Manuel Negwer

Autor und Musiker, 1952 in Berlin geboren. 2012-2015 Leiter des Goethe-Instituts Pakistan, seit Juni 2015 Leiter des Goethe-Instituts Angola.
Manuel Negwer
RE: Keine "Nebensächlichkeiten des Wahlkampfes" | 04.11.2017 | 20:46

Schon gespenstisch, wie der Autor das derzeit für 44% der WählerInnen wichtigste politische Thema Migration/Flüchtlinge konsequent ausblendet. Umso unverständlicher, als das ja kein Modethema ist sondern auch noch in den nächsten Jahren virulent bleiben wird und zudem im BT-Wahlkampf deutlich geworden ist, dass die SPD damit kaum umzugehen versteht. Auch davor, dass dies untrennbar mit dem angeblich doch so zentralen Thema "soziale Gerechtigkeit" verschränkt ist, verschließt die SPD - und auch der Autor - recht ungerührt die Augen.

Ich fürchte, dass die SPD ihren eigentlichen Absturz erst noch vor sich hat. Ein Blick nach Frankreich, Österreich und in die Niederlande zeigt auf, was der SPD möglicherweise bald blüht. In der Tat wählen die Arbeiter hierzulande inzwischen nicht nur eher die CDU als die SPD sondern sogar die AfD - eine von mehreren Analogien zu Frankreich, wo der FN den Sozialisten die Lufthoheit über die Unterschichten schon seit langem abgenommen hat.

Mit der Ursachenforschung hapert es auch erheblich. Ob gerade die sozial schwachen Wähler - die in besonderer Weise unter der Nullzinspolitik der EZB leiden - mit "mehr Europa" für die SPD zu begeistern sein werden, scheint mir doch eine etwas blumige Vorstellung zu sein, wie vieles andere in dem Artikel auch( "Recht auf gute Arbeit" etc.). Wahlen werden nicht in Grundwertekommissionen sondern an der Wahlurne entschieden, diese Erkenntnis wird dem Autor womöglich nach den nächsten Wahlen dämmern.

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/28353/umfrage/wichtigste-von-der-politik-zu-loesende-probleme-in-deutschland/


RE: Die Jahrhundertaufgabe | 15.09.2017 | 18:41

Zwar hat die aus nigerianischen, kamerunischen und nigerischen Einheiten bestehende Multinational Joint Task Force in letzter Zeit Boko Haram empfindliche Verluste zufügen können, doch sind sie von einem abschließenden Sieg - den die Armee bereits 2015 ausrief - noch deutlich entfernt. Nicht nur das brutale Vorgehen der Militärs sondern auch die nach wie vor wirtschaftlich aussichtlose Lage in den betroffenen Gebietensorgt dafür, dass sich neue Freiwillige bei Boko Haram melden.

https://web.archive.org/web/20170728125741/http://www.tagesschau.de/ausland/bokoharam-171.html

Nigeria rangiert auf dem HDI-Index sehr weit unten: Platz 152.Seit Einbruch des Ölpreises 2014 sinkt die Wirtschaftsleistung ständig. Die soziale Lage der Bevölkerung - vor allem im Norden - ist kaum "entwickelter" als in den Nachbarländern.

RE: Die Jahrhundertaufgabe | 08.09.2017 | 21:26

"Naja, im Norden Nigeria gibt es ein paar Islamisten"

Ein "paar" Islamisten?? Boko Haram mit schätzungsweise zwischen 5000 und 15.000 Kämpfern wurde 2015 von "Global Terrorism Index" als gefährlichste Terrororganisation weltweit eingestuft. Seit 2009 ist Boko Haram für mindestens 30.000 Todesopfer und ca. 2,3 Millionen Binnenflüchtlinge in Nigeria und für 250.000 Flüchtlinge, die in den Tschad, nach Kamerun und Niger flohen verantwortlich.

http://economicsandpeace.org/wp-content/uploads/2015/11/Global-Terrorism-Index-2015.pdf

