Pakistans verhängnisvolles Erbe

Terror in Pakistan 1947 wurde die „Islamische Republik“ Pakistan gegründet, die bis heute nicht zur Ruhe kommt. Die Wurzeln der Gewalt reichen weit zurück.
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Pakistans verhängnisvolles Erbe
Ermittlungen nach dem Anschlag vom vergangenen Sonntag. Auch 69 Jahre nach seiner Gründung als „Islamische Republik“ kommt Pakistan nicht zur Ruhe

Foto: FAROOQ NAEEM/AFP/Getty Images

Das am Ostersonntag im pakistanischen Lahore von den Islamisten der Jamaat-ul-Ahrar verübte Selbstmordattentat, das mindestens 70 Christen und ihren sich auf einem Spielplatz vergnügenden Kindern das Leben kostete, war ein von den Tätern zielgenau gesetztes Fanal. Triumphierend übernahm der Sprecher der mit den Taliban verbundenen Extremistengruppe die Verantwortung für den Anschlag und kündigte selbstbewusst weitere an. Der Terror plagt das Land am Indus schon seit langem, obwohl die Armee vor allem in den Grenzgebieten zu Afghanistan immer wieder massiv gegen islamistische Kämpfer vorgeht. Die Regierung setzte in den letzten Jahren zunächst auf Deeskalation und Verhandlungen, erließ 2008 ein Moratorium für die Todesstrafe, um keine Märtyrer zu produzieren. Doch lief diese Strategie ins Leere: Die Frequenz blutiger Anschläge steigerte sich sogar, immer mehr Schiiten und Christen und auch unbeteiligte Sunniten wurden von Bomben zerfetzt oder starben im Kugelhagel.

Erbarmungslose Hinrichtungsserie

Ende 2014 kulminierte der Terror: Am 4. November tötete eine in der Nähe der pakistanisch- indischen Grenze gezündete Bombe 60 Zivilisten, die dort dem bei Touristen beliebten Spektakel der Wachablösung zuschauen wollten. Am 16. Dezember richtete ein siebenköpfiges Taliban-Kommando in der Army Public School in Peschawar im Nordwesten des Landes ein bis dahin selbst für pakistanische Verhältnisse beispielloses Massaker an: 134 Schüler sowie rund ein Dutzend Lehrer und Schulbedienstete werden von den Extremisten kaltblütig exekutiert. Der Anschlag war eine gezielte Racheaktion gegen die vor allem von Armeeangehörigen besuchte Schule und so hob Premierminister Nawaz Sharif auf Druck der Armeeführung das Moratorium für die Todesstrafe unverzüglich auf. Zudem verlangte der Volkszorn nach Rache und so wurden die ersten beiden zum Tode Verurteilten hastig zum Galgen geschleppt.

Im Internet tauchten sogleich Fotos der am Strick hängenden Leichen auf, von den Usern bejubelt, obwohl die Täter für früher begangene Verbrechen verurteilt worden waren. Bis Ende 2015 starben weitere 333 Todeskandidaten am Galgen, in den Todestrakten warten noch 8000 Verurteilte auf ihre Hinrichtung. Das harte Durchgreifen der Militärs, die alle mit Todesurteilen abgeschlossenen Verfahren an sich rissen, um reihenweise Gnadengesuche abzuschmettern, wurde in der Öffentlichkeit einhellig begrüßt. Dass viele der gefällten Urteile kaum rechtstaatlichen Maßstäben entsprechen, fällt in der aufgeheizten Stimmung unter den Tisch. Als Schandfleck wird die Hinrichtung des angeblichen Kindermörders Shafqat Hussain im August 2015 in die pakistanische Justizgeschichte eingehen. Hussain, ein bettelarmer Analphabet aus Kaschmir, war zum Tatzeitpunkt nicht nur minderjährig sondern wurde allem Anschein nach durch Folter zu einem Geständnis gezwungen. Elf Jahre verbrachte er in der Todeszelle, bevor die Justiz dem allgemeinen Vergeltungsrausch nachgibt und ihn dem Henker ausliefert.

Hausgemachtes Terrorproblem

Pakistan ist das Paradies der Verschwörungstheorien: Kein Attentat, kein Flugzeugabsturz und keine Bombenexplosion ereignet sich, ohne dass die üblichen Verdächtigen angeprangert werden, an erster Stelle stets der Erbfeind Indien, gefolgt von CIA und Mossad. Dabei hat Pakistan sein Terrorproblem vor allem sich selbst zuzuschreiben. Bereits der von 1977 bis 1988 regierende General Zia Ul Haq setzte eine tiefgreifende und folgenreiche Islamisierung des Landes in Gang. Zia Ul Haq stürzte 1977 die zivile Regierung Bhutto und wäre wohl selbst bald wieder aus dem Amt geputscht worden, hätte die Sowjetarmee nicht im Dezember 1979 Afghanistan besetzt. Über Nacht mutierte der bigotte General zur weltpolitischen Schlüsselfigur. Pakistan an der Flanke Afghanistans bot sich als natürlicher Aufmarschplatz für den antisowjetischen Widerstand an. Die USA und Saudi-Arabien pumpten im Rahmen der Operation Cyclone zwischen 5 und 10 Milliarden Dollar in die Budgets der pakistanischen Armee und des Geheimdienstes ISI, um die von ihnen ausgebildeten Mujaheddin für den Kampf gegen die Sowjets zu rüsten.

