ackerland? 4,3 Millionen Hektar des fruchtbarsten Ackerlandes werden großflächig genutzt, mit drei Millionen Hektar in den Händen von wenigen Agrarunternehmen. Diese sind eine Mischung aus ukrainischen Oligarchen und ausländischen Interessenten.

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Krieg und Diebstahl von Boden und Land: die Übernahme von Agrarland in der Ukraine enthüllt die finanziellen Interessen und die Dynamik (vor und während des Kriegs), die zu einer weiteren Konzentration von Land und Finanzen führen werden.

Mit 33 Millionen Hektar Ackerland verfügt die Ukraine über große Teile des fruchtbarsten Ackerlandes der Welt. Fehlgeleitete Privatisierungen und korrupte Regierungsführung haben seit den frühen 1990er Jahren konzentriert Land in die Hände einer neuen oligarchischen Klasse gebracht.

Rund 4,3 Millionen Hektar Ackerland werden großflächig landwirtschaftlich genutzt, mit dem Löwenanteil von drei Millionen Hektar unter der Kontrolle von nur einem Dutzend großer Agrarunternehmen.

Hinzu kommen nach Angaben der Regierung rund fünf Millionen Hektar – die Größe von zwei Krimflächen – die von privaten Interessen aus dem Staat Ukraine „entzogen“ wurde.

Die Gesamtmenge an Land, das von Oligarchen, korrupten Einzelpersonen und großen Agrarunternehmen kontrolliert wird (Stichwort "Land Grabbing"), beträgt somit mehr als neun Millionen Hektar, das sind 28 Prozent der Ackerfläche des Landes. Der Rest wird von über acht Millionen ukrainischen Landwirten genutzt.

Die größten Landbesitzer sind eine Mischung aus ukrainischen Oligarchen und ausländischen Interessen – hauptsächlich europäische und nordamerikanische sowie der Staatsfonds von Saudi-Arabien. Namhafte US-Pensionsfonds, Stiftungen und Universitätsstiftungen werden über NCH Capital, einem in den USA ansässigen Private-Equity-Fonds, investiv gesteuert.

Mehrere dieser Agrarunternehmen, die weitgehend von den sogenannten Oligarchen beherrscht werden, haben sich für westliche Banken und Investmentfonds geöffnet – darunter prominente wie Kopernik, BNP oder Vanguard – die nun einen Teil der Aktien kontrollieren.

Die meisten Großgrundbesitzer sind in erheblichem Umfang bei westlichen Fonds und Institutionen verschuldet, insbesondere bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und der Weltbank.

Die westliche Finanzierung der Ukraine in den letzten Jahren war an ein drastisches Strukturanpassungsprogramm gebunden, das Spar- und Privatisierungsmaßnahmen erforderte, einschließlich der Schaffung eines Grundstücksmarktes für den Verkauf landwirtschaftlicher Flächen.

Präsident Selenskyj setzte die Landreform / den Boden-Markt 2020 gegen den Willen der großen Mehrheit der Bevölkerung (erneut) in Kraft. Diese befürchtete, dass sie die Korruption weiter verschärfen und die Kontrolle durch mächtige Interessen im Agrarsektor verstärken würde.

Diese Befürchtungen sind Realität geworden.

Während sich Großgrundbesitzer massive Finanzierungen durch westliche Finanzinstitute sichern, erhalten ukrainische Landwirte – die für die Sicherstellung der heimischen Nahrungsmittelversorgung unerlässlich sind – praktisch keine Unterstützung.

Wenn der anvisierte Boden-Markt in Gänze etabliert ist, wird diese unterschiedliche Bevorzugung und Benachteiligung inmitten hoher wirtschaftlicher Spannungen und der Kriegsfolgen zur weiteren Landaneignung durch die großen Agrarunternehmen führen.

Die massive steigende Verschuldung der Ukraine wird von den Finanzinstituten und den politischen Akteuren als Druckmittel genutzt, um den Wiederaufbau nach dem Krieg in Richtung stark zunehmender Privatisierung und der bekannten neoliberalen Anpassungsprogramme in mehreren Sektoren, einschließlich der Landwirtschaft, voranzutreiben.

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Referenzen:

https://www.farmlandgrab.org/post/view/31489-ukraines-other-land-grab

https://www.oaklandinstitute.org/sites/oaklandinstitute.org/files/takeover-ukraine-agricultural-land.pdf

https://www.scmp.com/comment/opinion/article/3213127/ukraine-faces-unhappy-ending-even-if-it-wins-war-russia

https://ecoaction.org.ua/about-ecodiya

https://traveliteagro.com/en/about/

Podcast:

https://omny.fm/shows/the-take/ukraine-s-other-land-grab

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Manfred Staab, Geograph und Geoökologe, Mekong River Basin

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Geschrieben von

man.f.red

„Wenn einer, der mit Mühe kaum, gekrochen ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär, so irrt sich der.“ permakultur auf manfredstaab.

Geographer, Geo-Ecologist, Mekong River Basin.

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