Islamisches Utopia oder gescheiterter Staat?

Die Geburt Pakistans Auch 70 Jahre nach seiner Gründung bleibt Pakistan hinter seinen selbstgesetzten Idealen zurück
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Islamisches Utopia oder gescheiterter Staat?

Foto: Rizwan Tabassum/AFP/Getty Images

Es mutet wie ein vergiftetes Geburtstagsgeschenk an, das der Oberste Gerichtshof Pakistans der Nation bescherte, als er am 28. Juli dieses Jahres Premierminister Nawaz Sharif aus dem Amt enfernte – kaum mehr als zwei Wochen vor dem 70. Jahrestag der Staatsgründung. Bereits zweimal zuvor hatte der Spross einer mächtigen Industriedynastie im Laufe seiner Politikerkarriere das Amt des Premierministers bekleidet und zweimal - 1993 und 1999 –verlor er es auch wieder auf Betreiben der mächtigen Armeeführung. Das Verdikt des Gerichtshofes gegen Sharif erfolgte zwar aufgrund von Korruptionsvorwürfen, doch dürfte das Militär hinter den Kulissen Druck ausgeübt haben, um den unbeliebten Premier aus dem Verkehr zu ziehen. Auch 70 Jahre nach seiner Gründung ist Pakistan damit weiter von demokratischer Stabilität entfernt, als es sich seine Gründer einst erträumt hatten.

Die Zwei-Nationen-Theorie

Der Entwurf einer Heimstatt für die Muslime Indiens wurde von dem eher säkular geprägten - auch als Qaid-i-Azam (großer Führer) apostrophierten - Staatsgründer Mohammed Jinnah mit dem Ende der britischen Herrschaft in Indien am 14. August 1947 verwirklicht. Die Vision einer muslimischen Autonomie innerhalb des zu entkolonisierenden Britisch-Indiens reicht indes weiter zurück. Pakistan - Land der Reinen - sollte der neue Staat nach einem Vorschlag von Choudhary Rahmat Ali heissen, dem Begründer des Pakistan National Movement.

Doch als geistiger Vater Pakistans gilt der Dichter und Philosoph Muhammad Iqbal (1877-1938), ein glühender Goethe-Verehrer, der Jura und Philosophie in Heidelberg und München studierte, wo er mit der Dissertation Die Wiederbelebung des religiösen Denkens im Islam promovierte. Iqbals Lebenstraum war die islamische Renaissance, der er mit Hilfe der westlichen Philosophie den Weg bereiten wollte.

Am 29.Dezember 1930 hielt Iqbal auf dem Kongress der All-India Muslim League eine aufsehenerregende Rede, in der er seine Zwei-Nationen-Theorie präsentierte, wonach die Muslime Indiens eine eigene Nation bildeten und somit in einem zukünftigen freien Indien Anspruch auf politische Autonomie hätten. In mehreren Briefe an Jinnah legte Iqbal seine Vorstellungen dar und überzeugte ihn schließlich von der Sinnhaftigkeit einer selbstverwalteten Muslimregion. Im Indischen Nationalkongress hingegen stieß diese These auf Ablehnung, da man dahinter britische divide et impera-Machenschaften und territoriale Ansprüche der Muslimliga vermutete. Gandhi weigerte sich entschieden, in Hinduismus und Islam gegensätzliche, gar unvereinbare Kulturen zu sehen, doch gelang es ihm immer weniger, die Muslime in der Kongresspartei zu halten.

Im März 1940 verabschiedete die Muslimliga die Lahore-Resolution, in der erstmals öffentlich die territoriale Abspaltung der Gebiete mit muslimischer Mehrheit von Indien gefordert wurde. Von der Lahore-Resolution sollte Jinnah nun nicht mehr abgehen, weder Gandhi noch seinen britischen Gesprächspartnern gegenüber.

Countdown für Pakistan

Die Britische Kolonialverwaltung stand der Abspaltung autonomer Muslimgebiete kritisch gegenüber und versuchte eine von britischen Gouverneuren begleitete Übergangsphase bis zur endgültigen Unabhängigkeit Indiens auszuhandeln. Auf der Simla-Konferenz im Mai 1945 kam es zum Treffen zwischen dem Vizekönig und den politischen Führern Britisch-Indiens, in dem es um die künftige Gestaltung der indischen Selbstverwaltung ging. Auch hier blieb Jinnah kompromisslos und bestand auf dem Alleinvertretungsanspruch der Muslimliga für alle die Muslime betreffenden Belange. Im März 1946 kam es zu einem erneuten britischen Versuch, die Einheit Indiens zu bewahren. Der britische Vorschlag eines dezentral regierten föderalen Indien wurde von Nehru zurückgewiesen, worauf Jinnah mit der Forderung nach einem unabhängigen, auch territorial separaten Pakistan konterte.