Die durch Massaker, Bombenanschläge, Entführungen und die von Boko Haram betriebene Politik der verbrannten Erde über die Greuel hinaus auch volkswirtschaftlich immensen Schäden für Nigeria sind noch gar nicht abzusehen. Besonders perfide sind die seit Neuestem von abgerichteten Kindern verübten "Selbstmord"-Anschläge von Boko Haram. Sogar China hat angesichts des immer weiter in der Region auswuchernden Terrors seine Unterstützung angeboten.

https://en.wikipedia.org/wiki/Boko_Haram

"ansonsten ein reiches afrikanisches Land"

...wie viele andere Länder Afrikas - im Prinzip - auch. Nur stellt Nigeria ein selbst für afrikanische Verhältnisse bemerkenswert korruptes und disfunktionales Staatsgebilde dar.

"Eritrea als marxistisches Experiment, ich weiss nicht..."

Die staatstragende Einheitspartei People's Front for Democracy and Justice (PFDJ) bezieht sich selbst auf den Marxismus im Sinne eines afrikanischen Sozialismus.

https://de.wikipedia.org/wiki/Volksfront_f%C3%BCr_Demokratie_und_Gerechtigkeit

RE: Die Jahrhundertaufgabe | 08.09.2017 | 17:48

"Erstens sind Ghanaer sehr prominent unter den migranten nach europa vertreten"

Falsch. Ghanaer sind keineswegs "sehr prominent" unter den Migranten/Flüchtlingen vertreten sondern rangieren ganz im Gegenteil mit kaum mehr als 10.000 im Jahr 2016 ganz eindeutig unter ferner liefen:

https://www.laenderdaten.info/Afrika/Ghana/fluechtlinge.php

Es kommt hinzu, dass Ghana zu den afrikanischen Ländern gehört, die selbst Ziel von innerafrikanischen Migration - also nicht nur Flüchtlingsbewegungen - sind. Hier alle migrationsrelevanten Daten zu Ghana:

https://rabat-process.org/images/RabatProcess/Documents/guide-use-migration-data-ghana-rabat-process.pdf

Und hier noch mal die Gesamtübersicht, aus der die Hauptherkunftsländer Eritrea, Kongo, Somalia, und Sudan ganz klar hervorgehen:

https://www.laenderdaten.info/fluechtlinge-nach-laendern.php

"und zweitens "flüchten" (besser "wandern") menschen aus Mosambik, Botswana und Namibia nicht nach europa sondern in die RSA (ein). Südafrika hat seit jahren ein ganz eigenes - von europa weitgehend unbemerktes - migrationsproblem."

Auch falsch, was Botswana und Namibia betrifft, die als Herkunftsländer der nach Südafrika strebenden Migranten absolut unterpräsentiert sind. Die mit Abstand größte Migrantengruppe hingegen, die nach Südafrika migriert/flüchtet, kommt aus Simbabwe, ein sich im übrigen als links verstehendes,wirtschaftlich und politisch komplett gescheitertes Regime.

Alle relevanten Daten dazu hier:

http://www.statssa.gov.za/publications/P0351/P0351December2016.pdf

"Und wenn es um die "Bedürfnisse ihrer Länder" geht, so handelt es sich auch hier um eine unerträgliche phrase! Länder haben keine bedürfnisse, die dort lebenden menschen aber schon."

Vielleicht wird es für Sie erträglicher, wenn wir den Begriff "Bedürfnisse" durch Defizite, Prioritäten, Handlungsbedarf, To-do-Liste o.ä. ersetzt.

Es gibt also keine Prioritätenliste für die Politik in Afrika? Schulbildung, Berufsausbildung und ein funktionierendes Gesundheitswesen entsprechen nicht den Bedürfnissen der Bevölkerung?

Na, das sind ja höchst erfreuliche Neuigkeiten...

