Tödliche Courage

Menschenrechte Vor einem Jahr wurde die pakistanische Bürgerrechtlerin Sabeen Mahmud ermordet. Es bleiben Zweifel an der offiziellen Tatversion.
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Karachi, am 24. April 2015, kurz nach neun Uhr abends: die 39jährige Sabeen Mahmud kommt aus dem Café 'The Second Floor' und setzt sich an das Steuer ihres Suzuki Swift, ihre Mutter nimmt neben ihr Platz. Der Fahrer sitzt an diesem Abend im Fond und ruht sich aus. Die Frauen haben an einer Podiumsdiskussion zur Menschenrechtssituation in Belutschistan teilgenommen und wollen jetzt nach Hause. Einige Häuserblocks weiter muss der Wagen an einer roten Ampel halten. Dann geht alles sehr schnell: ein Moped mit zwei Männern hält neben dem Suzuki, der Mann auf dem Soziussitz zieht eine Waffe und feuert mehrmals durch das Fenster auf der Fahrerseite. Anschließend verschwinden die Täter in der Dunkelheit. Sabeen Mahmud ist sofort tot, ihre Mutter überlebt schwer verletzt.

Ein Forum der Künste und der Freiheit

'The Second Floor' – in der Stadt auch als T2F bekannt - http://www.t2f.biz/ ist eine Institution in Karachi, ein alternatives Kulturcafé mit einem ungewöhnlich interessanten und unkonventionellen Programm. Es ist Sabeen Mahmuds Projekt. Sie gründete das T2F im Jahr 2006, mit der Absicht, Kultur und Menschenrechte zusammenzubringen. Das Kulturzentrum soll zum Forum für alle Bürger und ihre Anliegen werden. Kaum ist man über die Schwelle getreten, befindet man sich in einer anderen Welt. Fröhliche Pastellfarben und Möbel aus hellem Holz erinnern an alternative Kulturzentren, wie sie in den 80er Jahren in Berlin oder Frankfurt aufkamen. Video-Workshops, Dichterlesungen und Theaterproben werden am schwarzen Brett angekündigt. Unweigerlich überschreiten die Themen die in Pakistan reichlich vorhandenen roten Linien: Frauenrechte, Jugendkultur, die Lage von Minderheiten, die demokratische Dimension der neuen Medien. Die Möglichkeiten des Internets und der digitalen Plattformen sind Sabeen ein besonderes Anliegen. Sie gründet eine IT-Firma und organisiert das erste Hackathon in Pakistan. Die Partnerschaft mit internationalen Institutionen wie British Council, Goethe-Institut und Alliance Française macht das T2F zu einer kosmopolitischen Insel inmitten der Mega-Stadt Karachi. Im Unterschied zu allen anderen öffentlichen Treffpunkten gibt es hier keine Eingangskontrollen durch bewaffnete Sicherheitskräfte. Sabeen Mahmud verzichtet bewusst darauf, als Absage an die Allgegenwart von Angst und Bedrohung in der Stadt.

Allzu schnelle Aufklärung

Nicht einmal vier Wochen nach dem Mordanschlag präsentieren die Behörden die Schuldigen. Sogar ein Sprecher der Geheimdienste – ein Paradoxon in sich – verurteilt die Tat und sagt Hilfe bei der Aufklärung zu. Die angeblichen Motive der Mörder muten wenig überzeugend an: Sabeen Mahmud habe wegen wiederholter anti-islamistischer Äusserungen sowie ihrer Gegnerschaft gegen die Burka „bestraft“ werden müssen. Auch ihr Engagement gegen eine von religiösen Eiferern betriebene „Anti-Valentin's Day“-Initiative zwei Jahre zuvor muss als Begründung herhalten. Die Profile der Täter werden von den Ermittlern für die Medien aufbereitet, alle potentiellen Widersprüche sollen ausgeräumt werden. Der Fall – so die Message - sei aufgeklärt. Doch da wird am 7. September 2015 Sabeens Fahrer erschossen, auf dieselbe Weise wie sie selbst. Sollte er davon abgehalten werden, seine die offizielle Version erhärtende Aussage zu widerrufen oder bei eventuellen journalistischen Recherchen unstimmige Details preiszugeben? Fragen wirft auch die Tatsache auf, dass der Fahrer im Hauptberuf Polizist war und zeitweise in einer Abteilung zur Korruptionsbekämpfung arbeitete.

