Pornografisch für Anfänger

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ganze ELF Blogs gibt es nun schon zu Internetpornografie und Kindesmißbrauch. Alle ganz eklig. Vom Stichwort Kinderporno über "verfassungsrechtliche Bedenken" bis Zensur zieren Streitschriften die Community und zeugen von bedenklich unterscheidbaren Meinungen, welche offenbar im Volke kursieren. Nun ja, da ich hörte, daß sich traditionelle Meinungsbilder aus dem Mittelalter sogar bis in die Gegenwart gerettet haben sollen, und diese auf Ansichten stossen, die modern genannt werden, da wundert es mich nicht. Beispielsweise nahm ein Blogger beim WDR letztens die Gelegenheit wahr, zum Falle des Mordes an einem türkischen Mädchen mit anschließender Türkeiverfolgung - Sie wissen schon - seine Erkenntnisse aus Mexiko zu preisen, wo man sich gewisser "Probleme" im Dorfe selbst entledigt - gemeinschaftlich selbstverständlich. Volksverhetzung.

Nun hat aber Chris97 hier einen vergleichsweise sehr umfangreichen Blog gestartet, der mich vom üblichen Gemetzel abgesehen nachdenklich machte. Nicht, dass die Reaktionen der Leser anders als anderswo ausfallen würden - auch auf ihm wird wie in einem Hühnerstall herumgehackt, als gelte es, ihm den letzten Salat vor Sonnenuntergang zu entreissen. Doch hat er Umstände von Kinderpornografie und Kindesmissbrauch in Zusammenhänge gebracht. Seine persönlichen Erfahrungen, wie er sie geschildert, berühren und fördern ein Verständnis im Detail, dass vielerorts nicht vorhanden zu sein scheint.
Unabhängig davon wird mit diesem Artikel auch deutlich gemacht, daß Kindesmissbrauch wohl auch ohne Internet ein historisch zu nennendes Phänomen ist, welches Täter und Opfer, Geliebte und nicht Geliebte betrifft, aber so und so immer auch das Umfeld. Unter anderem wird klar, dass Gewalt viele Seiten und Wirkungen hat - viel mehr, als sich verängstigte Fähnchenschwenker träumen lassen. Erwachsenwerden hilft, sich zu arrangieren. Ob das Leben "danach" geglückt oder nicht geglückt ist - das ist eine Frage der persönlichen Perspektive. Außenstehende, die wie der Autor in das Mißbrauchs-Umfeld geraten, nehmen bestimmte Besonderheiten eher und auch unangenehmer wahr, als die Betroffenen selbst, die sich je nach Position damit über Jahre auseinandergesetzt haben - als Verdrängung, als Arrangement mit der Wahrheit oder beides.

Wie auch immer. Was mich berührt, ist, dass das Internet wie alle anderen modernen Kommunikationsmittel auch, "es besonders leicht für Täter und Konsumenten, sich auszutauschen" macht. Das ist für mich keine Frage, die man "abschalten" kann. Besonders leicht macht es das Internet. Früher machte es das Telefon "leicht", und noch früher Bunte Kärtchen mit Blümchen drauf. Nun ja, sowas macht es unter anderem. Unter anderem macht das Internet - besser gesagt - macht "man" mit dem Internet das Gegenteil, wovon zu berichten ist, wenn der ausgeschlafene Bürger unter nicht gewollten Verdacht gerät. Auch Sie, auch ich. Haben Sie Ihre Gedanken schon einmal in einer Suchmaschine gefunden? Wenn "er" also daran denkt, dass ihm Anzeigen drohen, weil er etwas bestimmtes bedacht oder weniger bedacht medial verbreitet hat. Kurzum - Herr Nullachtfünfzehn wird ausgegrenzt und verfolgt, denn er wird bereits durch den Staat bespitzelt und wird in Zukunft bespitzelt werden. Entrückt von wahrem Leben eifern fleißige Datensammler um die besten Storys - und manchmal um die Kopfprämie - von Staats wegen. Von Staats wegen wird die Apparatur zur Ausgrenzung immer weiter vervollkommnet, so wie Täter ihre Methoden vervollkommnen, um an ihre Opfer zu gelangen. Opfer? Also zurück zu uns. Jedermanns Chancen erhöhen sich, in einen Verdacht zu geraten. Wir alle, die Teil dieser Gesellschaft sind. Sie, Er, Es, der die gleichen Brötchen braucht, Blumen kauft oder einfach nur dasitzt. Eine Frage des Anstands? Der Staat beweist keinen Anstand, er handelt im Verborgenen und hat das Gewaltmonopol. Der Täter beweist keinen Anstand, er handelt im Verborgenen und nimmt sich vom Gewaltmonopol. Handelt es sich um eine Konkurrenz, bei wir nur mitspielen?

Während die "besonderen Situationen", zu denen ich den Mißbrauch zähle, eine besondere Solidarität der Gesellschaft erfordern, miteinander auszukommen und einen hohen Grad an Sozialisierung zu sichern, also Kriminalität (nicht Andersartigkeit) zu vermeiden, und gerade hier - unter uns - Verletzungen zu vermeiden, die die Gemeinschaft gefährden, organisiert der Staat vordergründig formale Mechanismen, welche die Ausgrenzung fördern. Wir werden als Preis für die wenigen genommen, die vom Pfade abkommen. Ganz unfreiwillig. Der Betroffene eines Missbrauchs mag mangels Erfahrung (Kind/Jugendalter) oder aus einem verhältnismäßig überdrehten Anspruch auf "Erleben" dem Anschein nach freiwillig auf einen Mißbrauch eingegangen sein. Oder aus sozialer Not (liegendes Gewerbe). Die Gründe sind immer sehr persönlich bedingt. Der Staat hingegen als Hüter gesellschaftlicher Normen des Zusammenlebens kontert mit technischen Bequemlichkeiten für Ermittlungsbeamte. Ist das moralisch, frage ich?

22:12 10.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

manstruator

Der Dummheit hat die Natur keine Grenzen gesetzt - sie ist menschlich.
manstruator

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