Doch verfolgte Zia Ul Haq im Windschatten der USA eigene Ziele. Nicht die Sowjetunion sondern Indien stellte für ihn die eigentliche Bedrohung dar. Afghanistan sollte zu einem von jeglichem indischen Einfluss freien Klientelstaat Pakistans werden. In dem zu erwartenden großen Konflikt mit Indien war Afghanistan als sicherer Rückzugsraum vorgesehen. Pakistans Gewährsmann im Kampf gegen die Sowjets wurde der afghanische Warlord Gulbuddin Hekmatyar mit seinen Kämpfern von der islamistischen Gruppierung Hizb-i Islami.

Geburtsfehler des neuen Staates

Die Wurzeln des inneren Unfriedens in Pakistan reichen indes noch weiter zurück. Großbritannien hatte Pakistan am 14. August 1947 gemeinsam mit Indien in die Unabhängigkeit entlassen. Eine Heimstatt für die Muslime Indiens sollte der neue Staat werden, wie sein Gründungsvater und erstes Staatsoberhaupt Mohammed Ali Jinnah verkündete. Dabei war Jinnah alles andere als ein religiöser Eiferer: der den schiitischen Ismailiten angehörende Rechtsanwalt hatte ein Faible für schottischen Whiskey, französische Weine und edle Zigarren und wirkte im eleganten Maßanzug mit seidener Krawatte und Monokel wie ein britischer Kolonialaristokrat. Lange Zeit kämpfte Jinnah Seite an Seite mit Mahatma Gandhi für die Befreiung Indiens. Ab 1940 jedoch scherte er aus, um für die muslimische Nation Indien einen separaten Staat zu fordern.

Nicht alle Muslime Indiens lassen sich für das Pakistan-Projekt begeistern. Für die islamischen Religionsführer ist eine säkular geprägte Islamische Republik, wie sie Jinnah vorschwebte, ein Widerspruch in sich, denn ein wahrhaftiger islamischer Staat kann nur auf Koran und Scharia basieren. So fand sich Jinnah bereits vor Staatsgründung in einer Zwickmühle wieder, doch schon ein Jahr nach der Unabhängigkeit Pakistans starb er und ließ das Land führungslos zurück. Seitdem ist Pakistan nicht zur Ruhe gekommen und militärdiktatorische Phasen wechselten sich im Lauf der Jahrzehnte mit demokratischen Zwischenspielen ab.

Pakistans Kampf um die regionale Hegemonie

Am 17. August 1988 besteigt General Zia Ul Haq mitsamt einigen Mitgliedern seines Generalstabes sowie dem US-Botschafter eine Hercules-Transportmaschine der pakistanischen Luftwaffe, die ihn nach einer Waffenschau in der Provinz in die Haupstadt Islamabad zurückfliegen soll. Kurz nach dem Start gerät das Flugzeug ins Trudeln und explodiert beim Aufprall auf den Boden. Die Ursache für den Absturz ist bis heute ungeklärt, doch dürfte der KGB - die Sowjetunion hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Rückzug aus Afghanistan begonnen - das stärkste Motiv für die Beseitigung Zia Ul Haqs gehabt haben. Benazhir Bhutto - die Tochter des von Zia Ul Haq 1977 gestürzten und auf seine Veranlassung hingerichteten Premierminister Zulfikhar Ali Bhutto – gewann die nach dem Tod des Präsidenten angesetzten Neuwahlen.

Einen Plan für Afghanistan hatte die neue Premierministerin nicht und so überließ sie das weitere Vorgehen ganz der Armee und dem mächtigen Geheimdienst ISI. In dem nach dem Abzug der Roten Armee ausbrechenden afghanischen Bürgerkrieg setzte Pakistan erneut auf Hekmatyar. Eine neue kampfstarke Kriegspartei taucht 1994 zum ersten Mal auf: die Taliban. Sie haben sich in pakistanischen Koranschulen organisiert und werden schnell zum kriegsentscheidenden Faktor.

Ahmad Schah Massoud, der Verteidigungsminister Afghanistans, lädt alle Kriegsparteien zu Gesprächen und zur Beteiligung an einer nationalen Regierung ein. Doch setzt Pakistan weiter auf Konfrontation: Der Stabschef und spätere pakistanische Präsident Musharraf entsendet 28.000 Kämpfer und liefert im großen Umfang Waffen , um zunächst Hekmatyar und dann die ihn schnell überflügelnden Taliban in ihrem Kampf gegen die Zentralregierung in Kabul zu unterstützen. Zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung sowie die verheerende Bombardierung Kabuls gehen nach Einschätzung der UN auf das Konto dieser Allianz.