Karachi, ein urbaner Dschungel

'Target killers' – Berufskiller, die ihren Job zumeist vom Motorrad aus erledigen - kann man in Karachi jederzeit anheuern, wobei sich die Höhe des 'Honorars' nach dem Status des zu beseitigenden Opfers bemisst. Nachwuchssorgen gibt es vor dem Hintergrund des Elends und der Perspektivlosigkeit, in der die Mehrheit der Einwohner des 20-Millionen-Molochs leben muss nicht. Die Stadt gleicht einem ethnischen Flickenteppich, in dem Mohajir, Sindhis, Paschtunen, Belutschen, Punjabis und viele kleinere Gruppen oft mehr neben- als miteinander leben. In früheren Jahren war der Anteil der Hindus, Christen und Parsen ungleich höher, doch sorgten Islamisierung und periodische Gewaltausbrüche für die Abwanderung der meisten nichtmuslimischen Bewohner.

Dennoch wächst Karachi weiter: Die kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan und im Nordwesten lösten eine bis heute nicht enden wollende Binnenwanderung in die Wirtschaftsmetropole des Landes aus, ebenso die immer wieder aufflackernden Unruhen in Belutschistan und die Überschwemmungen an den Ufern des Indus. Karachi beherbergt inzwischen drei bis vier Millionen Paschtunen, mehr als Kabul, die Hauptstadt Afghanistans. Das Zusammenleben der Gruppen ist fragil und kann jederzeit in Gewalt umschlagen. Die Mohajir – die indischen Muslime, die nach der Teilung Britisch-Indiens 1947 nach Karachi strömten – traten in Konkurrenz zu den einheimischen Sindhi, während die meisten Hindus und Sikhs ostwärts nach Indien flohen. Die politischen Parteien organisierten sich entlang der ethnischen Identitäten: die MQM ist die Partei der Mohajir, die PPP schart sich um den Großgrundbesitzerclan der Bhuttos, der vorgibt, die Interessen der Sindhis zu vertreten, während sich viele Paschtunen in der ANP wiederfinden.

An den Trennlinien zwischen den unterschiedlichen Kolonien entzünden sich immer wieder Konflikte, die oft in Schießereien ausarten. Die politischen Parteien unterhalten schwer bewaffnete Privatarmeen und sind allesamt in dunkle Geschäfte verwickelt: Illegaler Land-, Wasser- und Waffenhandel, Schutzgelderpressung und Drogenschmuggel bilden die Grundlage der informellen Wirtschaft, die in den unüberschaubaren rechtsfreien Räumen der Megametropole blüht. Ethnische, kriminelle, religiöse und politische Interessen und Rivalitäten überlappen einander auf eine für Außenstehende kaum nachvollziehbare Weise.

Die Tragödie Belutschistans

Die Vorgeschichte des Anschlages auf Sabeen Mahmud gerät nach dem Mord an ihrem Fahrer wieder in den Vordergrund. Der Geheimdienst ISI war bereits 2013 auf Sabeen aufmerksam geworden, als im T2F eine Buchpräsentation zum Thema der Verquickung militärischer und finanzieller Interessen stattfand. Die Aufmerksamkeit dürfte am Vorabend der Podiumsdiskussion zum Thema Belutschistan noch gestiegen sein: Am 9. April 2015 sollte Abdul Mama Qadeer – ein Menschenrechtsaktivist aus Belutschistan - an der „Lahore University of Management Sciences“ einen Vortrag zum Thema "Unsilencing Balochistan" halten. In letzter Minute wird die Veranstaltung „auf höhere Weisung“ abgesagt, was sowohl in der Studentenschaft wie auch in den sozialen Medien des Landes für Unmut sorgt. Sabeen Mahmud bietet sogleich an, die Veranstaltung im T2F abzuhalten, unter dem Titel "Unsilencing Balochistan – Take 2".

Qadeer steht schon lange im Fadenkreuz der Sicherheitskräfte. Im Oktober 2013 erregte er international Aufsehen, als er mit Mitstreitern einen Fußmarsch von Quetta, der Hauptstadt Belutschistans in die pakistanische Hauptstadt Islamabad organisierte, um auf das Schicksal der „Verschwundenen“ aufmerksam zu machen. 5000 Fälle sind bislang dokumentiert, während die Dunkelziffer ein Vielfaches davon beträgt. Auch einer von Qadeers Söhnen verschwand 2009 und wurde zwei Jahre später tot aufgefunden, vermutlich von Sicherheitskräften umgebracht. Im März 2015 bereitete sich Qadeer auf eine Reise nach New York vor, um an einer Menschensrechtskonferenz teilnehmen, auf der die Lage in Belutschistan erörtert werden sollte. Am Flughafen Karachi wird Qadeer das Besteigen des Flugzeuges verwehrt.