Der Zeitdruck, endlich zu einer Lösung zu kommen, erhöhte sich dramatisch, als sich am 16.August 1946 der von dem muslimischen Bürgermeister Kalkuttas ausgerufene Direct Action Day in einem Massaker an Hindus entlud, das weit über 5000 Tote forderte und Hunderttausende obdachlos machte. Spontane Racheakte von Hindus an Moslems flammten in zahlreichen Orten Nord- und Ostindiens auf. Die aus den britischen Wahlen im Juli 1945 siegreich hervorgegangene Labour Party drängte auf eine verbindlichen Zeitplan für die Übergabe der Verwaltung Indiens in indische Hände, um einem Bürgerkrieg zuvorzukommen.

Unter diesem Zugzwang kam es im Juni 1947 zu einem Treffen des Vizekönigs Lord Mountbatten, der Gandhi, Jinnah und Nehru seinen Entwurf zur Trennung zwischen Pakistan und Indien vorlegte, der als Mountbattenplan bekannt wurde. Der Verlauf der neuen Grenzen wurde von dem Juristen Cyril Radcliffe festgelegt. Die Radcliffe-Linie wies dem künftigen Pakistan zwei Gebiete zu, die durch das Territorium Indiens ca. 1600 km voneinander getrennt waren: West- und Ostpakistan, das 1971 zu Bangladesch werden sollte.

Mit dem vom britischen Parlament verabschiedeten Indian Independence Act wurde am 14. August 1947 um 0 Uhr die Macht an Indien und den neuen Staat Pakistan übergeben. Mountbatten selbst stand den Erfolgsaussichten des neuen Staates Pakistans äußerst skeptisch gegenüber. In einem späteren Interview antwortete Mountbatten auf die Frage, ob er das Projekt Pakistan nicht torpediert hätte, wenn er den baldigen Tod Jinnahs, - er starb 11.9.1948 an Tuberkulose - erahnt hätte: „höchstwahrscheinlich“.

Das Trauma der Partition

Nach der Ausrufung der Unabhängigkeit kam es zwischen den beiden nun souveränen Staaten zu einem umfangreichen Bevölkerungsaustausch, der immer wieder von Gewaltausbrüchen zwischen Muslimen, Sikhs und Hindus überschattet wurde. Schätzungen der Opferzahlen belaufen sich auf 1 bis 2 Millionen Tote, zudem wurden hunderttausende Frauen vergewaltigt, entführt, zwangsverheiratet oder zur Prostitution gezwungen. Etwa 15 Millionen Menschen verloren durch die Partition ihre alte Heimat, um entweder in Indien oder Pakistan eine neue zu suchen. Die Aussagen der Überlebenden erinnern an die Zeugnisse der Vertriebenen während und nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Greueln und Traumata und sind bis heute in beiden Ländern Gegenstand von Erzählungen, Romanen, Filmen und Dokumentationen.

Es seien hier nur Khushwant Singhs Roman Train to Pakistan, die Kurzgeschichte Toba Tek Singh von Saadat Hassan Manto, Manohar Malgonkars Roman A Bend in the Ganges und Bapsi Sidhwas Roman Cracking India genannt. Eine juristische oder politische Aufarbeitung der Ereignisse hat hingegen nicht einmal ansatzweise stattgefunden.

Ob die Teilung Indiens wirklich eine Errungenschaft war, wird von pakistanischen Intellektuellen gelegentlich hinter vorgehaltener Hand bezweifelt, obwohl solche Überlegungen als ketzerisch gelten. Doch niemand bezweifelt ernsthaft, dass Indien, trotz vieler sozialer Probleme, weit mehr davon profitiert hat als Pakistan, dessen Wirtschaft seit Jahren auf der Stelle tritt und dessen Wissenschaft und Technologie sich schon lange von dem ungeliebten Nachbarn abgehängt sieht.