RE: Die Jahrhundertaufgabe | 01.09.2017 | 09:33

"Deshalb muss die EU endlich ihre Wirtschafts- und Handelspolitik mit Afrika auf eine gerechte Basis stellen und den Menschen eine lebenswerte Perspektive in ihrer Heimat ermöglichen. "

Politisch korrekte Worthülsen wie diese - seid Jahrzehnten wiedergekäut - sind genau das, was Afrika nicht weiterhilft. Nützlicher wäre es, sich die Herkunftsländer etwas genauer anzuschauen, aus denen die meisten Menschen fliehen. Dann wird man feststellen, dass dies zumeist von marxistischen Experimenten - Eritrea - oder von islamistischen Exzessen - Somalia, Nigeria - zerrüttete Länder sind und dass keineswegs ganz Afrika auf der Flucht ist.

Aus Botswana, Mosambik, Ghana, Ruanda oder Namibia machen sich kaum Menschen auf den Weg nach Europa - und dies nicht, weil der weiße Mann in Brüssel es verfügt sondern weil die jeweiligen Regierungen eine an den Bedürfnissen ihrer Länder orientierte Politik auf den Weg gebracht haben oder dabei sind, es zu tun.

Den Menschen eine lebenswerte Perspektive in ihrer Heimat ermöglichen ist in erster Linie die Aufgabe der afrikanischen Regierungen, von denen sich allzu viele schlichtweg weigern, die Priorität auf Schulen, Gesundheit, Berufsausbildung und Landwirtschaft zu legen. Das alles wirft nämlich keinen schnellen Profit für die oberen Zehntausend ab und - ein dumm gehaltenes Volk lässt sich nun einmal leichter beherrschen und in Schach halten.

RE: Djo Versace | 01.09.2017 | 08:12

Originelle Momentaufnahme eines ungewöhnlichen Projektes, das unbekannte Qualitäten Afrikas hervorhebt.

RE: Der lange Schatten der Partei | 30.08.2017 | 07:50

Hallo Hermann,

das ist in Angola nicht anders, vor allem der Putschversuch, der 1977 innerhalb der MPLA stattfand, um Agostinho Neto zu entmachten und die Partei stramm auf Sowjetkurs zu bringen, ist ein Tabu. Die Revolte wurde mit Hilfe der Kubaner niedergeschlagen und der anschließenden Hexenjagd fielen Tausende unschuldige MPLA-Aktivisten zum Opfer. Das Ganze ist nicht einmal ansatzweise aufgearbeitet und ein ganz heisses Eisen, zumal dieTäter von damals zum großen Teil noch leben.

Bundesdeutsche politische Stiftungen sind derzeit in Angola nicht tätig, allerdings bemüht sich die Konrad Adenauer-Stiftung seit einiger Zeit, ein Büro in Luanda zu eröffnen.

beste Grüße

MN

RE: Der lange Schatten der Partei | 29.08.2017 | 19:13

ganz herzlichen Dank für den Hinweis! Bereits korrigiert :-)

beste Grüße

MN

RE: Pakistans verhängnisvolles Erbe | 28.08.2017 | 08:55

besten Dank für das Update, es sollen inclusive Kaschmir und Gilgit-Baltistan - die in dem erwähnten Zensus nicht berücksichtigt sind - sogar mehr als 220 Millionen sein:

http://derstandard.at/2000063173740/Zensus-in-Pakistan-ueberraschte-mit-mehr-Millionen-als-gedacht

RE: Islamisches Utopia oder gescheiterter Staat? | 19.08.2017 | 08:24

besten Dank für diesen sachkundigen Kommentar, dem kaum etwas hinzuzufügen ist. In der Tat ist es diesem auch landschaftlich schönen und kulturell so reichen Land und seinen schwer geprüften Menschen sehr zu wünschen, dass sich Wege zur Lösung der nicht gerade wenigen Probleme auftun. Dies wird sicherlich nicht in kurzer Zeit zu bewältigen sein sondern ist eine Herausforderung für eine oder zwei Generationen. Genügend kritische und intelligente Menschen, die dies bewältigen könnten, gibt es in Pakistan und wenn es gelänge, die dafür nötigen politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, könnten sich Perspektiven für eine bessere Zukunft eröffnen.