Autonomie - ein Tabu

Die Belutschen teilen mit den Kurden das Schicksal, ein Volk ohne eigenen Staat zu sein. Doch während es den Kurden gelang, die Weltöffentlichkeit zu mobilisieren und sie im Nordirak jetzt sogar über ein autonomes Territorium verfügen, spielt sich der Freiheitskampf der Belutschen abseits der Schlagzeilen ab. Von den rund 6 Millionen Belutschen lebt die Mehrheit in der pakistanischen Provinz Belutschistan, eine Minderheit im östlichen Iran. Ein schmaler Streifen im Norden Belutschistans gehört zu Afghanistan. Die seit Jahrzehnten schwelende und immer wieder gewaltsam hervorbrechende Opposition gegen Islamabad ist einer der vielen ungelösten Konfliktherde pakistanischer Politik. Sie gemahnt die Regierung an den Verlust Ost-Pakistans im Jahre 1971, das größte Fiasko der pakistanischen Politik und Militärgeschichte. Damals begehrte die Bevölkerung in Ost-Pakistan gegen Islamabad auf, spaltete sich – mit militärischer Hilfe Indiens – ab und hob einen eigenen Staat aus der Taufe: Bangladesh.

Belutschistan war im April 1948 gewaltsam von Pakistan annektiert worden, obwohl sich das belutschische Parlament gegen eine Zugehörigkeit zu dem erst 1947 entstandene Pakistan ausgesprochen hatte. Das dünn besiedelte Gebiet ist für Pakistan aufgrund seiner Bodenschätze wie Uran, Erdgas, Gold und Kupfer interessant. Zudem eignet sich die abgeschiedene Region als Testgelände für unterirdische Nukleartests. In den 70er Jahren brechen schwere Auseinandersetzungen aus, die rund fünf Jahre andauern. Präsident Bhutto schlägt den Aufstand mit der Hilfe des Schahs von Persien blutig nieder, der auch im iranischen Teil Belutschistans für klare Verhältnisse sorgt.

Interesse, die verarmte Provinz zu entwickeln zeigt Pakistan bis heute allenfalls auf niedrigem Niveau. 2004 erheben sich erneut bewaffnete Rebellen, ihr Anführer wird von pakistanischen Sicherheitskräften getötet. Die Repression eskaliert, Aufständische oder der Mitwisserschaft Verdächtige werden inhaftiert, gefoltert oder verschwinden spurlos. Doch auch der Widerstand organisiert sich immer effizienter, eine Balochistan Liberation Army kündigt entschlossene Kampfbereitschaft bis zur endgültigen Befreiung des Landes an. Eine Autonomie lehnt Islamabad jedoch bis heute kategorisch ab.

T2F soll nicht sterben

Sabeen Mahmuds Tod löst in der Kulturszene Pakistans Entsetzen und Empörung aus. In britischen und US-Medien wird ausführlich über den Mord und die möglichen Hintergründe berichtet. Auch in Indien kommt es zu Solidaritätsveranstaltungen. Schnell setzt sich die Überzeugung durch, das T2F weiterzuführen. Kulturschaffende aller Sparten spenden für das T2F, das Programm soll nicht lange ruhen sondern ganz im Sinne Sabeens fortgesetzt werden. Ein 'Hackathon' wird ihr zu Ehren veranstaltet. https://f3mhack.org/index.php/en/ Der Blogger Sami Shah schrieb aus Anlass von Sabeen Mahmuds Beisetzung: “Es ist üblich zu sagen: 'Ruhe in Frieden'. Aber das passt nicht zu Sabeen, sie würde bestimmt nicht in Frieden ruhen. Dafür hatte sie noch viel zuviel vor, war zu kreativ und wusste, wofür es sich zu kämpfen lohnte.”

Sabeen Mahmuds Mutter Mahenaz Mahmud wird am 14.05.2016 um 19:00 im Berliner ‚Hebbel am Ufer‘ (HAU2) im Rahmen des deutsch-pakistanischen Kulturtreffens "From Inside to Way Out" an einer Diskussionsveranstaltung über den zivilen Widerstand im heutigen Karachi teilnehmen.

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/2015-2016/from-inside-to-way-out/

11:42 22.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Manuel Negwer

Autor und Musiker, 1952 in Berlin geboren. 2012-2015 Leiter des Goethe-Instituts Pakistan, seit Juni 2015 Leiter des Goethe-Instituts Angola.
Manuel Negwer

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