Der Traum vom reinen Muslimstaat

Pakistan musste sich – anders als Indien – komplett neu erfinden. Während es Indien um eine möglichst günstige territoriale Besitzstandswahrung ging, sah sich Pakistan gleich mit einer nur schwer zu beherrschenden Aufteilung seines Territoriums in zwei voneinander sehr weit entfernte Landesteile konfrontiert. Hinzu kamen strittige Gebiete wie Kaschmir, das von Pakistan beansprucht wurde, was bereits 1948 zum ersten Kaschmirkrieg mit Indien führte. Andere Teilgebiete wie Belutschistan wurden gegen ihren Willen von Pakistan annektiert und stellen bis heute einen unbefriedeten Konfliktherd dar.

Die Folgen der Partition mit ihrer gewaltigen Völkerwanderung trafen das kleinere Pakistan stärker als Indien und gaben der jungen Islamischen Republik von Anfang an eine schwere Hypothek mit auf den Weg. Auch nach der Abspaltung des bengalischen Ostpakistan ist Pakistan keineswegs ethnisch homogen. Die grösste Ethnie sind die Pandschabi um die altehrwürdige Provinzhauptstadt Lahore, die fast die Hälfte der Bevölkerung stellen. Rund 15 Prozent sind Sindhi, die vor allem in der nach ihnen benannten Provinz um die Hafenstadt Karachi leben.

Eine ernüchternde Bilanz

Die Bilanz fällt nach 70 Jahren ernüchternd aus. Obwohl die Muslime rund 96% der Bevölkerung des Landes stellen, sind gewaltsame religiös-ethnische Konflikte an der Tagesordnung. Aus der einstmals liberalen und multikulturellen Hafenmetropole Karachi sind die meisten Christen, Parsen und Hindus weggezogen und auch muslimische Minderheiten wie Schiiten, Ismailiten und Sufis werden regelmäßig Opfer von Anschlägen zumeist sunnitischer Extremisten. Zudem ist Pakistan ein auffallend rückständiges Land geblieben. Im Ranking des Human Development Index (HDI) steht das Land gerade mal auf Platz 147. Der Analphabetismus beträgt bei Erwachsenen 42 Prozent und von 4 Millionen Kindern können mehr als 1 Million weder lesen noch schreiben oder rechnen. Das Ansehen der staatlichen Schulen ist ebenso schlecht wie das der dortigen Lehrer. Mittel- und Oberschicht sowie Armeeangehörige schicken ihre Kinder daher auf teure Privatschulen.

Der riesigen mittellosen Unterschicht, vor allem auf dem Lande, nehmen sich Koranschulen an, die in Pakistan bereits eine berüchtigte Tradition haben, etwa seit dem Regime des islamistischen Generals Zia Ul Haq sowie nach Ausbruch des Afghanistankonfliktes. In den Dörfern nehmen Fundamentalisten sogar eine Art von Knabenlese vor, indem arme Familien ihre Buben in die Medressen schicken, wo auch für ihr leibliches Wohl gesorgt wird. Zwar hat die Regierung 2013 einen nationalen Aktionsplan unter dem Motto Planning education, building the future ausgerufen, doch dürfte dieser, wenn überhaupt, erst in etlichen Jahren Früchte tragen. Die Zeit arbeitet noch gegen diese Maßnahmen, da die Geburtenrate in Pakistan mit nahezu vier Kindern pro Frau eine der höchsten Asiens ist und somit auch bescheidene Fortschritte im Schulwesen zunichte zu machen droht.

Auch im Gesundheitswesen bauen Islamisten und konservative Mullahs Widerstände auf, behaupten, dass die Schluckimpfung gegen Polio eine Machenschaft der Ungläubigen sei, um die Muslime auszurotten. Extremisten wie die Taliban haben in den letzten Jahren Dutzende von Gesundheitsmitarbeiterinnen bei Impfaktionen ermordet.

Es scheint daher höchste Zeit zu sein, sich den Auszug einer Ansprache ins Gedächtnis zu rufen, die Mohammed Jinnah gut zwei Monate nach Staatsgründung hielt:

„Meine Botschaft an Euch alle besteht aus Hoffnung, Mut und Vertrauen. Lassen Sie uns alle unsere Mittel in einer systematischen und organisierten Weise mobilisieren und die gravierendsten Probleme, die sich uns in den Weg stellen mit fester Entschlossenheit und Disziplin lösen, wie es einer großen Nation würdig ist.“ Mohammed Jinnah, am 24. Oktober 1947

17:37 14.08.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Manuel Negwer

Autor und Musiker, 1952 in Berlin geboren. 2012-2015 Leiter des Goethe-Instituts Pakistan, seit Juni 2015 Leiter des Goethe-Instituts Angola.
Manuel Negwer

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