Das Doppelspiel Islamabads

Im September 1996 gelingt es den Taliban Kabul einzunehmen und das Islamische Emirat Afghanistan auszurufen, das lediglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wird. Die Regierung des Islamischen Staates Afghanistan bleibt jedoch die international anerkannte Vertretung Afghanistans und behält auch ihren Sitz bei den Vereinten Nationen. Der Tadschike Massoud zieht sich in seine heimischen Stammesgebiete im Nordosten des Landes zurück, die er gegen die Taliban verteidigen kann. Insgesamt fliehen rund eine Million Menschen vor den Taliban, Hunderttausende von ihnen suchen in den von Massoud kontrollierten Gebieten Zuflucht. Doch wird Massoud am 9. September 2001 von zwei als Journalisten getarnten Al-Qaida-Aktivisten ermordet; es gilt als wahrscheinlich, dass auch Pakistan an dem Attentat beteiligt war, da Massoud sowohl den Taliban als auch Islamabad im Wege stand. Zwei Tage später fliegen zwei Boeings in die Türme des WTC in New York.

Nach 9/11 zwingt George W.Bush den pakistanischen Präsidenten Musharraf in die War on Terror-Allianz gegen die Taliban, doch muss Musharraf Rücksicht auf die innenpolitische Lage nehmen, um sich nicht vollends als Busharraf – wie er von seinen Gegnern verspottet wird - zu diskreditieren. Das weitere Vorgehen Pakistans wird zum Slalomkurs: die London School of Economics and Political Science konstatiert 2010, dass Pakistan ein Doppelspiel erstaunlichen Ausmaßes spielt, da das Land offiziell als NATO-Verbündeter gilt, jedoch weiterhin über den ISI die afghanischen Taliban unterstützt.

Hoffnung auf Demokratie

Die von Zia Ul Haq und seinen Nachfolgern großzügig unterstützten islamistischen Gruppen sickern zunehmend von Afghanistan nach Pakistan ein und radikalisieren sich weiter. Ihr einstiger Gönner Islamabad ist zum Gegner, die pakistanische Armee zum Todfeind geworden. Zwar ist die Akzeptanz der Demokratie durch rund zwei Drittel der pakistanischen Bevölkerung ein Stabilitätsfaktor, der Pakistan positiv von vielen anderen islamischen Ländern abhebt. Doch kann eine Befriedung des Landes ohne eine Mitwirkung der orthodoxen Geistlichkeit nicht gelingen. Nirgendwo ist das in diesen Tagen vor allem in grünen und linken Kreisen erneut angestimmte Mantra „Terror kennt keine Religion“ abwegiger als in Pakistan. Die für das Massaker in Lahore verantwortliche Gruppe Jamaat-ul-Ahrar vertritt eine radikale Version der erzreaktionären Deobandi-Lehre. Alle Talibangruppen wie auch ihre zahlreichen Ableger berufen sich auf die von den Deobandis bzw. den Salafisten vertretene dogmatische Lesart des Koran. Die meisten dieser Gruppen rekrutieren sich zudem aus dem Umfeld der vor allem im Nordwesten Pakistans sehr zahlreichen fundamentalistischen Koranschulen, also aus einem zutiefst religiös geprägten Milieu.

Unsichere Aussichten

Doch die Zeichen stehen nicht auf Entspannung: Noch bis kurz vor dem Attentat in Lahore protestieren mehrere Zehntausend Anhänger fundamentalistischer Gruppen gegen die Ende Februar erfolgte Hinrichtung des Mörders von Salman Taseer, des Gouverneurs der Provinz Punjab. Taseer war im Januar 2011 von seinem Leibwächter mit 28 Schüssen niedergestreckt worden, weil er öffentlich Kritik an den in Pakistan geltenden Blasphemiegesetzen geübt hatte, die für die Beleidigung des Propheten die Todesstrafe vorsehen. Er ergriff zudem Partei für die Christin Asia Bibi, die aufgrund dieser Gesetze zum Tode verurteilt worden war. Zwei Monate später wurde ein weiterer Politiker - der Minister für religiöse Minderheiten und einzige Christ im Kabinett - aus demselben Grund ermordet. Die Konfliktlage in Pakistan ist nach dem jüngsten Anschlag in Lahore von einer Lösung weiter entfernt als je zuvor, die Spaltung der Gesellschaft scheint in absehbarer Zeit kaum zu überwinden sein.

12:40 28.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Manuel Negwer

Autor und Musiker, 1952 in Berlin geboren. 2012-2015 Leiter des Goethe-Instituts Pakistan, seit Juni 2015 Leiter des Goethe-Instituts Angola.
Manuel Negwer

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